Eigentlich war er ja in dieses Land gekommen, um eine Brücke über den Rio Yasica zu bauen. Doch wie so viele andere Besucher dieses Landes verlagerte auch Alfred seine Interessen in ganz andere Richtungen, denn während die schweren Eisenteile der Brücke inzwischen auf einer feuchten Wiese irgendwo zwischen Gaspar Hernandez und Cabarete dahinrosten, suchte sich unser Pole zunächst einmal eine Braut.
Im Gegensatz zu jenen Abenteurern, die hier ganz einfach nur ihr Geld versaufen und danach uns oder ihre Botschaften um den Rückflug anschnorren, legte Alfred Wert auf ein gesichertes Einkommen. Die Kuh Bar Libre schien ihm gerade recht, denn hier gab es damals zu ebener Erde eine Wechselstube nebst einem Telephonladen und darüber die eigentliche Bar mit einem kleinen Raum dahinter, in welchem drei Computer mit Internetanschluss standen. Alles in allem also eine todsichere Sache, denn ein Gebäude mit vier verschiedenen Geschäften - da konnte ja wohl einfach nichts mehr schief gehen!
Als nächstes mietete er dann ein kleines Haus neben der Radiostation von Las Terrenas an und richtete es komplett neu ein. Seine Braut war im Anfang auch sehr fleißig und kochte und putzte, daß es eine reine Freude war. Natürlich war sie nicht allein, denn wenn jemand mit einer Dominikanerin liiert ist, nimmt sie selbstverständlich die halbe Familie mit - sollen doch möglichst viele an ihrem Glück teilhaben!
In der Folge sah man Alfred nun mehrmals täglich zwischen seiner Wohnung und der Kuh Bar hin und her pendeln und zwar zunächst mit seinem Auto, dann - als dieses von den Kindern zu Tode repariert worden war - mit dem Motorrad und - nachdem er dieses in seiner großen Güte mit den gleichen Kindern so lange geteilt hatte, bis auch das den Geist aufgegeben hatte - mit dem Betriebsfahrrad.
Sein Tagesablauf war stets derselbe: Nach dem Frühstück ging´s ins Geschäft, um zwölf wieder nach Hause zum Mittagessen, danach kam die Siesta, um die Mittagshitze zu überstehen und so gegen vier dann wieder zurück in Richtung Kuh Bar.
Ich kam erst ins Spiel, als dieses tägliche Einerlei eine jähe Unterbrechung erfuhr, denn eines Tages fiel Alfreds Mittagessen aus. Der Grund war ebenso einfach wie unangenehm, die Wohnung war nämlich zur Gänze ausgeräumt worden; sie war - wie man in Immobilienkreisen zu sagen pflegt - besenrein: Das gesamte Mobiliar war weg, inklusive des Fernsehers, des großen Kühlschranks, des Küchenherdes mit den Gasflaschen, der Waschmaschine, der Betten und aller sonstigen Sachen.
„Du sag mal, Pedro! Du bist doch schon eine Weile hier. Was hat denn das zu bedeuten? Wie soll ich mich denn nun verhalten?“
Wir standen vor der leeren Hütte. „Sieh es einmal so, Alfred!“ legte ich tröstend meinen Arm auf seine Schultern „Sie war zum ersten Mal ehrlich zu Dir! Sie hat Dir gezeigt, was sie von Dir hält! Es gibt circa vier Millionen Frauen hier auf der Insel. Such Dir also bitte eine andere!“ Seine Reaktion überraschte selbst mich: „Aber ich liebe doch diese Frau!!!“ - „Ja dann mußt Du neue Möbel kaufen, Alfred!“ Und das tat er dann auch.
Szenenwechsel!
Eine neue Wohnung, neue Möbel, diesmal aus handgeschnitztem Mahagoniholz, neuer Fernseher, Kühlschrank, Herd und Waschmaschine - alles war neu, nur die Akteure waren die alten geblieben.
„So schlecht kann sie ja gar nicht sein, Pedro!“ vertraute er mir eines Tages an. „Sie möchte ihren Beitrag zum Haushaltsgeld beisteuern und arbeiten gehen.“ - „Klingt gut, Alfred. An was dachte sie denn dabei?“ - „Sie möchte im Colmado ihres Onkels aushelfen und sich so etwas dazuverdienen.“
Das klang zwar immer noch gut, doch hatte er etwas Entscheidendes verschwiegen. Der Laden war nämlich so gut wie pleite und daher mußte Alfred zunächst mit runden hundertfünfzigtausend Pesos die aufgelaufenen Verbindlichkeiten auf Null stellen und danach Waren einkaufen, was etwa eine gleichgroße Summe erforderte, denn was hätte seine Angebetete denn sonst verkaufen können? Ob sie auch nur für eine Stunde tatsächlich im Laden gestanden ist oder jemals ein Gehalt von ihrem Onkel bezogen hat, entzieht sich indes bis heute unser aller Kenntnis.
Angesichts dieser - aus Sicht ihrer dominikanischen Familie - durchaus erfreulichen Investitionen verlief denn auch der Hausfrieden wieder eine Weile recht harmonisch bis hin zu jenem denkwürdigen Tag, als Alfred leicht angesäuselt so gegen fünf am Nachmittag nach Hause kam und die auf dem Bette liegende und fernsehende Lebensgefährtin mit der Frage belästigte: „Gibt es denn hier nichts zu essen? Ich habe Hunger!“ Unverwandt schaute diese auf den Bildschirm: „Ohne Geld gibt es hier gar nichts!“ Also rückte Alfred zweihundert Pesos heraus. Die verschwanden zunächst blitzschnell irgendwo in ihrer Bluse und dann kam die verhängnisvolle Antwort: „Für zweihundert Pesos hebe ich doch meinen Hintern nicht aus dem Bett!“ Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als sie mit der Schere Alfreds Bauch aufschlitzen wollte. Es wurde denn auch tatsächlich eine recht ordentliche Schramme. In Todesangst versuchte Alfred nun, seine Braut von der Schere zu trennen, was ihm zwar gelang, doch zeigte sie ihn daraufhin wegen Körperverletzung bei der Polizei an. Das war dann das zweite Mal, daß ich ins Spiel kam.
Die Sitzordnung war ähnlich wie beim Dominospiel: Die Schlampe mir gegenüber, Alfred rechts und der Teniente links. „Was machen wir denn nun?“ fragte ich den Polizeichef. „Einsperren - was denn sonst?!“ - „Wen denn?“ - „Na IHN natürlich!“ – „Hör gut zu, Teniente! Der Mann hat einen Bypass am Herzen. Wenn der in Deiner Zelle stirbt, werde ich dafür sorgen, daß Du ganz große Probleme bekommst!“ Doch es nutzte nichts, Alfred gab den Hosengürtel ab und verschwand in das Rattenloch hinter der Kaserne. Immerhin war es mir noch gelungen, auch seine Braut in Haft nehmen zu lassen. Ich besorgte ihm noch was zu Essen und Zigaretten. Dann ging der Tag zu Ende.
Am nächsten Morgen wollte ich Alfred aus der Zelle holen und gegenüber in die Casa Azul zum Frühstück am Strand einladen. Auf der Station erfuhr ich dann, daß der Pole bereits zu Hause sei. Was war in dieser Nacht geschehen?
Gegen drei Uhr früh war es dann brenzlig geworden: Alfred hatte tatsächlich einen Schwächeanfall bekommen, die Mitgefangenen hatten mit ihren Schuhen so lange gegen die Gitter der Zellentüre getreten, bis die Polizisten ihn rausholten und mit Blaulicht in das Spital brachten. Der Arzt erkundigte sich beim Sergeanten: „Hat der wen umgebracht?“ - „Nein, der hat nur Probleme mit seiner Frau!“ war die Antwort. „Den könnt ihr nicht einsperren, der Mann hat einen gefährlich hohen Blutdruck. Der schläft heute nacht in seinem Bett!“ Und während Alfred also mitten in der Nacht total geschafft die Stiegen zu seiner Wohnung erklomm, war eines seiner lieben Kinder schon wieder dabei, die nächsten Möbel auseinanderzuschrauben und wegzubringen!
Die kleine schwarze Ratte saß noch zutiefst beleidigt in einem der goldenen Schaukelstühle auf der Terrasse, als ich den Polen endlich in seinem Bette liegend antraf. „Wieso hast Du den Bengel nicht schon längst von der Terrasse geworfen?“ fragte ich etwas verwundert, doch Alfred meinte nur:
Weißt Du Pedro, es ist doch so: Wenn seine Mutter ihn beauftragt, die Möbel wegzubringen, dann muß er das natürlich machen, aber in seinem Herzen steht er auf meiner Seite, hat er mir versichert!“
Wenig später saßen wir auf der Terrasse und tranken Bier aus großen Flaschen. Der Kleine war inzwischen gegangen. Nach einer Weile erschien dann der neureiche Onkel und forderte uns auf, zur Polizei zu gehen und dort irgendwas zu unterschreiben, damit die liebe Nichte wieder freikommen könne, denn die war ja immer noch in Haft. Ich gab ihm zu verstehen, daß wir hier lieber weiter unsere Freiheit genießen und Bier trinken möchten. Die Götter hätten das so gewollt und daran würden wir auch nichts ändern. Schließlich habe SIE ja die ganze Sache zur Polizei gebracht und wenn sie freigehen wolle, bräuchte sie ja nur die Anzeige gegen Alfred zurückziehen!
Eine Stunde später überbrachte uns der gute Onkel dann ihre Antwort: Sie würde die Anzeige zurückziehen, wenn sie dafür die Wohnung (mit den Möbeln natürlich) bekäme! Ich hatte sofort eine wahrhaft dominikanische Idee: „Was hältst Du davon, wenn WIR jetzt mal zur Abwechslung die Möbel mitnehmen, Alfred? Bringe sie einfach zu mir, denn mein Haus ist weitgehend leer! Danach fährst Du dann zur Polizei und gibst ihr die Schlüssel und wenn sie dann die Wohnungstüre aufsperrt, werden wir ein Photo von ihr machen!“
Doch die Sache wurde nicht mit ganzem Herzen angegangen und bevor sie mich auch noch des Diebstahles bezichtigen konnte, schickte ich die paar Sessel lieber wieder zurück.
Nachdem der Pole also nun auch die zweite Möbelgarnitur losgeworden war, schien er zunächst ein wenig Abstand von seiner Geliebten nehmen zu wollen, denn er mietete sich ein kleines Zimmer mit Küche und Bad bei einem guten Freund an. Hier fand er endlich Ruhe, denn der Hausbesitzer hatte seiner großen Liebe den Zutritt ausdrücklich verboten.
In dieser für Alfred so schweren Zeit machte ich ihm eines Tages folgenden Vorschlag: „Was hältst Du davon, wenn ich jetzt mal die Regie übernehme, Alfred? Als erstes bekommst Du eine neue Braut. Die habe ich bereits bestellt und die wird in ca. einer halben Stunde geliefert. Heute Nachmittag ist schon die Hochzeitsfeier angesetzt und die Ehe wird dann morgen früh um zehn hier auf dem Tisch öffentlich vollzogen!“
Als Altagracia dann tatsächlich erschien, wunderte sich der Pole schon gar nicht mehr, er nahm sie einfach bei der Hand und führte sie zunächst voller Stolz durch seine Kuh Bar, erklärte ihr dann die Funktion der Computer und des Call Back Systems seines Telephonladens und nahm sie anschließend mit zu sich.
So hatten wir schlußendlich alle was davon: Alfred hatte nun neben seinem Betriebsfahrrad also noch eine Betriebsbraut, die wiederum hatte die Gunst der Stunde genutzt und einen Arbeitsplatz in der Bar ergattert und wir konnten nun endlich die Titten sehen, die wir immer sehen wollten!
Doch wie das nun mal so ist im Leben: Jedes Ding ist endlich! Es kam der Heilige Abend. Altagracia war bei ihrer Familie in Sanchez. Alfred und ich standen in seiner Bar, er auf der einen und ich auf der anderen Seite der Theke. Ergriffen hob er plötzlich sein Gesicht zum Himmel und meinte voller Seelenpein: „Ich bin ganz alleine, Pedro!“ Dicke Tränen fielen zu Boden. „Das sind wir doch schließlich alle!“ versuchte ich ihn zu trösten, doch nun folgte ein wahrhaft heldenhafter Entschluß: „Paß bitte auf die Bar auf! Ich bin gleich wieder da, Pedro.“
Damit stand ich nun zum ersten Mal auf der anderen Seite der Theke und es dauerte auch nicht lange, da erschien Jens, unser Klempner und bestellte einen Cuba Libre. Dessen Zubereitung war ja nun wirklich kein Problem.
„Ich bin hier allerdings nur zur Aushilfe, Jens. Ich hoffe daher, Du kannst ihn auch bezahlen.“ Er holte lächelnd einen zwanzig Pesos Schein hervor und den legte ich dann in die kleine rote Blechkiste, die zu diesem Zwecke auf dem Tisch neben der Spüle stand. Danach kam ich um die Theke
herum, setzte mich zu ihm und wir plauderten gerade ein wenig, als ein Motorrad unten anhielt: Alfred stürmte die Stiege hinauf - dicht gefolgt von seiner alten Braut, genau jener, die wir mit allen Mitteln von ihm fernhalten wollten! Ihre erste Aktion war denn auch bezeichnend: Anstelle eines Grußes verschwand ihre Hand in der Kasse und die soeben erst eingenommenen zwanzig Pesos hatten ihren Besitzer gewechselt. Alfred hatte das gar nicht bemerkt, so überglücklich war er, nun endlich nicht mehr alleine zu sein!
Nun, als seine alte Braut wieder im Rennen war, ergaben sich natürlich weitere ungeahnte Möglichkeiten, Alfred abzuzocken: So fiel eines Abends in der Kuh Bar wieder einmal das Licht aus. Das kommt hin und wieder vor und die Compania de Fuerza y Luz tauscht dann irgendwo einen Transformator aus und in maximal einer Stunde ist alles wieder hell. Doch dieses mal war der Grund ein anderer: Die Rechnung war nicht bezahlt worden!
„Ich habe dem Onkel doch extra das Geld dafür überwiesen!“ entrüstete sich Alfred. Dieser jedoch hatte einen anderen Verwendungszweck für wichtiger gehalten. Also mußte der Pole noch mal bluten. Auch weitere Auftritte bei der Polizei, verbunden mit einigen Stunden Knast gingen auf das Konto seiner alten Liebschaft. „Gib mir Dein Geld, Alfred! Ich hebe es für Dich auf. Die Bullen nehmen es Dir sonst ab, wenn Du einsitzt!“ Das tat er dann auch, doch sah er es trotzdem nicht wieder, denn der Onkel hatte inzwischen damit seine überfällige Stromrechnung bezahlt!
In diesem Stil ging es dahin und es dauerte auch nicht mehr lange, da war unser Pole endgültig pleite. Das war ja auch leicht vorhersehbar, denn hier in Las Terrenas wurde schon soviel Geld ausgegeben, daß die Hauptstrasse eigentlich gülden glänzen müßte. Hier würde selbst die Weltbank zugrunde gehen!
Mir hatten die Götter indes eines deutlich zu verstehen gegeben: Ich habe nicht das Recht, die Regie für irgend jemanden zu übernehmen und ich habe daraus gelernt. Also verfolgten wir das Geschehen weiter - in dem Dorf bleibt ja wirklich nichts verborgen - griffen aber nicht mehr ein. Und siehe da: Plötzlich hatte unser Pole nur mehr Glück. Er hat inzwischen einen guten Job angenommen, seine Kuh Bar vermietet und was das Wichtigste ist: er hat eine neue Braut und die ist doch tatsächlich so hübsch, daß ich schon den Vorschlag machte, sie zu klonen, denn dann hätten wir wieder alle was davon!
Pedro.
Verfasser: Pedro de Las Terrenas