Großfamilien - Der fast geschenkte Tafelberg - Anleitungen zur Brautsuche - Paola; oder wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen



Gehören Sie auch zu jenen Menschen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen? Es gibt hin und wieder Anlässe, die uns gemahnen, innezuhalten und nachzudenken. Das Wissen um unsere Sterblichkeit läßt uns nach Religionen suchen, welche uns ein Leben nach dem Tode versprechen oder doch zumindest anderweitig trösten sollen.

Die anderen Geschöpfe auf unserem Planeten haben diese Fragen nie berührt, doch auf ihre Art die Antwort längst gefunden, denn sie sind pausenlos damit beschäftigt, ihr eigenes Leben zu sichern und ihre Spezies durch alle denkbaren Fortpflanzungsmethoden zu erhalten.

Vergegenwärtigen wir uns doch einmal, wie wir selbst zur Welt gekommen sind! Zunächst war es angenehm warm, wir waren geschützt, hatten genug zu essen und waren wunschlos glücklich.

Durch unsere Geburt erlitten wir das erste Trauma, denn wir wurden aus dem Paradies gepreßt ohne zu wissen, was uns am Ende des engen Tunnels erwartete. Plötzlich wurde es sehr hell, ein böser Mensch in Weiß hielt uns an den Beinen hoch und schlug uns mit seiner Hand solange ins Kreuz bis wir unseren Protest hinausschrien. Dann erschien ein weiterer Herr in Schwarz, welcher uns mit kaltem Wasser beschüttete und Unverständliches vor sich hin murmelte.

So fing alles an.

Die Erziehung bestand im Wesentlichen aus Ermahnungen, was wir alles NICHT tun dürfen und die Schule setzte dieses System sinngemäß fort, denn auch heute noch werden die Fehler unterstrichen und nicht etwa die positiven Teile einer Arbeit.
Als Resultat dieser Erziehung wünschen wir uns jedoch lebensbejahende, positiv denkende und glückliche Menschen.

Ich bin dafür, Erziehung durch Beziehung zu ersetzen und gemeinsam mit den Kindern zu leben. Wenn sie etwas wissen wollen, so werden sie uns fragen. Alles andere leben Sie Ihren Kindern einfach vor. Aus dieser Verantwortung erziehen Sie sich gewissermaßen selbst, ein Effekt, der den meisten unserer Mitbürger - mich eingeschlossen - gut anstünde.

Indianer haben sich so verhalten, bevor sie entrechtet wurden und in ihren Reservaten den Rest ihrer Kultur verloren. Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich die große Ehre, einige Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.

Hier, auf meinem kleinen Inselparadies war es noch ähnlich. Zwar gibt es seit einigen Jahren öffentliche Schulen, doch hat die Familie immer noch einen sehr großen Stellenwert. Alle Institutionen, die wir bei uns in Mitteleuropa aufgebaut haben, um unser streßgeplagtes Leben zu erleichtern und die doch genau genommen nur dazu dienen, uns heimlich aus der Verantwortung zu stehlen, sind in ihr vereinigt. Die Familie betreut die Kinder und die Alten, sie gibt jedem zu Essen und ein Bett zum Schlafen. Sie beschützt und hilft und erwartet, von allen akzeptiert und selbstverständlich auch gefördert zu werden.

Sie ersetzt den Kindergarten, das Altersheim, die Pensionsversicherung und manchmal auch das Arbeitsamt. Hier funktioniert sie noch, da sie überschaubar geblieben ist. Vor zweihundert Jahren hatten unsere Urgroßeltern noch in ähnlichen Familienstrukturen gelebt.

Wie erinnerlich, hatte sich ein Hauch von Zärtlichkeit zwischen dem Engel in meinem Waschsalon und mir gebildet und eines Tages war es dann soweit: Wendy nahm mich bei der Hand und stellte mich zunächst ihrer Mutter und dann der restlichen Familie vor. Daß fast immer die Väter fehlen, ist nicht weiter schlimm, denn eine solche Familie besteht nicht - wie bei uns - aus Vater, Mutter und zwei Kindern sondern aus drei- bis vierhundert Personen! Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich denn auch damit, unendlich vielen Leuten die Hände zu schütteln. Genau genommen besteht Las Terrenas aus drei großen Familien. Kein Wunder also, daß jeder Fremde willkommen ist, noch dazu, wenn er erstens männlich und zweitens ein Gringo ist. Wir sprachen über Gott und die Welt, über die kleine Romanze mit der lieben Wendy jedoch nicht, das war ohnehin logisch und daher kein Thema. Die meisten Familienmitglieder waren von sehr dunkler Hautfarbe. Sie hatten ihre Hütten alle beisammen gebaut und sozusagen ein kleines Dorf gegründet, welches sich „La Ceiba“ - die Feige - nannte. Den namensgebenden Baum entdeckte ich erst viel später. Es ist ein Urwaldriese mit meterhohen Bretterwurzeln, mit Parasitenpflanzen übersät und nach einigen historischen Quellen möglicherweise über eintausend Jahre alt.

Diesen Baum gibt es natürlich noch heute, doch die fast sechs Meter lange Boa, die hier Anaconda genannt wird und damals in seinem Geäst gewohnt hatte, ist längst verschwunden. In Kuba sind diese Bäume übrigens heilig.

Im Verlaufe meines Besuches machte mir ein fast schwarzer Alter ein interessantes Angebot. Es war der riesige Tafelberg, um welchen sie ihre Hütten angelegt hatten, den sie mir zur Errichtung meines Hauses empfahlen. Der Preis war erstaunlich günstig und vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon wie ein Fürst in meiner Burg auf diesem Berg thronen, die liebe Wendy an meiner Seite, umgeben von meiner mich verehrenden und schützenden Großfamilie. Welch eine beglückende Vision! Verzweifelt suchte ich nach dem „Haken“ an der Sache, fand ihn zunächst aber nicht.

In einigen Hütten entdeckte ich eigenartige Geräte und Symbole, die mir bekannt vorkamen und die ich schon irgendwo gesehen hatte, doch wußte ich nicht mehr, wo und in welchem Zusammenhang. War es vielleicht damals in Afrika gewesen? Es war so etwas wie mein sechster Sinn, der mich daran hinderte, die Familienmitglieder einfach zu befragen.

Immer dann, wenn mir selber nichts mehr einfällt, brauche ich jemanden, der mir weiterhilft. In diesem Falle mußte dieser jemand ein Dominikaner sein, aus einer anderen Familie stammen und mich kennen.

Am Abend des darauffolgenden Tages saß ich daher mit Vinício an der Cantina Mexicana. Zwischen uns hatte ich ein Fläschchen Rum positioniert, welcher erfahrungsgemäß die Trinker menschlich näherkommen läßt. Es hätte dieses Aufwandes nicht bedurft, denn Vinício trank keinen Alkohol. Er hörte sich meine Geschichte geduldig an und sprach zunächst kein Wort. Dann bestellte er eine „Batida“ - ein Milchmixgetränk, sog kräftig an seinem Strohhalm und sah mich an: „Darf ich Dir auch Dinge sagen, von denen ich annehme, daß Du sie nicht gerne hören möchtest, Pedro?“ Er hatte, wie gesagt, etwas von einem Professor an sich, denn er schien sich offensichtlich Sorgen um mein seelisches Gleichgewicht zu machen.

Mit einer einladenden Geste forderte ich ihn auf, mich zu quälen.
Er sah mich ungewohnt ernst an und legte seinen Unterarm neben meinen. „Siehst Du den Unterschied, Pedro?“ fragte er und ohne die Antwort abzuwarten fuhr er fort: „Du bist hell und ich bin dunkel! Das ist die Antwort auf alle Deine Fragen!“

„Aber...“ stammelte ich, doch jetzt kam er in Fahrt:

„Diese Familie ist schwarz wie ich und Du bist für sie wie die Erlösung allen Übels, Pedro. Du bist weiß und hast Geld. Sie würden Dir den Berg schenken, sie würden Dir auch die Wendy schenken und zwar ohne Rücksicht auf die Gefühle des Mädchens. Sie möchten, daß ihre Familie heller wird, sie wünschen sich viele helle Babys von Dir, Pedro, und wenn sie die haben und Du zur Last werden solltest, landest Du bei den Haien. Außerdem bist Du für die Familie noch so etwas wie die `Banco de Reservas´ und wenn der Opa Zahnschmerzen bekommt, wirst Du doch wohl den Arzt bezahlen, oder? Wenn die vier kleinen Kinder der Tante dritten Grades noch immer ohne Höschen durch die Gegend laufen und der nächste Winter vor der Tür steht, wirst Du doch selbstverständlich die paar Pesos locker machen, oder?

Ich weiß nicht, wieviel Dollars Du besitzt, Pedro und ich will es auch gar nicht wissen, doch eines ist klar: In spätestens drei Monaten habe ich mehr Geld als Du - und ich bin ein armer Mann! Sie werden Dich finanziell ruinieren. Mit Liebe hat das alles nichts zu tun, es ist aus ihrer Sicht eine Vernunftehe und diese Dinge, die Du gesehen hast, sind sichere Anzeichen dafür, daß es den bösen Voo-Doo- Zauber in der Familie gibt und dagegen bist Du erst recht machtlos.“

Jetzt brauchte ich einen ordentlichen Schluck und plötzlich ahnte ich, warum es auf dieser Insel so viel Rum gibt.

„Es tut mir leid, Pedro, doch Deine liebe Wendy ist sechzehn Jahre alt und hat einen kleinen zweijährigen Sohn. Der Vater dieses Kindes ist ein alter häßlicher Mann, vor dem sie am liebsten davonlaufen möchte. Für sie bist Du dagegen trotz Deiner Jahre ein Märchenprinz. Laufe also bitte nicht in Dein Unglück, Pedro und suche Dir etwas anderes!“ riet er mir.

Ich hatte den Kopf in meine Hände vergraben und dachte nach.
„Du hast einen Wunsch frei, Vinício!“ sagte ich nach einer kurzen Pause und stand auf. Ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, mich zu betrinken und bat meinen Professor, mich zu begleiten und auf mich aufzupassen.

In der Diskothek war wieder einmal die Hölle los. Es war kein Tisch mehr frei und so klammerten wir uns an der robusten Theke fest. Ich bestellte Rum mit Coca Cola. Wir teilten uns die Getränke brüderlich, Vinício trank die Colas und ich den Rum. Aus diesem Grunde bekam ich langsam wieder den Überblick und mußte mir eingestehen, nicht zu wissen, was ich eigentlich wollte: Die Frau fürs Leben war es nicht und die vielen Freudenmädchen auch nicht, obwohl die meisten von ihnen überaus attraktiv waren.

Als Tourist könnten Sie leicht den Eindruck gewinnen, jedes dominikanische Mädchen sei eine Hure, doch das stimmt nicht. In fast jeder Familie wird EIN Mädchen für den großen Glückstag aufbewahrt, an dem der Mann mit der rosigen Zukunft anklopft und sie begehrt. Ein solches Mädchen werden Sie niemals in einer Diskothek antreffen, sie würde Ihnen nicht einmal in die Augen sehen, geschweige denn, unaufgefordert mit Ihnen reden.

Sollten Sie wirklich ein solches anständiges Mädchen suchen, dann müssen Sie sich schon selbst auf den Weg machen, denn eine „Chica Seria“, so werden diese hier genannt, kommt nicht zu Ihnen und lächelt Sie an. Da Sie ja nur das Mädchen möchten, nicht aber die ganze Familie, empfiehlt es sich, möglichst viele Kilometer zurückzulegen und eine Gegend aufzusuchen, wo es tunlichst keine Touristen gibt. Nehmen Sie sich mindestens einen Monat Zeit und überstürzen Sie nichts.

Wenn es dann irgendwann gefunkt hat, wird dieses Mädchen Sie immer zuerst mit ihren Eltern und in weiterer Folge mit der ganzen Familie bekanntmachen. Sie werden genug Gelegenheit haben, sich vorzustellen. Gesprochen wird über alles, über Ihre Vergangenheit und über die Zukunft, wie stehen Sie zur Religion und wie zum Geld? Sie reden über die Wirtschaft und über die Politik, über Krankheiten und Wundermittel, kurz über alles, nur nicht über Ihre Liebe. Nach einigen Tagen dürfen Sie mit dem Mädchen ausgehen und zwar grundsätzlich immer in Begleitung anderer Personen. Außerdem müssen Sie die Auserwählte jedesmal vor Einbruch der Dunkelheit wieder abliefern.

Wann Sie die erste Nacht mit Ihrer Eroberung verbringen dürfen, entscheidet die Mutter des Mädchens. Diese Wartezeit liegt zwischen zwei Wochen und vier Monaten, je nachdem, wie sehr das Fräulein Tochter drängt.

In fast allen diesen Fällen legt die Familie selbstverständlich auch Wert auf eine korrekte Eheschließung, denn wir reden hier nicht über einen kleinen Urlaubsflirt, wohl gemerkt!

So reizvoll der Gedanke, sich mit einer Dominikanerin ehelich zu verbinden, auch sein mag, so sollten Sie vorher doch einige nüchterne Überlegungen anstellen. Ihre Eheschließung muß in Europa zunächst anerkannt werden, sonst haben Sie schon bei der Einreise die größten Schwierigkeiten. Ihre Botschaft hilft Ihnen dabei. Wenn Sie Ihren Lebensstil beibehalten und in Europa weiterleben möchten, wird Ihre liebe Gattin schon nach kurzer Zeit Heimweh bekommen, da nützen Ihnen selbst dreißig Fernsehkanäle und die Zentralheizung nichts. Während Sie Egoist nämlich mit Ihrer rassigen, karibischen Schönheit angeben und nach Anerkennung durch die Kollegenschaft lechzen, fühlt sie sich einsam und denkt an ihre Familie daheim, der sie sich immer noch verbunden fühlt und der sie gerne helfen möchte.

Wesentlich glücklicher machen Sie Ihre Braut daher, wenn Sie auf der Insel bleiben und hier Ihr Geld verdienen. Sie können Ihre Banker daheim ja auch beauftragen, Ihnen die Zinsen monatlich oder vierteljährlich herüber zuschicken, vorausgesetzt, Sie verfügen über die entsprechenden Konten. Sobald Ihnen das gelungen ist, besuchen Sie Europa nur mehr gelegentlich und sei es auch nur zu dem Zweck, bestätigt zu sehen, daß Ihre Entscheidung richtig war.

Bevor Sie jedoch daran gehen, die Braut fürs Leben zu suchen, lernen Sie erst einmal jene Chicas kennen, die nicht unter „Serias“ firmieren!

Um diese Erfahrungen kam auch ich nicht herum. Genau genommen sucht man hier nämlich kein Mädchen, sondern diese stellen sich von selbst ein. Das eigentliche Problem besteht nur darin, sie wieder los zu werden. Darin habe ich nun genug Erfahrung. Doch lassen Sie mich diese Geschichten der Reihe nach und von Anfang an erzählen.

Nachdem Vinício meine ersten zarten Bande so radikal zerstört hatte, beschloß ich in dieser Nacht, den Mädchen nicht mehr nur Cuba Libre zu spendieren, sondern Phototermine mit ihnen auszumachen. Wenn ich sonst schon nichts von ihnen wollte, so hätte ich sie doch wenigstens gerne photographiert, um damit meinen Freunden zu Hause die Tage so richtig verderben zu können. Die Mädchen sagten mit Begeisterung zu, und so habe ich sie heute im Großformat an der Wand hängen, in Farbe und für immer jung! Diese Bilder sind nicht obszön, bestenfalls ein wenig pikant. Juan brachte mir die Photomodelle nicht in mein Appartement, sondern zum Strand von Sebastiano, einem alten Schweizer, welcher immer um die Weihnachtszeit auftaucht und dann durch Setzen einer Piratenfahne seine Anwesenheit kundtut.

Dieser Strand liegt etwas abseits und ist nur zu Fuß über einen
kleinen Hügel oder mit einem Boot zu erreichen. Während Juan den einzigen Zugang bewachte, konnte ich so in aller Ruhe meine Photos knipsen. Nachdem die Mädchen ihre erste Scheu überwunden hatten, posierten sie, wie ich es wollte. Ich zahlte ihnen eine Kleinigkeit, pries ihre Schönheiten und schenkte ihnen später Abzüge ihrer Bilder. Mehr ist nie passiert.

Dann traf ich eines Tages auf Paola! Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Juan kannte sie natürlich, er hatte sie einfach angesprochen und ohne Bestellung geliefert. Sie zierte sich zunächst ein wenig, doch nach einigen ermunternden Worten ließ auch sie die Hüllen fallen und lächelte in die Kamera.

Es war genau dieses Lachen, das mich faszinierte. Es strahlte eine ungeheure Vitalität und überschäumende Lebensfreude aus. Ich schätzte sie auf etwa zwanzig Jahre. Sie würde heute abend gerne mit mir tanzen und um Mitternacht in der Disco auf mich warten, verabschiedete sie sich schließlich.

Als sie mir dann tatsächlich in der Disco gegenüberstand, hätte ich sie beinahe nicht wiedererkannt. Aus dem frechen Jeansmädchen von heute nachmittag war eine elegante Dame im Abendkleid geworden. Wir tanzten Salsa und Merengue. Es wurde ein berauschender Abend und so gegen zwei Uhr früh war es dann endlich soweit: Zum ersten Mal nahm ich ein Mädchen mit zu mir. Ich wußte, was mich erwartete, schließlich hatte ich sie ja vorher photographiert.

Am nächsten Morgen erkundigte ich mich nach dem Preise für die Nacht. Da rollte sie mit den Augen, sah mich wütend und gekränkt an und meinte: „Was glaubst Du denn, wer ich bin, Pedro? Ich bin doch keine von diesen Putas, die für Geld mitgehen! Wenn ich bei Dir übernachte, dann doch nur, weil ich Dich mag, Pedro!“

Ich war so ergriffen damals, daß ich sie spontan zu meiner „Flora Dominicana“ - meiner dominikanischen Blume - ernannte und beschloß, sie die restliche Woche bei mir zu behalten. Es war dies nämlich die letzte von den drei Monaten, die ich diesmal zu bleiben beabsichtigt hatte. Meine Ziele hatte ich erreicht, denn ich hatte inzwischen meinen Grund gekauft und meine Aufenthaltsbewilligung in der Tasche.

Diese Woche war daher sozusagen privat. Endlich hatte also der Pedro seine Chica gefunden und Las Terrenas konnte wieder beruhigt zur Tagesordnung übergehen. An meiner Seite schien die Blume erst so richtig zu erblühen, denn sie war nicht nur von unbändiger Lebenslust erfüllt, sondern hatte auch ständig einen ungeheuren Appetit. Zum Frühstück bereits nahm sie zwei volle Teller mit Wurst- und Fleischwaren zu sich, während ich gerade meine zwei schmalen Weißbrotschnitten mit Marmelade bestreichen konnte. Zu Mittag klagte sie schon wieder über Hunger und verdrückte Portionen, die in Indien für ein ganzes Dorf gereicht hätten. Auch sonst war sie recht anspruchsvoll. Am ersten Tage unseres Zusammenseins bat sie mich um zwanzig Pesos. Dafür möchte sie für ihren kleinen Sohn etwas zum Essen kaufen, erklärte sie und machte sich anschließend für etwa zwei Stunden aus dem Staub.

Der Kleine schien prächtig zu gedeihen, denn am nächsten Tag waren es immerhin schon zweihundert Pesos, die seine fürsorgende Mutter begehrte. Gegen Ende der Woche hatte sie sich schon im Tausend Pesos Bereich bewegt und so flehte ich den kommenden Abschied fast herbei.

Eine solche Dominikanerin macht Sie innerhalb von einer Woche zum Putzlappen. Bevor Sie noch begriffen haben, was um Sie herum eigentlich vorgeht, ernten Sie schon das Mitleid Ihrer männlichen Kollegen und, wenn es einen Gringo erwischt hat, kommt die Schadenfreude noch hinzu. Diese karibischen Frauen geben vor, die Machos nicht zu mögen, doch sie brauchen sie einfach!

Die unschuldige Jungfräulichkeit und das eiskalt berechnende Biest liegen hier ganz dicht beisammen und während eine solche Chica Ihnen einen dreikarätigen Orgasmus vorstöhnt, projektiert sie gleichzeitig einen Fächer hellgrüner Dollarnoten an die weiße Zimmerdecke.

So saß ich eines Tages auf meiner umgestürzten Palme und sah verträumt in die Ferne, als Paola wieder einmal erschien und Geld forderte. „Dame cien Pesos, Pedro!“ Ich hatte mittlerweile aufgehört, nach Gründen für die diversen Forderungen zu fragen, drückte ihr die verlangten hundert Pesos in die Hand und fuhr fort, meinen Träumen nachzuhängen.

Nach etwa drei Stunden erschien sie wieder und legte zu meiner grenzenlosen Verblüffung fünf kleine verbogene Kaffeelöffel in den Sand. Dabei blickte sie mich Beifall heischend an. „Que es eso?“ - „Was ist das?“ fragte ich. „Das sind die Löffel für unsere Küche, Pedro!“ erklärte sie voll Stolz. Ich hatte zwar noch kein Haus gebaut, doch immerhin hatten wir schon die Löffel für die Küche. Während ich noch nicht einmal einen Bauplan gezeichnet hatte, war sie offenbar bereits dazu übergegangen, den praktischen Teil der Verwirklichung meines Traumes zu übernehmen.

Auf den Gedanken, daß sie lediglich das Wechselgeld in der vermutlichen Höhe von siebenundneunzig Pesos unterschlagen hatte, bin ich damals nicht gekommen. Das war nämlich der wahre Grund für den Ankauf gewesen. Ebenso verhielt es sich mit ihrem Vorschlag, daß es besser sei, wenn SIE einkaufe, da sie als Dominikanerin natürlich von den üblichen Aufschlägen ausgenommen sei und dieser Umstand für mich daher wesentliche Einsparungen bedeuten würde. Diese Einsparungen wurden indessen ebenfalls ausnahmslos IHREM Guthaben zugerechnet, denn Wechselgeld bekam ich so gut wie niemals zu Gesicht.

Nach meiner Rückkehr aus Europa setzte sie ihre täglichen Einnahmen in gewohnter Weise fort. Ihr Einfallsreichtum war schier endlos. Eines Abends überraschte sie mich mit dem Wunsch, nicht in die Disco gehen zu wollen, sondern statt dessen ein schönes Abendessen bei mir zu Hause in der Küche zuzubereiten und den weiteren Abend hier mit mir bei Kerzenschein romantisch zu verbringen.

Möglicherweise war das der Beginn der großen Wende in ihrem Leben, dachte ich und war wirklich angenehm überrascht. Sie brauchte sicher nur einen ausgewachsenen Mann, der ihrem Leben Sinn und Inhalt gab. In der Folge kauften wir den größten „Supermercado“ fast zur Gänze leer und anschließend standen wir mit vier großen Schachteln voller Lebensmittel auf der Straße. Ich hatte das Gefühl, den Vorrat für einen ganzen Monat eingekauft zu haben, doch was tut man nicht alles für einen guten Zweck?!

Paola hatte mir irgendwann gesagt, daß sie ein gutes Verhältnis zur hiesigen Polizei hätte. Daran erinnerte ich sie, als ich den Jeep mit dem Blaulichtbalken kommen sah. Eine knappe Minute später füllten tatsächlich zwei hilfsbereite Ordnungshüter unsere Sachen in das Gefährt und brachten uns mit eingeschaltetem Blaulicht nach Hause.

Die folgenden vier Stunden verbrachte meine Perle nun in der Küche. Dann deckte sie zwei Teller auf und brachte zum Schluß eine riesige ovale Terrine herein, welche über den Tisch links und rechts um jeweils einen Viertelmeter hinausragte. Die Wahnsinnige hatte doch tatsächlich die gesamten Lebensmittelvorräte verarbeitet!

Als wir mit unserem Essen bei romantischem Kerzenschein endlich fertig waren, hatte man den Eindruck, daß von dem gewaltigen Abendmahle gar nichts fehlte, so daß sich natürlich die Frage stellte: Wohin mit dem Rest?

„Den bringe ich meinen hungernden Schwestern,“ wußte Paola plötzlich die Lösung, packte das Ganze in einen Waschkorb, pfiff ein Moto Concho herbei und entschwand mit dem Riesenpaket unter meinen erstaunten Blicken.

An diesem Abend gab es mit Sicherheit niemanden in Las Terrenas und Umgebung, der hätte hungern müssen. Meine Blume kam erst spät in der Nacht nach Hause und überbrachte herzliche Grüße von ihren dankbaren Schwestern und dem Kleinen, von dem sich später herausstellte, daß er in Wahrheit der uneheliche Sohn einer ihrer Schwestern war, denn Paola hatte gar kein Kind. Sie hatte sich um einige Jahre älter gemacht als sie tatsächlich war, denn sie kannte die Bedenken europäischer Männer, wenn diese auf zu junge Mädchen trafen.

Sie wurde immer teurer und immer frecher. So wurde ich eines Tages schon mit der Forderung nach Tausend Pesos aus dem Schlaf gerissen. „Porqué?“ - „Warum?“ fragte ich stirnrunzelnd. „Ich möchte meiner Mutter ein paar Sachen kaufen. Du kennst sie doch, Pedro und weißt, daß sie arm und einsam ist, nicht wahr?“

Das war allerdings richtig. Die Alte kannte ich. Sie lebte oben in der Laguna Grande, in den Bergen hinter Los Puentes, dem nächsten Ort in Richtung Sanchez in einem kleinen Häuschen am Ende der Welt. Lediglich ein Knabe von vielleicht drei Jahren, Sohn einer ihrer verhurten und undankbaren Töchter, wohnte hier mit ihr.

Ich konnte die unverschämte Forderung immerhin noch halbieren und mir außerdem die Freiheit des Junggesellen doch wieder für einen halben Tag erkaufen. Es ist ja wirklich lächerlich: Hat man keine Frau, möchte man eine - hat man endlich eine, möchte man am liebsten seine Ruhe! Ich glaube, wir möchten immer das, was wir gerade NICHT haben. Ein Leben ohne Wünsche allerdings wäre dann vermutlich aber auch nicht mehr lebenswert.

Gegen fünf Uhr nachmittags erschien dann meine Paola in neuem Glanze. Das Miststück hatte doch tatsächlich das ganze Geld zum Ankauf neuer Kleider, neuer Schuhe, für billigen Schmuck sowie für einen Plastiksack voller Duftstoffe und sonstiger Kosmetika verwendet. Freudestrahlend präsentierte sie mir auch noch einen verwegenen Hut, der als solcher auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen war und eher an eines jener Parasitengewächse erinnerte, die auf den alten Bäumen zu wachsen pflegen. Für ihre Mutter hatte sie nicht einmal einen müden Peso ausgegeben.

Dieses Erlebnis nahm ich - spät aber doch - zum Anlaß, mich von meiner Blume zu trennen. Als sie wieder einmal angeblich ihre Schwestern besuchen ging, füllte ich ihre Habseligkeiten in zwei große Plastiksäcke und beauftragte Juan, ihr die Sachen vor die Füße zu werfen und ihr auszurichten, sie solle zu Hause bleiben.

Danach begab ich mich zur Cafeteria des Punta Bonita Hotels, um mit Don Louis das Ende meiner ersten „Beziehung“ zu feiern. Dieser hatte mich zu Beginn der Romanze nämlich gewarnt. „Ich will Dir Deinen Spaß nicht verderben, Pedro, doch sei vorsichtig. Das Mädchen ist schon im Kerker gesessen, weil sie einem Touristen viele Dollars gestohlen hat.“

Meine neue Freiheit dauerte genau dreißig Minuten. Dann erschien Paola und legte eine Szene hin, gegen die sich der sterbende Schwan wie eine unbedeutende Farce ausgenommen hätte. Das Furioso an Gefühlsausbrüchen gipfelte schließlich in der Drohung, zunächst meinem und anschließend ihrem Leben ein Ende zu setzen. Zur Bekräftigung des soeben Gesagten zog sie tatsächlich eine stilettartige Klinge aus ihrer Tasche und fuchtelte damit theatralisch in der Luft herum.

Mit einem schnellen Griff entwendete ich ihr das Messer und forderte sie auf, endlich nach Hause zu gehen. Sie drohte mit der Polizei und spuckte mir vor die Füße. Sie habe noch ein Kleidchen in meinem Schrank, fiel ihr dann ein und forderte den Schlüssel. Ich gab ihr meinen Schlüsselbund und damit die letzte Möglichkeit, mich zu bestehlen. Den kleinen Kofferschlüssel hatte ich diesmal ganz bewußt am Bund gelassen und sie konnte dieser Versuchung auch nicht widerstehen, denn sie erleichterte mich tatsächlich um zweihundert Pesos. Mehr hatte ich nämlich nicht im Koffer gelassen, der Rest meines Geldes lag selbstverständlich im Safe. Jetzt hatte ich endlich eine plausible Begründung für die Trennung gefunden, die später sogar von ihren Polizistenfreunden akzeptiert wurde.

„Si Tu no me quieres, hay Otros, que me quieren!“ - „Wenn Du mich nicht magst, gibt es andere, die mich mögen!“ waren ihre letzten Worte in meine Richtung, bevor Juan sie nach Hause brachte. Sein Fuhrlohn war meine endgültig letzte Spende für Paola.

Jetzt war ich Gott sei Dank wieder ledig und auch die Ausgaben pendelten sich wieder auf Normalniveau ein. Es war wieder wie früher, nur meine Phototermine hatte ich eingestellt. Meine Neugierde in Bezug auf Weiblichkeiten hatte sich gelegt