Vorwort:
Wie es überhaupt dazu kam

Sokrates, der alte Greis
sprach des öfteren voll Sorgen:
„Ach, wieviel ist doch verborgen,
was man immer noch nicht weiß?“
Und so ist es - doch indessen
darf man eines nicht vergessen,
eines weiß man hier hinieden,
nämlich, wenn man unzufrieden.

So läßt Wilhelm Busch, der große Menschenkenner, seine „Knoppiade“ begin­nen. Viel hat sich in den vergangenen dreitausend Jahren dies­be­züglich wohl nicht verändert. Wir wissen, daß es diese Tage gibt, an denen aber auch alles daneben geht. Man kann ihnen nicht ausweichen. Das Verweilen im Bette bringt nichts, da man logi­scherweise einen sol­chen Tag erst erkennt, wenn das Schlimmste schon passiert ist. Selbst wenn Sie unter Zuhilfenahme Ihres Horos­kops, Ihres Psychiaters und un­ter Berück­sich­tigung Ihres Biorhythmus´ recht­zeitig begreifen sollten, was für ein Tag Ihnen bevorsteht und aus Sicherheits­gründen tatsächlich zu Bett ge­hen, lachen Sie dennoch nicht als Letzter, denn Ihre negativen Erlebnisse ver­schieben sich lediglich um diesen einen Tag. Wir können unserem Schick­sal eben nicht entgehen.
Es mag Menschen geben, die Streß brauchen, die Konflikte geradezu su­chen, um sich zu beweisen, daß sie den „Herausforderungen gewach­sen“ sind. Es sind dies offensichtlich die Nachfahren jener legendären Eroberer und Feld­­herren, denen wir unsere Geschichte verdanken, auf die sich das stützt, was wir in unserer Blindheit als abendländische Kultur bezeichnen.
Gott sei Dank bin ich nicht von dieser Bauart, ich möchte eigentlich nur mein Leben leben und das möglichst mit den Mitteln des geringsten Wider­standes. Irgendwelche Siege sind mir suspekt, da sie in der Regel auf Kosten irgend­welcher Verlierer zustande kommen. Es fällt mir daher schwer, die Lebens­regeln meiner Mitbürger zu übernehmen, denn diese sind geeignet, mich in zwei Persönlichkeiten zu spalten: Der, den Sie ge­fäl­ligst in mir sehen sollen und der, den ich selbst gerne im Spiegel sehen möchte. Diese Rollenspiele lassen uns jedoch vergessen, wer wir wirklich sind. Kennen Sie sich und Ihre Fähigkeiten? Ich glaube, der Wahrheit kom­men wir am nächsten durch die Reflexion jener Men­schen, denen wir be­gegnen. Daher sind Begegnungen sehr wichtig für uns Rudeltiere.
Ihre Begabungen erkennen Sie beispielsweise nur daran, daß andere sie Ihnen bewußt machen, für Sie selbst sind sie ja vollkommen normal. Es ist die Logik, die uns vom Glauben zum Wissen führen soll, doch leider han­deln wir zumeist unlogisch. Fast alle Entscheidungen werden auf emotio­na­ler Ebene getroffen. Die Ratio benötigen wir lediglich dazu, diese Ent­scheidungen zu erklären. Alle Fachleute aus der Werbebranche wissen das. Apropos Wissen: Nehmen wir einmal an, die Gesamtmenge alles Wissens­werten sei wie eine runde Erdbeertorte, dann ist unser heu­tiges „ge­sicher­tes“ Wissen ledig­lich ein kleines Stück dieser Torte. Wir stützen uns auf Regeln wie zum Beispiel die der Reproduzierbarkeit oder der quantita­tiven Häufig­­keit und übersehen dabei, daß diese Regeln von uns selbst geschaf­fen wurden. Wir scheinen jener Minder­heit des „Homo Erectus“ zugehö­rig, welche sich zum „Homo Sapiens“ ernannt hat und sich somit das Recht heraus­nimmt, ständig die Frage „Warum?“ zu stellen. Die göttliche Ant­wort haben wir denn auch verdient: Die Informationsgesell­schaft!
Da man uns eingeredet hat, Wissen sei Macht, benötigen wir immer schnel­ler immer mehr Infor­mationen. Angeblich brauchen wir diese, um die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeit­punkt treffen zu können. Man will ja schließlich nichts dem Zufall überlassen. Als Zufall bezeich­nen wir nämlich jene Normalitäten, welche sich unserer Logik entziehen und daher keiner weiteren Er­klärung bedürfen. So bastelt doch jeder seine Wahr­heit, mit der er leben kann und das ist doch schließlich die Hauptsache, nicht wahr?

Eigentlich diskutiere ich nicht gerne, denn eine Diskussion ist wie ein Sport mit Gewinnern und Verlierern. Der Sieger einer Diskussion muß nicht zwangsläufig die besseren Argumente haben, es genügt der erfolg­reiche Ab­schluß eines entsprechenden Rethoriksemi­nars. Wer erin­nert sich nicht gerne seiner Kindheit, wo wir stundenlangen Erzählungen gelauscht haben, wo unsere Phanta­sie angeregt wurde, man noch mit­einander sprach und sich im Verlaufe eines Ge­sprächs etwas Gemeinsames entwickeln konnte, ohne daß es zu peinlichen Profi­lierungskämpfen kam?
Am liebsten wäre mir, mit allen in Harmonie zu leben. Doch dieser Wunsch bleibt ein Traum, denn die Zivilisation mit all ihren kurio­sen Begleit­­erscheinungen holt mich immer wieder ein. Der Versuch eines Kompromisses scheitert, denn mein Vorschlag: „Ich lasse Euch in Ruhe und ihr laßt mich in Ruhe!“ wird nicht angenommen - sie lassen mich nicht in Ruhe!
So herzhaft unterschiedlich wir auch sein mögen, selbst Men­schen wie mir bleiben solche Tage nicht erspart, an denen alles schief läuft. Tage, an denen wir verzweifeln könnten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, doch meine Erfahrung hat gezeigt, daß ich mir eigent­lich immer selbst die Schuld geben muß.
An einem solchen Tag, es war einer der ersten des neuen Jahres, natur­gemäß saukalt, der Wagen war wieder nicht angesprungen und bis zu Mittag hatte ich mich immerhin schon zweimal fast dunkelviolett geärgert, gebar ich den Wunsch, sofort eine weite Reise anzutreten.
Heute weiß ich, daß dieser Tag ein Glückstag war!

Verfasser: Pedro de Las Terrenas
_________________


Kapitel 1