Auf vielfachen Wunsch möchte ich die letzte Geschichte über dieses Land und seine dominikanischen Bewohner noch um ein paar Facetten ergänzen und heute über jene Dinge berichten, die ich selbst unmittelbar erleben durfte. Kommen wir also zunächst noch einmal auf die Straße zu sprechen, an der zu leben ich mich entschieden hatte und die von Las Terrenas über la Ceiba zur Playa Bonita bzw. weiter nach Coson führt.
Im Sommer, also wenn es nicht regnet, staubt es den ganzen Tag. Pausenlos kommen Lkws vorbei, die Caliche (Korallengestein, welches zum Strassenbau verwendet wird) geladen haben. Die Fahrer stehen im Akkord, denn die Franzosen an der Playa Bonita wollten einen riesigen Sumpf trockenlegen, um ihn dann als Grundstücke teuer zu verhökern. sie hatten sage und schreibe vierzigtausend (!) Lkws mit dem roten Abraum bestellt. Sie zahlten dafür zweihundert Pesos pro Fuhre und da kann man sich vorstellen, wie die dominikanischen Fuhrunternehmer reagieren.
Sie brettern ohne Rücksicht auf die Anwohner über die Straße und überholen sich sogar gegenseitig, um als erste am Ziel zu sein. Es gab tatsächlich schon Tote und Verletzte, doch fand sich niemand, der diesem Wahnsinn ein Ende setzte, denn wo immer ein müder Peso gemacht werden kann, passiert das auch.
Seit dem erstem Januar dieses Jahres gilt in allen französischen Besitzungen die neue europäische Finanzgesetzgebung. Nicht deklarierte Gelder (um es einmal charmant auszudrücken) mussten also dort abgezogen und woanders hingeschickt werden. Da in der Dominikanischen Republik jeder willkommen ist, der Geld mitbringt, landet nun das ganze Schwarzgeld bei uns.
In der Regenzeit, die sich von ursprünglich Mai und Juni auf Oktober, November und Dezember verlagert hat, verwandelt sich die Straße vor meinem Haus in einen roten Sumpf, den zu durchqueren kaum noch möglich ist. Hin und wieder balancieren jedoch einzelne Fußgänger an den Rändern vorbei und werden von den rücksichtslosen Autofahrern regelmäßig angespritzt.
Als Folge all dieser Unzumutbarkeiten wandten sich die Leute an ihren Sindico, den Bürgermeister, der ihnen erklärte, daß er dort nicht wohne und daher keine Veranlassung hätte, dort irgend etwas zu unternehmen. Danach baten sie mich (!), doch einmal mit ihrem Sindico zu reden, denn ich kenne ihn natürlich auch.
Also werde ich einen Tag später bei dem Mann vorstellig. „Warum machst Du denn die Straße nicht, Milo? Man kann dort ja wirklich nicht mehr gehen. Diese Leute haben Dich schließlich gewählt!“ Er bat mich daraufhin doch bitte Platz zu nehmen und lehnte sich sichtlich zufrieden zurück. Dann erklärte er mir folgendes: „Pedro! Du weißt doch, daß jeden Tag drei bis vier Autobusse da durchfahren, um Touristen an die Playa Bonita zu bringen und jeder Bus hat 32 bis 34 Sitzplätze. Don Louis, der Besitzer des Hotels Punta Bonita bekommt 30 Dollars pro Nase, das heißt, er macht dreitausend Dollars jeden Tag! Ich warte doch nur darauf, daß der erste Bus stecken bleibt und nicht ankommt. Wer wird dann wohl die Straße machen, Pedro?“
Er war inzwischen aufgestanden, hatte sich vor mir aufgestellt und klopfte mir überlegen lächelnd auf die Schulter. Ich lächelte zurück und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Wieder einmal hatte ich dazu gelernt. Zwei Tage später besuchte ich Don Louis und erzählte ihm diese Geschichte. Der alte Fuchs hob die Augenbrauen und meinte: „Er hätte ja recht Pedro, wenn ich keine Steuern zahlen würde. Aber ich zahle Steuern und gar nicht zu knapp! Es ist daher schon seine Sache, für die Straße zu sorgen.“
Ich kratzte mich verlegen grinsend hinter dem rechten Ohr und erwiderte: „Hör zu, Don Louis! Ich kenne jetzt seine und Deine Version und wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir seine besser!“
Vor zwei Jahren hatte ich durch eine göttliche Fügung zehntausend Dollars in der Hand oder genauer gesagt in meinem berühmten Koffer mit den drei Schlössern. Mit diesem Betrag baute ich dann das Haus an der besagten staubigen Straße.
Für das Grundstück habe ich nichts bezahlt, immerhin etwas, das wohl kaum ein Gringo hier von sich behaupten kann und das kam so: „Papolo, ven aqua! (Komm her!) Ich muß mit Dir reden!“ Papolo ist der Vater meiner mich liebenden Mercedes und zwei Jahre älter als ich. „Hör zu, Papolo! Ich baue jetzt hier ein Haus. Das baue ich nicht für mich, sondern für meine kleine Tochter und wenn ich schon das Haus baue, wirst Du mir den Grund schenken.“ Mit offenem Mund starrte er mich an. „Ja!“ fuhr ich nun fort „Du wirst mir den Grund schenken und weißt Du auch warum?!“ Er schüttelte nur ungläubig mit dem Kopf. Ich ging auf ihn zu und lächelte ihn an. „Weil Du eine von Deinen blöden Töchtern los geworden bist!“
Daraufhin verschwand er in seiner Hütte, kam kurz darauf wieder zurück und hatte einen Doppelliter Brugal mitgebracht. Dann setzten wir uns in zwei Plastikstühle und besiegelten den ungeschriebenen Vertrag bis die Flasche leer war. Danach fielen wir ins Bett - er in seines und ich in meines.
Eines Tages bemerkte ich, wie Mercedes meinen Koffer aufmachte, das Dollarpaket in die Hand nahm und zu zählen anfing. Ich stand draußen und schaute durch die Fensterlamellen zu. Sie nahm nichts weg und als sie endlich fertig war, legte sie es wieder ordentlich zurück und machte den Deckel zu. Lächelnd trat ich nun ins Zimmer und fragte: „Nun Mercedita! Wieviel Dollars haben wir denn hier?“ Sie fühlte sich ertappt, schlug ihre Augen nieder und sagte, brav wie ein Schulmädchen: „Mucho!“
Mit meinem dominikanischen Baumeister hatte ich ebenfalls Glück. Er hatte sich nämlich in die dicke Nona verliebt, eine Schwester von Mercedes und der wollte er natürlich zeigen, wie gut und sauber er arbeiten kann. Da ich mit Dominikanern lebe, hatte ich auch keine Delegationen von all diesen Institutionen zu befürchten, die jeden Anlaß benutzen, um die Hand aufzuhalten und abzuzocken. Ich habe also wirklich nur für Material und Lohn bezahlt.
„Ich fahre heute nach Sosua, Mercedes. Hier hast Du tausend Pesos, ich hab es leider nicht kleiner. Paß also gut drauf auf! Ich komme heute Abend wieder zurück.“
In Sosua mußte ich wieder einmal kassieren und neue Bücher nachliefern. Als ich wieder zurückkam, war es schon dunkel. Ich trat ins Haus. Die Kinder sahen fern. Mercedes war nicht da. Also fragte ich den ältesten Buben: „Y la Mama - donde esta?“ (Wo ist die Mutter?) Der Knabe schaute gar nicht weg. „Pa´ Colmado, Pedro.” Also war sie einkaufen, müßte daher bald auftauchen und dann gibt's was zu essen.
So dachte ich zumindest und zog meine Stiefeln aus. Nach einer Stunde fragte ich dann : „Y que Colmado?“ (Welchen Laden?) Der Knabe schaute noch immer auf die Scheibe des Fernsehers. “Yo no se – mas palla!” (Weiß nicht - irgendwo weiter weg!) Also zog ich meine Stiefel wieder an, setzte mich auf ein Concho - dummerweise hatte ich ihr auch noch die Schlüssel für den Jeep dagelassen - und suchte Las Terrenas nach meiner Braut ab. Tiefer kann ein Mann ja wohl nicht sinken!
Zu allem Überfluß fand ich sie nicht einmal. Zu Hause wieder angekommen, hatte ich plötzlich eine Eingebung. „Fahr noch die zweihundert Meter weiter, da wo Bony der Kolumbianer seine Kneipe hat!“
Und siehe: Da saß sie auf der Terrasse und plapperte mit den Gringos herum.
Also pflücke ich sie dort runter, stellte sie auf die Straße und meinte: „Tu te vas a la casa! Ahora mismo!“ (Du gehst sofort nach Hause!) Da funkelten ihre Augen im Zorn. „Frente la gente!” (Vor allen Leuten!) Das würde sie sich aber merken. „Das sollst Du Dir auch merken!“ entgegnete ich.
Zu Hause angekommen, ging es dann erst richtig zur Sache. Ich trommelte alle zusammen: die Brüdern und Schwestern, die Onkeln und Tanten, Papa und Mama und wer sonst noch alles anwesend war. Sie versammelten sich im Halbkreis auf dem Hof und hörten artig zu, was der Patron - der einzige, der hier was bewegt, bin natürlich ich - jetzt zu sagen hatte. Es folgte das schon bekannte „Papolo, ven aqua!“ und dann kam ich zur Sache. „Du hast so viele Töchter, Papolo. Gib mir eine andere - die hier kannst Du zurück haben!“ Dann drehte ich mich um, fuhr nach Las Terrenas und aß in einem Restaurant zu Abend.
Währenddessen wurde meine Braut von ihrer eigenen Familie gewaschen und das ging etwa so: „Da hat der Pedro aber recht. Er hat dir Geld gegeben und du hast ihm nichts zu essen gemacht. Du warst ja nicht einmal zu Hause! Wenn Du das mit einem Dominikaner machen würdest, der schlüge Dich tot! Wir erwarten, daß Du dich bei ihm entschuldigst und versprichst, Dich in Zukunft zu bessern!“ Und das tat sie dann auch.
Man sieht also, man muß nicht alles selber machen, einige Dinge kann man auch machen lassen!
Alle drei Monate muß ich hier den rechten Winkel einführen. Dann fliegen die Fetzen und es wird wieder einmal so richtig aufgeräumt. Ich war letztes Jahr für zwei Monate im fernen Österreich und überwies ihr fünftausend Schilling (Ein Schilling ist gleich ein Peso). Dann ruft sie mich an und meinte, man hätte ihr das Geld gestohlen. „Wie lange lebe ich denn schon auf Deiner Affeninsel, daß ich Dir dieses Märchen noch abkaufe?!“ Da wurde sie ganz klein und leise. „Es war mein eigener Bruder, Pedro!“ Den kenne ich und der ist ja nun wirklich ein Schlitzohr.
Also laß ich noch mal fünftausend nachwachsen. Jetzt, wo sie wieder Geld hat, kriegt sie plötzlich Oberwasser und läßt ihren Bruder einsperren. Der kommt nach drei Tagen wieder raus und redet mit seinem Papi. Papolo wird jetzt böse, hält zu seinem Sohn und läßt nun seine eigene Tochter einsperren, was den nächsten Anruf zur Folge hatte. „Pedro! Ich bin eingesperrt. Der Polizist steht neben mir. Schick mir Geld!“ –„Wie viel möchtest Du denn?“ – „Schick mir fünfzehn!“ (gemeint sind natürlich fünfzehntausend!) - „Die bist Du doch gar nicht wert!“ Aber habe ich ja ein großes Herz und überweise noch einmal zehntausend. Wir stehen also mittlerweile schon bei zwanzig!!! Dann kam der nächste Anruf. „Ich bin jetzt wieder draußen, Pedro.“ Allerdings hätte der Anwalt alleine schon siebentausensiebenhundert gekostet und mit dem Rest käme sie natürlich nicht über die Runden! Man sieht also: Meine Braut ist so kostbar wie ein Lottozwölfer!
Ich kam nach den zwei Monaten wieder nach Las Terrenas zurück und mußte wieder einmal feststellen, daß die Zeit hier schneller vergeht, denn nichts war so wie früher. Der große Kühlschrank war kaputt. Die Ratten hatten die Gummidichtungen runtergenagt und die Kühlflüssigkeit war auch weg. In den Fernseher war der Blitz eingeschlagen, der war ebenfalls hin. Die Stühle waren allesamt zerschlagen, ihre Reste lagen hinter dem Jeep und die Kinder verwendeten unsere ehemaligen Stuhlbeine als Baseballschläger. Meine Matratze war auf einer Seite abgeflacht, so als hätte man irgendwo die Luft rausgelassen und selbst die Kinderbetten, die aus Eisen (!) sind, mußten sage und schreibe achtmal geschweißt werden!
Ihre beiden Buben gingen nicht mehr zur Schule, statt dessen war eine Freundin von ihr eingezogen und hatte es sich inzwischen so bequem gemacht, daß ich erst grob werden mußte, um sie wieder rauszubringen.
Doch immerhin - einen Lichtblick gab es: Im Wohnzimmer stand eine etwa fünfzehn Jahre alte Pasola! (Motorroller) Die war natürlich auf Kredit angeschafft worden und die liebe Mercedes erwartete mit absoluter Selbstverständlichkeit, daß ich die lächerlichen siebentausend Pesos nachschiessen würde, die noch fehlten. Also machte ich die Türe auf und gab dem Roller einen kräftigen Schub. Die Pasola rollte über die Terrasse bis in die Mitte des kleinen Vorplatzes und fiel dann um. Neben mir wurde Mercedes plötzlich laut. Ich nahm sie beim Hals und sagte: „Noch ein Wort, dann liegst Du neben Deiner Pasola! Morgen kommt die Müllabfuhr, ich zahle denen zwanzig Pesos und dann bin ich Euch beide los!“
Kaum hatten sich die Wogen wieder geglättet, stand Papolo neben mir, legte seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Wir müssen mal hier die Quadratmeter von dem Haus ausmessen.“ Es war Sonntag und da haben die meisten ihren freien Tag, speziell jene, die gar nicht arbeiten. Die restlichen Familienmitglieder hatten sich in ihre Behausungen zurückgezogen und lauschten gespannt, wie der Pedro nun reagieren würde. „Du bist besoffen, Papolo - und mit Besoffenen rede ich gar nicht!“
Damit schien die Sache fürs erste aus der Welt, doch überlegte ich es mir anders. „Aber ich bin ja auch nicht mehr nüchtern. Laß uns also drüber reden, Papolo!“ Wir standen beide nebeneinander auf dem kleinen Vorplatz. „Ich hab nichts dagegen, doch wenn wir schon ausmessen, dann auch die kleine Blechhütte neben mir, wo die Morena wohnt, die von dem Haitianer gevögelt wird. Dann müssen wir auch noch die Hütte von der dicken Nona ausmessen, der ich das Haus geschenkt habe und die von meinem Baumeister gevögelt wird. Dann kommt noch die häßliche Dschungelschmiede dran, wo Dein mißratener Sohn seine Kunden übers Ohr haut. Das müssen wir alles ausmessen, Papolo!“ Sein Unterkiefer war inzwischen heruntergefallen und er sah mich ungläubig an. „Oder willst Du vielleicht nur bei mir herummessen??? Tu mich nicht ärgern, Papolo, weil wenn Du mich ärgerst, sage ich Dir jetzt, was ich dann machen werde.“
In der ganzen Anlage war es noch nie so still wie in diesem Moment. Alle schienen die Luft anzuhalten.
„Dreihundert Meter von hier hat ein Freund von mir eine Caliche - Mine. Dort steht ein neunzig Tonnen schwerer Caterpillar. Der kostet am Tag zwölftausend Pesos, das sind pro Stunde also tausend - zweihundert Pesos und für diesen Rattenstall hier brauche ich keine zehn Minuten. Da fahr ich im Standgas, die Schaufel halbhoch, einmal durch und singe dazu noch eure Nationalhymne!“
Entsetzt war daraufhin mein Schwiegerpapi einen Schritt zurückgewichen. „Wenn ich mit Euch fertig bin, muß die Gegend neu vermessen werden, Papolo und danach kannst Du dann wieder Yuca anbauen - so wie früher.“
Am nächsten Tag kam er zu mir, umarmte mich wie seinen Bruder und meinte: „Gestern war ich besoffen, Pedro. Es ist alles in Ordnung.“
Zum Abschluß noch eine kleine Geschichte. Ich habe im zweiten Teil meiner Bücher über einen Mecanico geschrieben, der mir damals eine unverschämt hohe Rechnung gelegt hatte, ohne je irgendwas Brauchbares dafür getan zu haben.
Gestern hat ihn das Schicksal ereilt. Die Bank, bei der er offensichtlich verschuldet war, zeigte wenig Mitleid mit dem Betrüger: Sie hat Holzpfosten in den Boden treiben und das gesamte Anwesen, inklusive seiner Behausung, mit viel Stacheldraht umzäunen lassen. Dort hockte er nun wie ein Pavian draußen vor seiner Hütte an einer Ecke und schaute sehnsüchtig auf sein ehemaliges Domizil.
Als ich das sah, mußte ich an den alten Indianer denken, der seinem hitzigen Sohn einst den Rat gab: „Bleibe ruhig, setze Dich an den Fluß und warte, bis die Leiche Deines Feindes vorüberschwimmt!“
Pedro.
Verfasser: Pedro de Las Terrenas