Karsten Kraemer ist tot. Er starb letztes Jahr in Las Vegas, in jener Stadt, in der er so gerne den Rest seines Lebens verbracht hätte. Der alte Jude aus Lippstadt war schon lange vor mir in Las Terrenas gewesen - ich denke, es werden alles in allem wohl so zwanzig Jahre gewesen sein. Er gehörte jener Elite an, die immer über irgendwelche Geldmittel verfügte, wenngleich ich den Eindruck hatte, daß es ausschließlich das Vermögen anderer war, welches er mit Umsicht und einer nicht zu leugnenden Klugheit zu verwalten und zu behüten vorgab.
Es war ihm gelungen, neben dem größten Hotel im Ort seine Kneipe zu errichten. Hier gab es die gute deutsche Küche wie bei Muttern zu Hause und seine Gäste waren gottlob auch nicht gezwungen, Spanisch zu lernen, für so manchen immerhin schon zwei gute Gründe, vom großen Hotel nebenan herüber zu kommen und hier bei Karsten sein Geld auszugeben. Als ich zum ersten Mal dort auftauchte, hatte er schon ein kleines Hotel darüber gebaut und es Finchen genannt. Es war zwei Stockwerke hoch, besaß etwa zehn Zimmer und das Mauerwerk zierten seine beliebten fünfstrahligen Judensterne. Neben dieser Auffälligkeit verwendete Karsten auch noch eine ganz spezielle Farbe - sie erinnerte ein wenig an das Schönbrunner-Grün, mit dem das alte Wien sich um die Jahrhundertwende so gerne präsentiert hatte.
Benannt war das Gemäuer nach seiner dominikanischen Braut, mit der er tatsächlich richtig verheiratet war und einen Sohn hatte. Der wiederum war Carstencito, was übersetzt etwa der kleine Karsten bedeutet.
Mental war Karsten schwer einzuordnen. Ich hatte das Gefühl, er balancierte ständig auf dem schmalen Grad zwischen Genialität und Wahnsinn, denn obwohl er zumeist mit fremdem Geld hantierte, nahm er seine Sponsoren nicht wirklich aus, ließ sie nie fallen oder gar im Stich. Viele seiner Geldgeber hätten ohne ihn mit Sicherheit alles versoffen oder sonst wie durchgebracht - Karsten hingegen wußte immer etwas sinnvolleres damit anzufangen. Um seine Kneipe zu füllen, organisierte er mindestens einmal im Monat ein großes Fest. Die mit Abstand umsatzträchtigsten Feierlichkeiten waren - wie könnte es auch anders sein - Hochzeiten und so nimmt es nicht wunder, dass Karsten im ersten Heiratsbuch von Las Terrenas bei jedem dritten Ja-Wort als Trauzeuge angeführt ist.
Einer der großen Investoren, an die ich mich erinnern kann, war Georg. Angeblich kam er mit einer halben Million guter deutscher Mark herüber. Er wohnte im Finchen, wurde zunächst mit Maricella verheiratet, damals eine der schlimmsten Huren des Dorfes und kaufte dann von Karsten die Kuh Bar Libre. Die nämlich hatte Karsten zusammen mit Hannes, dem Österreicher, der zu seinem harten Kern gehörte, direkt neben dem Rio de las Terrenas, dem einzigen Fluß des Ortes errichtet und auch dieses Gebäude wieder mit der eigenartigen Farbe und den neckischen Sternchen versehen.
Legendär war die Hochzeitsfeier mit Maricella! Es wurden in dieser Nacht sagenhafte siebzig Hühner gegrillt. Schon am frühen Nachmittag ging es los. Um den Griller recht bald auf die gewünschte Temperatur zu bringen, wurden die ersten Viecher über glimmende Plastikbecher gedreht, die ein paar Kinder vorher beim nahen Strand eingesammelt und unter die Holzkohle versteckt hatten. Da auf diese Weise das Dioxin gleich mitgeliefert wurde, beschloss ich, erst zu späterer Stunde an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Es wurde ein rauschendes Fest, fast alle Gringos deutscher Zunge waren anwesend und das war auch kein Wunder, denn die Konsumation war zur Gänze gratis! Gegen fünf Uhr früh fanden sich dann die Concho - Fahrer ein und fielen über die Reste her. Eine Woche später nannte mir irgendwer den Preis, den Karsten dem frisch gebackenen Bräutigam in Rechnung gestellt hatte: es sollen über siebzigtausend Pesos gewesen sein, ein Betrag also, für den man ohne weiteres schon einen richtig feinen Jeep hätte kaufen können.
Karsten aber fand tröstende Worte: „Wie oft heiratet man denn schon? Noch dazu in der Karibik!“ Doch diese Mischehen gehen in der Regel nicht gut, zu groß sind die Unterschiede in den Denkweisen der Liebenden. Und es dauerte auch kein Jahr, da ließ Georg sich wieder scheiden, immerhin ein weiterer Grund zum Feiern und wo diese Feier stattfand, bedarf doch wohl keiner besonderen Erwähnung!
Geradezu genial waren auch seine Firmenverschachtelungen. Raoul, sein unentwegt Whiskey trinkender dominikanischer Anwalt und Notar, pflegte der Einfachheit halber das niederzuschreiben, was Karsten ihm diktierte, knallte danach seinen Stempel darunter und schon war es amtlich! Auf diese Weise benannte er zum Beispiel den Weg, an welchem Finchen gelegen war, ganz einfach Calle de Chicago Boss, eine Hommage an seinen alten Freund Bob, der jedes Jahr aus den Staaten herüber kam und viele von uns mit abenteuerlichen Erzählungen aus seinem erfüllten Fliegerleben beglückte.
Doch kommen wir wieder zu Georg zurück! Der sah sich nämlich nicht in der Lage, die Kuh Bar professionell zu führen, da er entweder die Vorräte an gute Freunde in Form von „Diese Runde geht aufs Haus!“ verschenkte und/oder selbst versoff. Also vermietete er die Bar an Kö, der auch ständig im Dunstkreis Karstens anzutreffen war und sich dadurch Respekt zu verschaffen suchte, indem er mehrmals täglich eine volle Flasche Presidente Bier in einem Zug ohne abzusetzen in sich hineingoss, um danach mit einem bestialischen Rülpser alle Anwesenden im Umkreis von fast zweihundert Metern in fassungsloses Erstaunen zu versetzen.
Der nun schrieb immerhin schön ordentlich alle bestellten und konsumierten Getränke auf und führte somit die betriebswirtschaftlichen Agenden mit der Akribie eines gewissenhaften Buchhalters alter Schule. Doch die ständige Schreiberei hatte auch ihre Schattenseiten, denn Kö kam nun nicht mehr dazu, die Bestellungen auch auszuliefern und so suchte er einen Kellner. Daß das Nützliche mitunter auch sehr nahe liegen kann, wissen wir alle und so nahm sich kein geringerer als Georg dieser Aufgabe an, denn der war ja jetzt ohne Arbeit und das ist nicht gut für einen Mann.
Er machte seine Sache denn auch wirklich gut und das wiederum veranlaßte Karsten, ihn abzuwerben und für sich bei Finchen formlos anzustellen und seine Gäste bedienen zu lassen. Man sieht also, das Land braucht Investoren, die erstens viel Geld mitnehmen und zweitens auch bereit sind, selbst Hand anzulegen, wenn es mal drauf ankommt!
In der Folge sah man Karsten nur mehr tief befriedigt lächelnd mit seinem Block vor dem Bauch auf und abgehen und mit lauten Worten den armen Georg anweisen, Speisen und Getränke von hier nach da und die Reste wieder zurückzutragen.
Auf meine Frage, was das denn eigentlich für ein Spiel sei, lachte Karsten mich verschmitzt an und meinte: „Wir spielen hier das Spiel der wundersamen Geldvermehrung und bei einer Mindesteinlage von zwanzigtausend Dollars kannst Du auch mitspielen, Pedro.“ Er wußte, daß ich nicht einsteigen würde, denn ich hatte damals eine offene Rechnung von einhundertundachtzig Pesos, was ihn dazu veranlaßte, mir kein weiteres Bier mehr anzuschreiben. „Dann eben nicht.“ Ich hob die Schultern hoch, stieg auf den alten Jeep und tuckerte zurück zum Strand.
An der Weggabelung hielt mich Hannes auf: „Du Pedro, ich warte immer noch darauf, daß Du mir Dein Buch schenkst!“ - „Du bist wohl nicht ganz dicht, Hannes! Meine besten Freunde haben ohne Murren bezahlt und ausgerechnet Du, der mit Karsten überall beteiligt bist, willst es von mir armen Poeten geschenkt haben?! Doch hör gut zu! Ich habe da eine Latte bei Finchen. Die übernimmst Du und ich trinke jetzt sofort noch ein Bier dort. Hier hast Du das Buch!“ Und so geschah es. Als Karsten mir das Bier brachte, grinste ich ihn an und sagte: “Ich möchte Dich lächeln sehen, Karsten!“ Und er lächelte!
Leute wie er haben nicht nur Freunde. Einer seiner erklärten Gegner war ein Kanadier, der direkt vor ihm eine Pizzeria betrieb und auch heute noch betreibt. Die Sache eskalierte, als der auch noch neben der Kuh Bar eine Filiale eröffnete und so beschloß Karsten im Gegenzug, direkt gegenüber dem Lokal seines Widersachers mit Georgs Geld ein weiteres Hotel zu bauen. Es wurde in der Tat ein richtig hoher Klotz; vier oder gar fünf Stockwerke kamen da aufeinander, obschon die Geschoßdecken bedenklich an Stärke zu wünschen übrig ließen. Ansonsten wurde jedoch nicht gespart: Die keramischen Fliesen kamen aus dem fernen Spanien und die Klimaanlagen aus Miami. Selbstverständlich fehlten auch hier die eigenartige Farbe und die berühmten Sternchen nicht! Eine dominikanische Delegation vom Ministerium für Baugenehmigungen, die offensichtlich der Kanadier von nebenan in Bewegung gesetzt hatte, wurde von Karsten zum Essen eingeladen und dann so mit Alkohol zugegossen, daß sie erst in San Francisco de Macoris wieder zu Bewußtsein kam. Auf eine weitere Besichtigung wurde hernach verzichtet.
„Die haben doch tatsächlich die Bauzeichnungen sehen wollen!“ erklärte mir Karsten dann sein gastfreundliches Treiben, „Doch alle Zeichnungen befinden sich auf diesen zwei Klorollen hier und das war selbst mir etwas zu intim!“ Andererseits war er jedoch auch sehr stolz auf seine diversen Bauvorhaben, denn eines Tages gestand er mir, sein Gäste-WC umgebaut zu haben, so daß es jetzt möglich sei, während der Verrichtung einen direkten und ungetrübten Blick auf den Haupteingang des großen Hotels von nebenan werfen zu können.
Alles was er tat geschah nicht, um etwas zu besitzen und zu behalten, sondern um es mit Gewinn wieder los zu werden! Das war nicht nur mit seinen Immobilien so, das bezog sich auch auf die Frauen. Finchen - so sind wir uns heute noch alle einig - war eine äußerst liebenswerte und fleißige Frau, führte die Küche bravourös und war absolut ehrlich und verläßlich. Dennoch kam es zum Bruch: Karsten schwängerte sein Kindermädchen und zwar gleich so heftig, daß sie Zwillinge erwartete. Die Hochzeitsreise führte die beiden zum Machu Pichu hoch oben in die Berge Perus, wo Karsten in Cuzco ein Haus anmietete, seiner Braut eine alte Indianerin zur Seite stellte und danach seine alleinige Rückreise nach Las Terrenas antrat. „Begreifst Du jetzt, warum es Hochzeitsreisen gibt?“ fragte er mich lächelnd.
Doch es muß in Peru etwas gegeben haben, das ihn bewog, in Las Terrenas alles zu versilbern und sich anderen Dingen zuzuwenden. Er verkaufte das neue Hotel an eine italienische Familie, dann Finchen an einen Österreicher und zum Schluß die Kuh Bar Libre noch einmal an Alfred, unseren Polen, dem möglicherweise die nächste Geschichte gewidmet sein wird.
„Las Terrenas ist nicht mehr, was es einmal war. Du weißt, was ich meine, denn Du hast es ja auch noch miterlebt. Ich bin Las Terrenas müde geworden! Ich muß weg, bevor sie hier noch die ersten Ampeln installieren! Komme ich übrigens auch vor in Deinem Büchlein, Pedro?“ Ich legte meine Hand auf seine Schulter und lächelte zurück: „Nein - sei dankbar, Karsten!“
Die gewöhnlich gut informierten Quellen sprachen indes bereits von der nächsten Frau, der Karstens Interesse gegolten hätte. Sie besäße ein gutgehendes Hotel neben den alten Kultstätten oben in den Anden, wo täglich viele Touristen ihre Dollars ausgeben würden. Mit dieser Frau und seinem Sohn verunglückte er dann bei dem fürchterlichen Verkehrsunfall in Las Vegas. Er nahm Carstencito mit in den Tod. Beide Leichen wurden verbrannt und die Asche in alle Winde verweht. So wie sein Leben war auch sein Ende: Außergewöhnlich!
Es gibt Stimmen, die besagen, daß Karsten mit dem Erlös seiner Verkäufe ins Drogengeschäft einsteigen wollte, doch hätte er die dort üblichen Geschäftsmethoden unterschätzt.
Ich erinnere mich an folgendes Gespräch: „Du Karsten, im zweiten Teil kommst Du vor! Du kannst es lesen, bevor es in Druck geht.“ - „Das ist nicht notwendig, Pedro. Ich vertraue Dir blind! Du kannst über mich schreiben was Du willst. Mein Einverständnis hast Du auf jedem Fall!“
Das ist der Grund für diese Zeilen. Andere haben ihn besser gekannt, wären berufener gewesen als ich, doch einer mußte es schließlich machen, denn Karsten war kein Durchreisender. Er hat einen Teil der unendlichen Geschichte von Las Terrenas mitgeschrieben.
Pedro.
Verfasser: Pedro de Las Terrenas