Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten - Burger and Beer - Wo die dritte Welt wirklich ist
Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es eine Generation, die mehr erlebt hätte als die heutige. Seit Tausenden von Jahren haben unsere Vorfahren der Natur ihren Lebensunterhalt abgerungen. Die Menschen kamen, vermehrten sich und gingen dahin. Abgesehen von einigen grausamen Gemetzeln, zu denen sie von bösen Herrschern oder religiösen Fanatikern angestiftet wurden, verlief ihr Leben monoton. Irgendwann hatten sie dann das Rad erfunden und begonnen, Vorrichtungen herzustellen, die ihnen bei der Arbeit ums tägliche Brot halfen.
Die sogenannte technische Revolution ist, gemessen an dieser Entwicklungsgeschichte, kaum fünf Sekunden alt. Unsere Eltern erinnerten sich noch an den Nachtwächter, welcher allabendlich über das Straßenpflaster humpelte und mit einem langen Stab die Gaslaternen entzündete. Heute können sie ihren Enkelkindern zuschauen, wie diese vom Wohnzimmer aus mit der ganzen Welt kommunizieren und ihre privaten Computer für sich arbeiten lassen. Diese Entwicklung geschieht nicht linear, sie ist vielmehr eine Explosion. Bevor Sie die letzte Rate für Ihren Camcorder bezahlt haben, ist dieser bereits veraltet. Sollten Sie sich nur für ein halbes Jahr auf eine einsame Insel zurückziehen wollen, bleiben Sie am besten gleich dort, denn Sie kommen nicht mehr „rein.“ Zuviel hat sich inzwischen verändert. Viele Dinge, die gestern noch gültig waren, sind es heute nicht mehr und selbst der dumme Spruch aus der Fliegerei, demnach sie alle herunterkämen, muß eingeschränkt werden. Einige bleiben nämlich für immer oben!
Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihr Appendix!
Führend in der Weiterentwicklung dieses Wahnsinns ist ausgerechnet jenes Land, wohin ich mich des schnöden Mammons wegen begeben wollte. Zwischen der ersten und der dritten Welt liegen lächerliche anderthalb Flugstunden. Meine Freunde hatten sich zwar bekreuzigt, als sie erfuhren, welche Airline mich nach Miami bringen sollte, doch durfte man immerhin rauchen und überdies war sie vermutlich die einzige Linie, die mitreißende Musik an Bord hatte. Da nimmt man doch gerne in Kauf, daß man ein wenig den Kopf einziehen muß. Dominikaner sind in der Regel nämlich ein bißchen kürzer.
Ich habe natürlich nur gescherzt. Trotz der Nachtschicht war ich bester Laune. Unter uns glitzerte der Atlantik. Es war ein wunderschöner und sonniger Tag. Einmal machte ich eine Insel aus, auf der sich große Reisfelder ausdehnten.
Die Stewardeß ließ mir die Wahl zwischen Kaffee oder Tee. Ich grinste und verlangte Bier. Schließlich waren wir auf dem Weg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Die Dominikanerin auf dem Nachbarsitz lächelte herüber und tat es mir gleich. Sie gehörte offenbar zu den wenigen Privilegierten, denen es möglich war, in die USA zu reisen. Sie mußte um die dreißig sein und war mit Schmuck überladen. Zum Bier bekamen wir gesalzene Erdnüsse in Plastikbeuteln geschenkt. Diese zu öffnen entwickelte sich zum Ärgernis. Zuerst versuchte ich es mit der Hand. Das Plastik hielt. Dann zog ich meinen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und wollte damit den Beutel aufstechen. Das mißlang ebenfalls. Resigniert warf ich daraufhin die Nüsse auf meinen Tisch zurück und füllte das Glas. Meine Nachbarin hatte mein nutzloses Tun beobachtet. Sie blickte mich fragend an, nahm das Plastiksäckchen, hielt es mit ihren Zähnen fest und riß es mit der Hand auf. Als sie das gleiche mit ihrer Beigabe wiederholt hatte, legte sie mir beide geöffnet herüber und wünschte mir guten Appetit. Ich dankte artig und mußte wieder einmal zur Kenntnis nehmen, daß sie Recht hatten, wenn sie der Meinung waren, daß die Gringos alleine nicht lebensfähig seien.
Es sind, wie gesagt, die Begegnungen, die das Leben lebenswert machen und so entwickelte sich in der Folge ein Gespräch, das mir faszinierende Einblicke in die goldenen Seiten des Lebens in meiner neuen Wahlheimat ermöglichte. Wie sich herausstellte, wollte sie auch des Geldes wegen nach Miami, doch nicht, um welches zu holen, sondern um ihr Dollarkonto aufzufüllen. Alle reichen Dominikaner haben ihr Geld entweder in Miami oder in Puerto Rico, in einigen Fällen sogar in der Schweiz angelegt und wenn ein Dominikaner reich ist, dann in einer Dimension, die für europäische Verhältnisse unvorstellbar ist.
So lernte ich einen Dominikaner kennen, der seit vielen Jahren mit seiner Mahagoni Segeljacht alle Weltmeere bereist. Ein anderer hatte Jura studiert, doch nicht etwa, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nein, es war lediglich ein Hobby von ihm. Seine Kanzlei beschäftigt heute etwa dreißig Juristen. Ein anderer wieder lebt auf der Insel, arbeitet aber in den Vereinigten Staaten. Damit er zwischendurch mal abschalten kann, hat er eine eigene Gesellschaft gegründet, die ihm vor der Türe einen Flugplatz baut, nur damit er mit seinem Lear Jet jederzeit dort landen kann, aber selbstverständlich mit Tower und Rollfeldbeleuchtung.
Der Gatte meiner Reisebegleiterin verdiente sein Geld mit der Einfuhr von Kraftfahrzeugen aller Art. Das ist ein sehr gutes Geschäft. Allerdings brauchen Sie die nötigen Verbindungen zum Zoll. Sollten Sie so wahnsinnig sein und Ihren Pkw aus Europa oder den USA herüberkommen lassen, dann stehen Sie mit dem Rücken zur Wand. Der Zoll verlangt nämlich dreihundert Prozent des Neupreises Ihres Fahrzeuges. Nun beginnen in der Regel wochenlange Verhandlungen, doch die Zeit spielt gegen Sie, müssen Sie doch tägliche Standgebühren an die Hafenmeisterei bezahlen. Sie brauchen also auch hier wieder jemanden mit entsprechenden Beziehungen. Wenn Sie daher Autos importieren wollen, empfiehlt es sich, Ihrem Verbindungsmann einen Wagen als Geschenk in Aussicht zu stellen. Realisieren sollten Sie Ihre Zusage natürlich erst, wenn die gesamte Lieferung zu vorher ausgehandelten Bedingungen bei Ihnen auch wirklich eingetroffen ist.
Für die superreichen Dominikaner gelten diese Bestimmungen natürlich nicht. In solchen Fällen genügt ein kurzes Telephonat und der Oberzollinspektor persönlich stellt ihnen das Vehikel sauber gewaschen und geledert vor die Tür, ohne daß es auch nur einen müden Peso gekostet hätte.
Doch ganz so einfach geht es auch nicht immer. Der Staat weiß nämlich um die Bestechlichkeit seiner Beamten und daher werden in unterschiedlichen Intervallen die Personen in den führenden Ebenen ausgetauscht. Der neue Chef braucht jetzt wieder ein halbes Jahr, um seine Pfründe aufzubauen. Kaum beginnt sein neuer Job lukrativ zu werden, muß er leider schon wieder woanders hin. Aus diesen Gründen müsse man tatsächlich um jeden Peso raufen, erklärte meine Nachbarin. Die ständige Fluktuation der Beamten zehre doch sehr an den Nerven, und sie sei weit davon entfernt, zur Oberschicht zu gehören, obwohl sie in einer Woche mehr einnähme als ein Durchschnittsdominikaner in zwei Jahren.
Auf meine Frage, ob es ihr wohl möglich sei, einen Jeep für mich herüber zu bringen, meinte sie, das sei überhaupt kein Problem. So etwas laufe einfach mit und für eine Million Pesos wäre sie sogar bereit, die Karre auf meinen Namen anzumelden.
Das glaubte ich ihr sofort, denn eine Million Pesos sind ungefähr fünfundsiebzigtausend Dollars. In Miami kann ich einen guten gebrauchten Jeep bereits um drei bis viertausend Dollars kaufen. „Es ist wohl besser, ich kaufe mir einen gebrauchten Jeep auf der Insel.“ sagte ich und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. Diese Millionärsgattin war gerade gut zum Öffnen von Plastiksäckchen, zum Ankauf meines Jeep brauchte ich sie wirklich nicht.
Der internationale Flughafen von Miami ist eine eigene Stadt. Er ist so groß, daß für die Fußgänger eigene Rollbänder gebaut wurden, auf denen sie stehend durch dieses unüberschaubare Labyrinth fahren können. Kommen Sie beispielsweise mit dem Taxi zum Airport, so fragt der Chauffeur nach Ihrer Fluglinie, um Ihnen unnötige Kilometer zu ersparen.
Das erste, was ich im Land der Freiheit sah, waren Gitter links und rechts. Wie in einer Legebatterie für Hühner bewegten wir uns hintereinander zur Einwanderungskontrolle. Was mir in all den Monaten in der República Dominicana erspart geblieben war, erfuhr ich jetzt. Der erste Yankee, dem ich begegnete, musterte mich und unterzog mich einer kritischen Würdigung. „Nickelodian!“ meinte er mit einem breiten Grinsen und deutete auf mein Medaillon, auf meine Metallspitzen an meinem Hemdkragen und auf meinen Gürtel mit der faustgroßen Schließe. Offensichtlich hatte ich wieder einmal die Entwicklung verschlafen. Die Cowboys tragen mittlerweile zweireihige Anzüge und Krawatten.
Mit dem Taxi ging es dann zum „Everglades“, ein Hotel, daß Don Louis mir empfohlen hatte. Hier wollten sie sechsundachtzig Dollars für die Nacht. Außerdem hätten sie gerne gewußt, mit welcher Kreditkarte ich bezahlen wolle. „Cash!“ erwiderte ich und handelte den livrierten Affen auf fünfundsiebzig Dollars runter.
Das billigste Abendessen bestand aus irgend einer Art Burger mit Pommes Frites. Eigentlich ein Hohn, das als Essen zu bezeichnen. Es war vermutlich nichts weiter wie Plastik-Food mit Geschmacksverstärker, natürlich homogenisiert, pasteurisiert und künstlich gefärbt. Serviert wurde diese Köstlichkeit auf Plastikteller und gegessen mit Plastikgabeln und Plastikmessern. Damit nur ja nicht das beglückende Gefühl aufkommt, Sie könnten hier Gast sein, müssen Sie sich schon selbst mit einem großen Plastiktablett bedienen. Dazu gab es eine Flasche „Budweiser“, die mit dem echten Bier aus Budweis gerade noch den Namen gemein hat. Was an diesem „Beer“ drei Dollars und sechzig Cents wert war, bleibt mir bis heute rätselhaft. Als ich nach dem opulenten Mahl einen Aschenbecher suchte, wurde ich aufgefordert, zu zahlen und das Lokal zu verlassen.
Mein Zimmer lag in einem der oberen Stockwerke und bot einen schönen Rundblick über die Stadt. Es hatte alle Annehmlichkeiten wie Klimaanlage, Telephon, Fernseher, eine kleine Bar und einen Wandtresor. Nachdem ich meine Wertsachen untergebracht hatte, verließ ich am späteren Abend noch das Hotel.
Die Stadt machte einen klinisch sauberen Eindruck. Hier einen Zigarettenstummel wegzuwerfen, wäre vermutlich als kriegerischer Akt gegen die Stadtverwaltung aufgefaßt worden. Es war mir einfach zu sauber hier, ich vermißte den Dreck. Also warf ich mich ins nächste Taxi und wies den Fahrer an, mich dorthin zu bringen, wo man spanisch spricht. Nach eingehender Musterung brachte er mich schließlich in das Kubanerviertel. Die gleiche Flasche Bier war hier um volle drei Dollars billiger, sie kostete nur sechzig Cents. Die Theke, an der ich Platz genommen hatte, war nicht etwa Teil eines übel beleumundeten Saloons, sondern der Ladentisch eines Schuhmachers und während ich an der Flasche hing, konnte ich zusehen, wie der Meister kurz vor Mitternacht meinen alten Stiefeln neue Absätze verpaßte. Da inzwischen meine gute Laune wiedergekehrt war, ließ ich sie anschließend noch vorne und hinten mit Eisen beschlagen. Ich mag es nämlich, wenn die Polizisten zusammenzucken, wenn ich an ihnen vorbeimarschiere.
In Miami sind alle Einwohner zweisprachig. Sie beherrschen in der Regel das Spanische ebenso gut wie ihr abartiges Englisch. Wie in Puerto Rico auch sind sie in der Lage, beide Sprachen so miteinander zu mischen, daß sie einzelne Begriffe oder Teile innerhalb eines Satzes bilingual verwenden. Das führt dann bisweilen zu erstaunlichen phonetischen Kunstwerken und oft habe ich deswegen mein Bier vor Lachen neben das Glas geschüttet.
Am nächsten Vormittag brachte mich ein Taxi zur City Bank. Dort wird man zunächst in einen abgeschlossenen und kugelsicheren Vorraum geführt und mit irgendwelchen Strahlen durchleuchtet. In weiterer Folge werden Sie von einem Uniformierten händisch nach Waffen abgeklopft. Erst danach genießen Sie das Privileg, sich einer langen Menschenschlange anschließen zu dürfen. Wie könnte es auch anders sein, traf ich wieder einmal auf das einzige weibliche Wesen, das sich hinter dem Schalter aufhielt. Mißtrauisch betrachtete sie meine Schecks, hielt sogar einen gegen das Licht und nach Hinzuziehung eines weiteren Mitarbeiters wurde ich aufgefordert, ein wenig zu warten. Dieser Vorgang schien ungewöhnlich zu sein, denn ich bemerkte einen forschenden Blick des Waffenabklopfers.
In Momenten wie diesen verstreicht die Zeit doppelt so langsam als sonst. Nach unendlichen zwanzig Minuten wurde mir schließlich gedeutet, näherzutreten und ein korrekt gekleideter, netter Herr gab mir die erfreuliche Auskunft, daß die Schecks „okay“ seien. Allerdings würden auch sie rund zwei Wochen für die Abwicklung benötigen. Dabei lächelte er mich sogar noch freundlich an. Einen Moment lang dachte ich, was wohl passieren würde, wenn ich meinem Gegenüber ohne Vorwarnung mit nur einem Schlag die Nase in seinen restlichen Schädel zurückbefördern würde. Als mir klar wurde, daß diese spontane Regung mich meinem Geld auch nicht näherbringen würde, atmete ich ganz langsam aus und verursachte damit ein Geräusch, wie es entsteht, wenn Sie einen Druckkochtopf öffnen, der unter Dampf steht. Ich bemühte mich um äußerste Zurückhaltung. „Wo?“ so fragte ich höflich den Bankbeamten, „Wo auf dieser Welt ist es möglich, mein Geld zu bekommen und zwar sofort?“ - „Aber das steht doch hier!“ antwortete er erstaunt, „Ihr Konto ist bei der New York City Bank! Also müssen Sie sich schon dorthin bemühen!“
Nicht genug damit, daß ich auch hier wieder nicht zu meinem Geld kam, mußte ich mir noch obendrein durch die Blume sagen lassen, was für ein hinterwäldlerischer Trottel ich eigentlich sei. Wenn aber dieselben Banker an den großen internationalen Börsen mit unserem Geld spekulieren, dauern solche Transaktionen in vieltausendfacher Höhe nicht einmal eine Sekunde!
Wie überaus sympathisch und liebenswert erschienen mir in diesem Moment die alten Witwen, die ihre mühsam zusammengesparten Renten in Strümpfe zwischen die Matratzen ihrer Betten zu verstecken pflegen, anstatt sie solchen Gaunern anzuvertrauen. Sei es nun Zufall oder Bestimmung, jedenfalls befand sich auch hier ein kleines Reisebüro direkt neben dem Hotel. Eine bildhübsche junge Frau brachte denn auch wieder etwas Sonne in meinen trüben Alltag. Der „Greyhound“, wie die Überlandbusse hier seit alters her genannt werden, koste einhundertundzwanzig Dollars und brauche zwei Tage und eine Nacht. Da hätte sie doch etwas viel besseres. Um einhundertundfünfzig Dollars und nach nur drei Flugstunden sei ich noch heute Abend in New York.
In einem Restaurant, welches zur Straße hin offen war, nahm ich noch eine Kleinigkeit zu mir. Diesmal wollte ich das Plastikmenü mit „Miller-Beer“ verdünnen. Daß ich der Dose nach dem ersten Schluck keine wietere Beachtung schenkte, mußte an meinem verwöhnten Gaumen liegen. Ich weiß nicht, was die Yankees damit machen - ich jedenfalls habe versucht, es zu trinken!
Die Fluglinie war so neu, daß sie im International Airport nur mit einem Plastikschild vertreten war. Offenbar war das ihr erster Flug überhaupt und ich ihr vierter oder fünfter Passagier. Das würde den erstaunlich günstigen Preis erklären. Mein anfängliches Mißtrauen war jedoch vollkommen unbegründet. Die „Ultra-Air“ hatte einen erstklassigen Service an Bord und sogar eigene neue Maschinen in ihren Farben, nämlich braun mit goldenen Streifen. Als wir die Flughöhe erreicht hatten, gab es sogar Sekt in echten Gläsern zur Begrüßung und obwohl es weder Merengue noch Aschenbecher gab, fühlte ich mich wieder ausgezeichnet und war bester Laune.
Es mag ja sein, daß das Leben für einen Indianer wie ein langer ruhiger Fluß ist, für mich ist es jedenfalls ein ständiges auf und ab. Die Frequenz ist dabei im wesentlichen gleich, lediglich in der Höhe der Amplituden spiegelt sich die Intensität des Erlebten.
Es war zehn Uhr nachts, als wir am John F. Kennedy Airport eintrafen. In dem Moment, als ich die Maschine verließ, packte mich das kalte Entsetzen. Die Temperatur in New York betrug fünf Grad unter Null und ich war mit leichtem Gepäck unterwegs. Draußen herrschte eine Eiseskälte und der Wind blies mir tausende kleiner Schneeflocken waagerecht ins Gesicht. Ich hatte nur ein Hemd auf dem Körper und zwei weitere in meinem kleinen ledernen Handkoffer. Die einzige Jeansjacke, die ich besaß, hatte ich Alalícia geborgt, damit sie nicht friert - in Las Terrenas! Für New York war ich nicht vorbereitet und hatte auf den Winter in den anderen Teilen der Welt total vergessen.
Ich habe bis heute nicht begriffen, wie es möglich sein konnte, daß zum Zeitpunkt meines Hinaustretens aus dem Flughafengebäude sich nur ein einziges Taxi auf dem riesigen Areal befand und ausgerechnet auf mich gewartet zu haben schien. Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten, nämlich auf der Stelle zu erfrieren oder in dieses Taxi zu steigen. Der Fahrer, ein dunkelbrauner Latino, war durch eine kugelsichere Glasscheibe von seinen Passagieren getrennt. Diese besaß ein kleines Schiebefenster, welches nur von ihm geöffnet oder geschlossen werden konnte. Bevor er mich begrüßt hatte, schnappte zunächst einmal die Zentralverriegelung zu. Seine Sicherheitsvorrichtungen begannen mir Angst zu machen. Möglicherweise bekomme ich nach Nennung meines Fahrtziels als zusätzliche Maßnahme noch eine Betäubungsspritze verabreicht?
Er öffnete die kleine Schiebetür ein wenig und sah mich an. Als ich ihm dann auf Spanisch einen schönen Abend wünschte, war sein Mißtrauen wie weggeblasen. „Wohin Mister?“ grinste er herüber. „Ich suche ein billiges Hotel. Kannst Du mir dabei helfen?“ fragte ich. „Macht fünfundzwanzig Dollars für die Fahrt.“ Sein Grinsen wurde breiter. Das Schlitzohr hatte zwar ein Taxameter eingebaut, doch wollte er sich schwarz etwas dazu verdienen, denn er schaltete es nicht ein. „Ich habe schon Feierabend,“ lautete seine schwache Begründung. „Du bekommst zwanzig, okay?“ Ich blieb beim Spanisch. „Okay, Mister!“ und schon begann die Fahrt. Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als wir plötzlich die sechsspurige Autobahn verließen und über Wege dahinschaukelten, die denen in den Bergen von Samaná nicht unähnlich waren. Eine Wohngegend war es jedenfalls nicht, die wir durchfuhren. Ich machte verfallene Fabriksgebäude und große Schrottplätze aus. In dem ganzen Viertel gab es nicht eine funktionierende Straßenlampe. Jemand mußte sie alle zerstört haben. Ich dachte an die Schecks, die ich mit mir führte und mir wurde etwas mulmig in der Magengegend. „Wo führst Du mich hin, Schlitzohr?“ fragte ich den Fahrer. „Du wolltest doch ein billiges Hotel, oder? Also bekommst Du ein billiges Hotel, klar?“ gab er zur Antwort.
Kurz darauf kurvte er auf einen kleinen Parkplatz. Wir waren angekommen. Das L-förmige Motel war sogar noch schwach beleuchtet. „Die Nacht hier kostet fünfzig Dollars“, meinte mein Latino nach Erhalt seines ausgemachten Fuhrlohnes. „Have a nice Stay in New York!“ feixte er noch auf Englisch und machte sich dann mit durchdrehenden Reifen aus dem Staub.
Es war spät in der Nacht und eiskalt hier draußen. Vielleicht, so kam mir der wärmende Gedanke, wartet gerade hier, wo niemand es vermuten würde, ein heißblütiges Mädchen auf einen einsamen Wanderer wie mich.
Doch, wie das so ist: Der Mensch denkt - Gott lenkt! Das heißblütige Mädchen entpuppte sich als eine alte koreanische Mutter, die sich übermäßig mit allen unpassenden Farben der Kosmetikindustrie vollgeschminkt hatte. Ihr kurzer prüfender Blick ging durch mich hindurch. „Die Bar ist schon geschlossen!“ wollte sie mich gleich wieder loswerden. Meine Frage nach einem Zimmer beendete jedoch schlagartig ihre Abneigung: „Sie sind ein Glückspils, soeben ist das letzte frei geworden.“ Sie rang sich ein einstudiertes Fernsehlächeln ab. Ein Fernsehlächeln erkennen Sie daran, daß zwar die dritten Zähne freigelegt werden, doch die Augen hart und unbewegt bleiben. Während ich ein Formular mit diversen Durchschlägen ausfüllte, erkundigte ich mich so ganz nebenbei nach dem Preise für die Nacht. „Fünfundsiebzig Dollars, Mister.“ Mit diesen Worten schob sie mir den Zimmerschlüssel herüber. Nun versuchte auch ich zu lächeln, schob meinerseits das Formular in ihre Richtung und sah ihr entwaffnend in die Augen. „Mutter, ich weiß, das Zimmer kostet nur fünfzig.“ - „Du zahlst fünfundsiebzig Dollars und zwar hier und jetzt oder Du schläfst draußen!“ Sie hatte meine Ausweglosigkeit erkannt und nutzte das beinhart aus. Also zahlte ich, nahm meinen Schlüssel und wollte mich wortlos auf den Weg machen, als sie mich auf die Möglichkeit hinwies, noch einen Kaffee oder Tee zu bekommen. Dabei deutete sie auf einen ehemals vermutlich weiß gefärbten, häßlichen Automaten, der für stolze zwei Dollars das durch vorangegangenen Tastendruck definierte Getränk in diese kleinen, so überaus praktischen Plastikbecher entließ. „Vielen Dank, Lady, aber ich bin gesund und glücklich.“ Mit einer lässigen Handbewegung tippte ich an die Krempe meines nicht vorhandenen Stetsons und begab mich auf mein Zimmer.
Eine Frechheit, für dieses Loch einen solchen Preis zu verlangen. Es gab zwei alte Stühle und einen Plastiktisch, auf dessen Oberfläche ganze Rauchergenerationen ihre Zigaretten ausgedämpft hatten sowie ein altes Radio mit einem kleinen zerrissenen Lautsprecher, welcher halb aus dem Gehäuse hing. Gestern hatte ich mich noch über die Klimaanlage gefreut, heute brauchte ich die Heizung. Diese war zwar eingeschaltet, doch offensichtlich sollte sie nur verhindern, daß das Wasser gefriert. Das Zimmer war bitterkalt. Vermutlich war hier seit vielen Wochen nicht mehr geheizt worden. Ich baute mir unter Zuhilfenahme des zweiten Bettes ein Nest und kuschelte mich hinein. Der Gedanke an den morgigen Geldsegen ließ mich schließlich sanft entschlummern.
Jeder hat so seine lieben Gewohnheiten und im allgemeinen bin ich ja wirklich nicht anspruchsvoll, doch als feinfühliger Mensch lege ich zum Beispiel großen Wert darauf, daß alle meine Tage friedlich beginnen. Ob sie dann auch so enden, steht auf einem anderen Blatt, doch gegen Abend ist meist der eine oder andere Schluck außerordentlich hilfreich dabei.
Mein erster Tag in New York jedenfalls war von der unschönen Art. Zu meinem größten Mißfallen wurde er mit dem schrillen Geschrei eines Weibes eingeläutet, welche sich noch dazu eines fürchterlichen amerikanischen Slangs bediente. Diese Stimme klang etwa wie die des Donald Duck in der Originalfassung und lag sogar noch eine Oktave darüber, wenn Sie wissen, was ich meine. In nüchternem Zustand und unvorbereitet kann sich so etwas unter Umständen sogar negativ auf die Potenz auswirken! Benommen entstieg ich meinem Nest und schaltete das Radio ein. Das kleine Gerät schaffte es zwar nicht, das fürchterliche Geplärre zu übertönen, doch es erschien mir zumindest als eine sinnvolle Ergänzung.
Die Uhrzeiger standen auf halb sieben in der Früh. An Schlaf war unter solchen Umständen nicht mehr zu denken. Wie jeden Morgen nahm ich unter der Brause Aufstellung und drehte auf.
Meine langjährige Erfahrung hat gezeigt, daß ein Tag, der negativ begonnen hat, diesem Trend folgt. Für einen Moment übertönte mein Urschrei sowohl das Gezeter der Alten als auch das quäkende Radio. Das Eiswasser wurde auch nach vielen Minuten nicht wärmer. Immerhin bewirkte es eine rasche Nebelauflösung in meinen Gehirnwindungen und ich beschloß, nun meinerseits entsprechende Gegenaktionen zu starten.
Plötzlich wußte ich, wie die Alte sich ihre fünfundzwanzig Dollars verdienen sollte, die sie mir gestern abend abgepreßt hatte. Mir fiel die legendäre Elvis-Show in Las Vegas ein, wo er an einer Stelle gesungen hatte: „If You wanna get troubles, You were on the right place!“ Die Bettlaken mußten ohnehin erneuert werden, also hatte ich keine Probleme, sie zu zerreißen. Anschließend verstopfte ich damit sämtliche Abflußrohre. Während das Wasser aus allen Hähnen floß, zog ich mich an, drehte dann das Radio noch ein wenig lauter, frisierte mich, trat in den Gang hinaus und zog die Türe hinter mir zu. Nachdem ich den Schlüssel zweimal nach rechts gedreht hatte, schob ich noch einen hölzernen Zahnstocher in das Schloß und brach ihn ab. Sicher ist sicher, dachte ich schmunzelnd. Schließlich leben wir in einer bösen Welt!
Ich bestellte ein Taxi und holte mir mein Frühstück von der Theke. Es war dem Stil des Hauses angemessen. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, irgend etwas gefrühstückt zu haben, nur der riesige Berg von Einwegverpackungen aus Plastik, den es hinterlassen hatte, überzeugte mich vom Gegenteil.
Anschließend wünschte ich noch einen schönen Tag, stieg in mein Taxi, das inzwischen eingetroffen war und fuhr in die Wall-Street. Die Mutter wird noch liebevoll an mich gedacht haben, da war ich sicher. Im Meldeformular hatte ich mich als Ramon Orlando eingetragen. Das ist ein bekannter Sänger in meinem karibischen Paradies. Eigentlich hat man in letzter Zeit nichts mehr von ihm gehört, fällt mir gerade ein.
Die New York City Bank ist nur einen Steinwurf von der Wall-Street entfernt und liegt fast am Ufer des Hudson River. Der Tag war sonnig, aber kalt. Lediglich mit Hemd und Jeans bekleidet sowie mit meinem kleinen Köfferchen in der Hand stieg ich die Stufen zum Portal dieses monolithischen Bauwerkes aus Stahl und Glas hinauf. Oben angekommen, eilte sofort ein uniformierter Wachmann auf mich zu und wollte mich gleich wieder hinunter schicken. Ich machte wahrlich nicht den Eindruck eines vermögenden Mannes, trotzdem gelang es mir schließlich doch, mich zu einem der vielen Schalter vorzukämpfen und meine Schecks zu präsentieren.
Der Bankbeamte auf der anderen Seite hob daraufhin seine linke Augenbraue um zwei Millimeter, sah mich erstaunt an und drückte dann auf einen Knopf. In unglaublich kurzer Zeit erschien ein äußerst gepflegter Herr, welcher mich sehr höflich begrüßte und mich bat, ihm zu folgen. An einer Sperre wartete bereits der obligatorische Waffenabklopfer. Ein kurzes Wort meines Vordermannes genügte und wir konnten diese Stelle problemlos passieren. In einem Großraumbüro im ersten Stock wurde ich dann an einen anderen Herrn weitergereicht, welcher mich sogar mit Handschlag begrüßte. Diese Geste berührte mich ein wenig, sie erinnerte für einen Augenblick an jene alten Zeiten, wo ein solcher Handschlag mehr galt als eine Unterschrift mit Notariatsstempel.
„Wie wollen Sie es denn?“ fragte er mich. „Geben Sie mir fünfhundert Dollars in bar und den Rest in Travellerschecks,“ antwortete ich. „Da muß ich vorher fragen, ob wir so viele Schecks haben, doch da wir sowieso auf die Bestätigung aus Europa warten müssen, bleibt uns ja bis morgen genug Zeit.“ Damit nahm er meine Bankschecks vom Tisch, stellte eine Quittung darüber aus und wünschte mir noch einen angenehmen Tag.
Natürlich brauchten sie die Bestätigung aus Europa, fiel mir erst jetzt ein, doch bedingt durch die Zeitverschiebung, saßen meine Banker vermutlich längst zu Hause vor ihren Fernsehern.
Andererseits würden sie herüberfaxen während wir hier schliefen, so daß in der Früh bereits die Auszahlung erfolgen könnte.
Hier war es gerade erst elf Uhr vormittags, aber für mich war dieser Tag bereits gelaufen, es ging eigentlich nur mehr darum, ihn würdevoll zu beschließen. Ratlos blickte ich in die Runde. Schräg gegenüber bemerkte ich dann einen Lichtblick. Sie war ohne Zweifel die Ausnahmeerscheinung dieser Etage, wenn nicht sogar der ganzen Bank, blitzte mit ihren großen braunen Augen zu mir herüber und biß sich auf die Lippen, um nicht lachen zu müssen. Ihr Alter schätzte ich auf wenige Wochen über zwanzig.
Da mein Tagewerk bereits erledigt war, beschloß ich, ansatzlos von der Pflicht zur Kür überzuwechseln. „Entschuldigung Lady! Wissen Sie hier in der Nähe vielleicht ein billiges Hotel?“ eröffnete ich die Konversation, nachdem ich den Raum durchquert und sie mit der unnachahmlichen Handbewegung an den imaginären Hutrand begrüßt hatte. „Wer bist Du?“ Als ich ihre rauchige Stimme vernahm, mußte ich unwillkürlich schlucken. Sie konnte ihr Lachen nun nicht mehr länger zurückhalten. „Meine Freunde nennen mich Pedro. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“ Manchmal sind sogar diese abgeschmackten Western-Filme zu etwas gut, dachte ich und grinste. „Candy“ hauchte sie und schlug ihre Augen kurz nieder. „Warum frage ich alter Trottel überhaupt?“ entschuldigte ich mich, „Du kannst ja gar nicht anders heißen!“ - „Sieh mal, Pedro, wir sind hier in der Wall-Street und in der Wall-Street gibt es keine billigen Hotels.“ nahm sie dann auf meine Frage Bezug und blickte mich entschuldigend an.
Wer ein Cowboy sein will, muß sich auch wie ein solcher benehmen. Ich blickte kurz nach links und rechts und beugte mich dann ein wenig vor: „Nehmen wir einmal an, wir zwei wären unsterblich ineinander verliebt.“ flüsterte ich ihr zu, „Wo, in dieser großen Stadt, würden wir uns abends treffen? Ich bitte um Name und Adresse der Herberge.“ Sie gluckste fast vor Lust und schrieb das Gewünschte auf einen kleinen Zettel, den sie mir anschließend vielsagend herüberreichte. Sie lachte und wünschte mir ebenfalls einen schönen Aufenthalt. Sie war vermutlich die erste, die es ehrlich meinte.
Was macht man in New York ohne viel Geld? Ich beschloß, es den armen Stadtbewohnern gleichzutun und fernzusehen. Die angegebene Adresse befand sich in der Nähe der zweiundvierzigsten Straße, etwa hinter dem berühmten Waldorf Astoria Hotel. Der Himmel hatte sich verdunkelt und die Straßenbeleuchtung war bereits eingeschaltet worden. Ein ständiger beißender Wind führte dichte Wolken mit. Es schneite pausenlos. Ich bezahlte mein Taxi und betrat das Foyer des Hotels. Mit meinen nassen Stiefeln durchquerte ich einen knöchelhohen grünen Teppich, welcher den ganzen Raum ausfüllte. Noch bevor ich die Rezeption erreicht hatte, trat mir ein schwarzgold livrierter Zerberus entgegen und hob die rechte Hand. Nein, es sei alles besetzt, bedeutete er mir nach einer gewissenhaften optischen Prüfung. „Ich bin das erste Mal in New York.“ entgegnete ich, „mir ist kalt und ich brauche ein Zimmer.“ Ein paar Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, befände sich sicher etwas Passendes für mich. Außerdem sei es dort auch preislich günstiger, versuchte er, meinen Abgang zu beschleunigen. Dort hatten sie tatsächlich noch ein Zimmer für mich. Es lag im neunten Stock und kostete lächerliche einhundertundvierzig Dollars. Daß es zwei Lifte gab, war nur ein schwacher Trost. Das Zimmer machte einen halbwegs soliden Eindruck, einen Hauch von Luxus ließ es jedoch vermissen. Ein Badezimmer mit Warmwasser, ein großer Fernseher mit Fernbedienung und eine kleine Küche im Vorzimmer, mit Gasherd und Kühlschrank. Das einzige Fenster zeigte die schwarzgraue Wand des Nebengebäudes, welches ungefähr einen Meter entfernt war. Vermutlich eine Folge der astronomischen Quadratmeterpreise New Yorks. Ich zog den Vorhang vor und schaffte durch die Wahl der richtigen Beleuchtung immerhin einen gemütlichen Raum. Ich duschte und wechselte meine bescheidene Garderobe. Mir knurrte der Magen. Folglich fuhr ich wieder hinunter und suchte das Restaurant. Die Suche verlief ergebnislos, also wandte ich mich an den Wucherer in der Rezeption. Über ein Restaurant verfügten sie leider nicht, daher habe man die Küchen für die Selbstversorger einrichten lassen. Die Gäste, die nicht kochen konnten oder wollten, schickten sie ins Waldorf hinüber, klärte er mich über die Usancen des Hauses auf, lachte dabei und hielt seinen Scherz für gelungen.
Als ich wieder auf die Straße trat, wäre ich um Haaresbreite ausgerutscht und der Länge nach auf den vereisten Asphalt geknallt. Vorsichtig drückte ich mich an der Hotelfassade entlang und erreichte den nächsten Eingang. Hier führten einige Stufen hinunter. Über mir baumelte ein gelbes Schild mit weißen chinesischen Schriftzeichen. Ich wußte nicht, was mich erwartete, als ich die Türe öffnete und damit ein kleines Glockenspiel auslöste.
Am Beginn einer langen Theke waren Tabletts gestapelt, daneben gab es Plastikbehälter in vielen verschiedenen Größen, außerdem noch Plastikteller und die schon vertrauten Becher. Diese Theke war bestückt mit riesigen Vorlegeplatten und Metallwannen, welche zum Teil in heißem Wasser versenkt waren, um die Unmengen verschiedenster Zusammenstellungen und Zutaten warm zu halten. Hier konnte man nehmen, was und wieviel man wollte. Nach Umrundung dieses riesigen Angebotes kam ich dann zur Kasse. Der Chinese lächelte und verbeugte sich leicht. Dieses Amerika konnte seiner Kultur keinen Schaden zufügen, dachte ich und erwiderte seinen Gruß. Dann wurde das Ganze auf eine Waage gestellt und sofort erschien der Preis, welcher für alle Gerichte gleich war; es ging nur nach Gewicht. Der Laden machte trotz der vielen Plastikbehälter einen sympathischen Eindruck. Auf einem der hinteren Regale hatte ich einige Dosen „Heineken Beer“ entdeckt. Es war zwar teurer als die anderen Sorten, doch dafür schmeckte es nach Bier. Links und rechts einen großen Plastiksack schleppend, begab ich mich kurz darauf wieder auf mein Zimmer zurück.
Den gesamten Rest des Tages verbrachte ich mit „Channel-Hopping.“ Das ist ein ganz individuelles Programm, bei dem Sie selbst die Schnittfolgen bestimmen und so zwischen dreißig Sendern oder mehr wahllos hin- und herschalten können. Wenn Sie nach einiger Zeit den richtigen Takt gefunden haben, ergeben sich mit ein wenig Phantasie oft ungeheuer witzige Übergänge. Nach drei Dosen Bier kam ich jedenfalls aus dem Lachen nicht mehr heraus. Mittlerweile hatte ich es mir bequem gemacht und begonnen, wie ein Urwaldmensch über die chinesischen Köstlichkeiten herzufallen. Den dabei produzierten Abfall verteilte ich gleichmäßig im ganzen Raum. Die Reinigung war im Preis inkludiert, nahm ich an und war glücklich, in bescheidenem Maße am Preis- / Leistungsverhältnis mitwirken zu können. Zum Schluß dieses orgiastischen Gelages tappte ich in die Küche und warf drei rohe Hühnereier in die Pfanne. Die sind vermutlich heute noch drin, denn ich hatte vergessen, ein wenig Fett oder Öl beizugeben. Den beißenden Rauch ließ ich auf den Gang hinausziehen. Wenn schon Feueralarm, dann bitte woanders, entschuldigte ich mein rüdes Vorgehen.
Im Grunde war ich frustriert und schon zu lange alleine. Die Stadt machte mir keine Freude und die involvierten Banker erst recht nicht. Mich überkam eine ohnmächtige Wut. Wenn ich morgen mein Geld nicht bekommen sollte, würde ich Amok laufen, schwor ich mir. Wie vermutlich die Hälfte aller Amerikaner schlief ich vor dem laufenden Fernseher ein.
Diesmal überprüfte ich die Wassertemperatur, bevor ich mich unter die Dusche stellte. Danach stopfte ich meine Habseligkeiten in mein Köfferchen, legte meinen Schlüssel auf den Schalter der Rezeption und trat auf die Straße hinaus. Es hatte zu schneien aufgehört und der Himmel war hellblau. Es kündigte sich ein sonniger Tag an.
Nach etwa einhundert Metern entdeckte ich zur rechten eine kleine Snack Bar. Ich stellte mir ein Frühstück zusammen und verlangte eine Kanne Kaffee. Der Dicke hinter der Espresso Maschine schaute ein wenig dumm und fragte mich nach der Anzahl der Tassen. „Eine.“ erwiderte ich trocken und nahm vor einem Fenster Platz.
Ein Fruchtsaft, danach zwei weichgekochte Eier, eine Scheibe Weißbrot mit Marmelade und zum Schluß ein Toast mit Schinken und Käse. Das war mein Frühstück. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung. Zahlen, Taxi und auf zur Wall-Street, das waren die nächsten Punkte.
Es war die gleiche Bank und auch das gleiche Großraumbüro, nur die Belegschaft schien eine andere zu sein. Ein Senior mit grauen Haaren und ebensolchem Anzug tat sehr geschäftig. Nein, so teilte er mir nach einem kurzen Telephonat mit, es sei noch keine Antwort aus Europa da, ich solle doch so nett sein und morgen noch einmal vorbeischauen.
Ohne nachzudenken griff ich über den Schalter, bekam den verschreckten Alten in Höhe seiner Krawatte zu fassen und zog ihn zu mir herüber. In mir wurden Kräfte wach, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. „Hören Sie mir gut zu, Mister!“ Ich war ganz ruhig, aber schneeweiß im Gesicht. „Seit vielen Wochen will ich nichts weiter wie mein Geld! Ich bin tausende Kilometer geflogen und habe weit über eintausend Dollars an Spesen aufgewendet. Gehen Sie jetzt sofort zu Ihrem Präsidenten und sagen Sie Ihm, daß ich soeben beschlossen habe, von nun an hier bei Euch in dieser Bank zu wohnen und zwar so lange, bis ich mein Geld habe. Und wenn Sie glauben, mich um fünf Uhr auf die Straße werfen zu können, weil Ihre Bank dann schließt, werde ich vor Eurem Eingangsportal eine Pressekonferenz geben und dann können Sie heute Abend noch auf den Bildschirmen einiges Wissenswertes über die Reputation Ihres Unternehmens erfahren. Spätestens dann nämlich werden Ihre Anleger begreifen, wie Sie mit Ihren Kunden umgehen. Ich habe noch genau dreiundsechzig Dollars und fünfundzwanzig Cents in meiner Tasche, eine weitere Nacht in New York kann und will ich mir daher nicht leisten. Haben Sie mich richtig verstanden?“
Damit warf ich ihn hinter seinen Schalter zurück. Er rückte seine Krawatte zurecht und machte sich mit wachsender Beschleunigung auf den Weg zu den Besserverdienenden. Ich drehte mich um und bemerkte, daß niemand mehr arbeitete. Alle sahen mich an. Einige hatten ihre Hände mit den Kugelschreibern oder anderer Utensilien noch in der Luft. Es herrschte eine atemlose Stille.
Dann flog eine Türe auf und zwei Leute vom Sicherheitsdienst betraten die Szene. Mit einem Satz war ich auf der anderen Seite des Schalters und hob meine rechte Hand über den roten Knopf, der im ganzen Gebäude Alarm und Panik auslösen würde. Es reichte mir jetzt endgültig.
Das Schrillen eines Telephons zerriß die Spannung. Ein Mann vom Sicherheitsdienst wurde herbei gewunken. Der hörte zu und sprach kein Wort. Dann legte er auf und sah mich an. Er winkte und deutete auf den Ausgang. Ich umrundete den Schalter und folgte ihm hinaus. Der zweite Mann ging hinter mir. Vor den Lifts trafen wir auf eine Lady der Extraklasse. Sie schien einem Modejournal entsprungen zu sein, lächelte mich an und begrüßte mich mit meinem Namen.
Auf dem Weg hinauf waren wir in der Kabine alleine. Sie besaß einen Schlüssel für die obersten Etagen. Ihr Chef, so teilte sie mir mit, bedauere das Ganze außerordentlich. Selbstverständlich sei ich Gast des Hauses und sie hätten oben eine kleine Suite für mich hergerichtet. Ich möge ihnen doch die Freude machen, zuzugreifen, was immer mir beliebe und mir New York von oben ansehen, während sie in meiner Sache direkt mit Europa Kontakt aufnehmen würden. Wir hielten in der obersten Etage. Das mußte die Präsidentensuite sein: Teakholz und Antilopenleder, kein Getränk war jünger als zwanzig Jahre und im Hintergrund machte ich Beethovens Ouvertüren aus: Karajan dirigierte die Berliner Philharmoniker. Ich sah durch die gläsernen Wände auf New York. Plötzlich war diese Stadt wunderschön. Die Sonne ließ den Schnee weiß aufleuchten und das Wasser des Hudson hatte tatsächlich eine hellblaue Färbung.
Auf einem kleinen Rollwagen servierte man mir diverse Sandwiches und andere Bäckereien. Es fehlte an nichts: Lachs, Kaviar und Crevetten, alles vom Feinsten.
Meine Wut war dahin. Ich mußte heimlich lachen. Mein Auftritt hatte Wirkung gezeigt, keine Frage. Ich goß mir einen uralten Bourbon ins Glas, ohne Eis natürlich und begann, über das Geschehene nachzudenken. Ich stellte fest, daß hier, im Zentrum der Macht und des Geldes, genau die Regeln herrschen, die wir in den Urwäldern der dritten Welt vermuten. Hier oben, in dieser Suite wurde mir klar, wo die dritte Welt wirklich ist, nämlich hier. „In dieser Stadt töten sie Dich für einen lausigen Dollar!“ hatte mir ein Taxifahrer aus Puerto Rico gesagt und erinnerte damit an die erschreckende Kriminalstatistik. Es ist nichts weiter wie die logische Folge der Spielregeln unserer Kultur, wenn sich niemand um einen Verletzten kümmert oder bei einem Delikt in eine andere Richtung sieht. Alte Menschen sterben unbemerkt in ihren Wohnungen. Niemand fragt nach ihnen. Alle sind damit beschäftigt, sich gegenseitig zu übervorteilen. Zwei Stunden später hatte ich mein Geld.
Gegenüber der Bank gab es ein Reisebüro mit dem Namen „Liberty Travel.“ Hier traf ich eine nette Ungarin, die für mich auf einer riesigen Tastatur einen Rückflug nach Miami suchte. Es sei nicht leicht um diese Zeit, denn viele Amerikaner würden Sylvester lieber im wärmeren Süden feiern. Sie fand dann doch noch einen freien Platz. Als ich allerdings den Preis vernahm, verschwand meine gute Laune gleich wieder: über vierhundert Dollars erschien mir etwas übertrieben. „Sie haben doch so einen großen Computer und so viele Tasten auf Ihrem Schreibtisch,“ lächelte ich die junge Frau an, „vielleicht hat der große Bruder noch andere Möglichkeiten?“ Er hatte tatsächlich. Um etwas mehr als zweihundert Dollars ging es mit der „North West Airlines“ vom La Guardia, dem zweiten Flughafen New Yorks, über Detroit nach Miami.
Bei der Zwischenlandung fand ich im Flughafen ein original irisches Pub. Hier kehrte ich ein und trank seit langer Zeit wieder ein richtiges Bier vom Faß. Mehr habe ich von Detroit nicht gesehen. Mehr wollte ich auch nicht sehen.
Im „Everglades“ in Miami begrüßte man mich wie einen alten Stammgast. Diesmal allerdings gelang es mir nicht mehr, den Preis zu drücken. Im Gegenzug aß ich daher nicht im Hotel, sondern in einem kleinen mexikanischen Restaurant, welches ein freundlicher Taxifahrer mir empfohlen hatte. Es war ein angenehmer Abend und das „Chilli con carne“ mit Tortillas war das erste wirklich ausgezeichnete Essen in diesem riesigen Land und schmeckte hervorragend.
Tags darauf, es war der letzte des Jahres, fand ich mich am Schalter der dominikanischen Fluggesellschaft im Airport von Miami ein, um einzuchecken. Außer mir gab es keinen weiteren Reisenden in diesem Teil der Halle und der Schalter blieb geschlossen. Auf meine besorgte Anfrage teilte man mir mit, daß dieser Flug ausfiele. Ich mußte plötzlich an den alten Kaiser Franz Joseph denken, der oft gemeint hatte, daß ihm auch wirklich nichts erspart bliebe.
An einem Informationsschalter präsentierte ich dann mein Rückflugticket und nach einigen Telephonaten verwies man mich an die American Airlines, die ebenfalls heute noch Santo Domingo anfliegen würde. Also wieder keinen Merengue und keine Aschenbecher, doch erstaunlicherweise auch kein Aufpreis. Die Dominikaner dürften die Differenz aus ihrer Tasche beglichen haben.
Ich hatte nun eine Stunde länger zu warten und wollte mir genüßlich eine Zigarette anstecken. Da im gesamten Flughafenkomplex das Rauchen verboten war, nahm ich draußen auf einer der vielen Bänke Platz. Hier, im Schatten vor den klimatisierten Räumen saßen hunderte Raucher wie Aussätzige und frönten ihrer Sucht. Die Flughafenverwaltung aber hatte auch hier alles im Griff: Eine Kolonne von Zigarettenstummelauflesern war Tag und Nacht im Einsatz, um die Eingänge frei zu halten. Das war das letzte, was ich vom Land der einstigen großen Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten sah.
Gegen neun Uhr abends kam ich endlich wieder in Las Américas an. Es war heiß, schmutzig und laut. Schwitzend und übelriechend genehmigte ich mir einen Cuba Libre und stritt anschließend mit dem Taxifahrer über seinen unverschämten Preis. Ich war etwas übermüdet aber glücklich.
Nach dem Essen fiel ich in die kleine Bar neben dem „El Hidalgo“ und ließ das Jahr mit zwei Chicas, die mir beim Trinken behilflich waren, ausklingen. Ausgelassen tanzten wir noch bis in den frühen Morgen auf der Straße Merengue. Eine erkundigte sich nach meiner Zimmernummer, sie müsse nur noch die Bar zusperren.
Ich dachte an meine Schecks und nannte ihr eine Nummer - es war leider nicht meine.