Und nun reden wir von der Gerechtigkeit. Wir in Europa sind stolz darauf, in einem Rechtsstaat zu leben und bemerken gar nicht, wie dieser Begriff pausenlos vergewaltigt wird. Recht ist im Grunde immer das, was die Mächtigen darunter verstehen - mit Gerechtigkeit hat das alles nichts mehr zu tun. Das ist mittlerweile auf der ganzen Welt so, doch hat unsere Bananenrepublik auch hier noch mit einigen spezifischen Zuckerln aufzuwarten.

Vor wenigen Jahren noch wurden die Autofahrer ständig von herumstreunenden Polizisten belästigt, welche mit ihren weißen Tropenhelmen die Autos stoppten und zwar nicht, um den Führerschein zu überprüfen oder die Zulassung oder die Steuerkarte, sondern um schlichte zehn Pesos zu kassieren und nach Erhalt des Kleingeldes eine schöne Weiterfahrt zu wünschen.

Solange diese Belästigung im Rahmen blieb, konnte man ja damit leben, doch wenn das alle halbe Stunde passierte - und das war speziell an den Wochenenden der Fall, wo der Durst ja bekanntlich besonders groß ist - wurde die Angelegenheit schon sehr lästig. In diesen Fällen schaute ich zunächst auf ihre Bewaffnung und, wenn von dort nichts zu befürchten war, hob ich die rechte Hand zum Gruße, ließ ein freundliches „Hola!“ rüberschallen und fuhr einfach weiter. Kannten sie mich hingegen schon und würden mir daher später mal unangenehm werden können, griff ich in den Aschenbecher, holte dort eine zehn Peso Note hervor, zerknüllte sie mit der rechten Hand und warf sie ganz einfach auf die Straße. Im Rückspiegel konnte man dann beobachten, wie der Sheriff neben dem Schein Aufstellung nahm, zunächst nach links und rechts schaute und dann folgte die erniedrigende Bewegung: Er ging in die Hocke und wischte den Fetzen von der Straße auf.

Einmal hatte ich ein paar Hamburger Freunde mit im Jeep, als ich den Polizisten Geld gab. Sie erzählten mir hinterher, daß sie der felsenfesten Überzeugung waren, jetzt würden sie mich einsperren. Ich habe ihnen erklärt, daß sie mich einsperren würden, wenn ich ihnen kein Geld geben würde.

Erst dem Präsidenten - Leonel Fernandez - ist es gelungen, diese
beschämenden Vorgänge zu beenden und die Straßen wieder frei zu machen, indem er den niederen Rängen ganz einfach fünfzig Prozent mehr Lohn zahlte. Doch wie bei den Huren auch, ist damit die korrupte Denkweise in den Schädeln noch lange nicht bereinigt. Wo immer sie eine Möglichkeit sehen, Geld zu machen, werden sie es auch tun.

Ich kann hier jeden einsperren lassen, wenn ich das will. Der Vorgang ist ganz einfach: Ich werde beim Friedensrichter - dem Fiscal - vorstellig und sage: „Dieser Mann hat öffentlich behauptet, meine Frau sei eine Hure! Das darf der nicht machen! Der Mann gehört bestraft!“ Obwohl jeder im Dorf weiß, dass sie eine Hure ist und der gute Mann mit seiner Behauptung ja eigentlich Recht hat, geht es ja gar nicht um die Schlampe, sondern um meine Reputation. Auf Anhörung der Gegenseite wird grundsätzlich verzichtet, der Anzeigende hat immer Recht. Dann stellt mir der Gesetzeshüter einen Haftbefehl aus und mit dem und einer Flasche Bier gehe ich dann zur Polizeistation. Keine Stunde später gibt der Kerl seinen Gürtel ab und wandert in den Knast und wenn ich ganz böse bin, mache ich das an einem Freitag, dann nämlich sitzt der so lange ein, bis am Montag früh die Nationalfahne wieder den Mast hinaufgezogen wird. Übers Wochenende ruht Justitia sich nämlich aus!

Ist auf diese Art jedoch kein Geld zu machen und im Dorf leben nur mehr wahre Christenmenschen, die sich einfach nichts zu Schulden kommen lassen, müssen die Bullen eben zu anderen Mitteln greifen, wenn sie nicht verhungern wollen.

Dann erinnern sie sich plötzlich, daß es ja ein Gesetz gibt, welches jedem Motorradfahrer vorschreibt, einen Helm mit sich zu führen. Also werden alle helmlosen Motorradfahrer eingesperrt und nach Bezahlung einer willfährig festgelegten Summe wieder auf freien Fuß gesetzt. Fahren jetzt alle mit Helme durchs Dorf und die Bullen wollen noch mehr Geld, werden alle Conchos dahingehend überprüft, ob sie auch versichert sind. Das ist in den wenigsten Fällen so und daher werden alle Maschinen konfisziert, auf Lkws verladen und nach Samana gebracht. Hier können sie dann später gegen Bezahlung einer schmerzenden Summe wieder ausgelöst werden.

Letzte Woche haben sie mir in Sosua meinen Führerschein - besser gesagt: einen meiner vielen Führerscheine - abgenommen, weil ich nicht angeschnallt war. Der dicke Hermann, das ist der heimliche Bürgermeister dort, hat ihn mir dann eine Woche später wieder beschafft. Der Spaß kostete dreihundert Pesos - das ist immerhin soviel wie eine Liebesnacht!

Zu Weihnachten ist die Not besonders groß. In dieser Zeit häufen sich die Einbrüche. Nicht weit weg von meiner Hütte wurde bei einer Französin eingebrochen. Als die Polizei auftauchte, waren die Täter natürlich längst über alle Berge. Lediglich fünf Buben im Alter zwischen sieben und zehn Jahren spielten in der Nähe. Also machten unsere Freunde es sich leicht, sammelten die Kinder auf und sperrten sie ganz einfach weg. Den besorgten Eltern wurde mitgeteilt, daß es zweihundert Pesos kosten würde, wenn sie Wert darauf legen sollten, daß ihr Nachwuchs zu Hause schläft. Das waren also schon mal tausend Pesos Weihnachtsgeld und weil es so schön ging, versuchten sie es am nächsten Tag wieder, obwohl inzwischen die Französin vorstellig geworden war und mit Nachdruck versichert hatte, daß es ja nicht die Kinder gewesen seien, die bei ihr eingebrochen hätten, sondern andere, die größer waren.

Also machte ich mich mit Papolo auf den Weg zum Friedensrichter, welcher daraufhin den Colonel anrief und dann fuhren wir mit ihm in seinem Auto zur Bullenstation. Der Polizeioberst begrüßte mich sehr kameradschaftlich – wir hatten uns einst beim Polen kennengelernt, als ich nachts mit einer dunklen Schönheit im Pool saß und einen Cuba Libre zu mir nahm - und mußte sich nun vom Fiscal sagen lassen, daß die Zeiten sich geändert hätten und man nicht vor den Augen der Touristen und der hier lebenden Ausländer grundlos irgendwelche Kinder einsperren könne. Der Colonel holte mit der linken aus und schlug mit der Faust gegen eine Holztüre. Daraufhin wieselte der Teniente herein, salutierte und fragte, was denn los sei. „Bring mir den Affen!“ wurde er aufgefordert und keine Minute später erschien Rambo. Der wurde jetzt gewaschen, gebügelt und schnellgetrocknet und damit war die ganze Sache ausgeschwitzt. Seitdem ist mein Ansehen bei einigen Mitbürgern wieder um einiges gestiegen.

Don Louis, der alte Fuchs vom Punta Bonita Hotel, legte indessen noch ein Schauferl nach: Er ließ nämlich zu Silvester zwei Polizisten festnehmen, entwaffnen und einsperren. Sie hatten sich auf Kosten des Hauses vollgesoffen und anschließend vor den entsetzten Touristen mit ihren Schießknüppeln das neue Jahr begrüßt. Lächelnd zeigte mir Don Luis das Entschuldigungsschreiben vom obersten Polizeiboss aus Santo Domingo. „Da sind sie an den Falschen geraten!“ schmunzelte er. „Die haben das neue Jahr im Knast feiern dürfen!“

Verlassen wir jetzt die Exekutive und widmen uns der Legislative! Die unterste Stufe im Falle einer Meinungsverschiedenheit ist das Juzgado de Paz – das Friedensgericht. Das entspricht unserer außergerichtlichen Einigung. Der Friedensrichter versucht also mit den Streitenden eine für alle annehmbare Lösung zu finden. Ist das nicht möglich, wird der Staatsanwalt in der Provinzhauptstadt – in unserem Falle Samana - mit der Sache befaßt. Auch der versucht zunächst noch eine Schlichtung ohne Prozeß, doch dann wird verhandelt. Es herrscht zwar keine Anwaltspflicht, doch werden in dieser Phase bereits Anwälte hinzugezogen. Diese haben in der Regel unverschämte Honorarforderungen und liefern dafür lediglich eine große Show. Wenn sich zwei Gringos streiten, umarmen sich die gegnerischen Anwälte und weinen vor Freude, denn jetzt wird solange herumgestritten und dagegen berufen bis die Gringos kein Hemd mehr am Leibe tragen.

Wenn man hier heiratet oder sich scheiden läßt, braucht der Dominikaner keinen Anwalt, beim Kauf eines gebrauchten Mopeds aber schon. Bei allen wirklich wichtigen Dingen sind sie dabei. Als ich damals meine erste Grundstücksparzelle kaufte, zahlte ich einem Millionärsanwalt aus Santiago volle neununddreißigtausend Pesos für den Titel und die Deslinde (Grundbucheintragung und Landvermessung.) Der Titel kam nach drei Monaten, die Deslinde nie! Als dann alles daneben ging und ich meine Hypothek wollte, erklärte mir der gleiche (!) Anwalt, daß er die Hypothek nicht auszahlen könne, denn es sei etwas nicht in Ordnung mit dem Titel - den er mir einst beschafft hatte!

Ich bin seit über zehn Jahren auf dieser Insel und habe bis heute keinen Anwalt getroffen, der im edelsten Sinne seriös gewesen wäre. Hier herrscht das Faustrecht und wenn ich Probleme habe, das heißt, wenn jemand Probleme mit mir bekommt, dann drohe ich nicht mit einem Anwalt, sondern mit Luis, meinem Killer aus der Hauptstadt! Den habe ich vor vielen Jahren einmal aus dem Gefängnis freigekauft. Seitdem habe ich einen Wunsch frei!

Es gibt in diesem Land auch keine Rechtssicherheit. Vor zwei Jahren sind Araber erschienen und haben gemeint: „Die Halbinsel Samana erklären wir zum Paradies auf Erden. Hier möchten wir investieren.“ Leonel, der damalige Präsident, hatte daraufhin geantwortet: „Wenn jemand mit viel Geld ins Land kommt, dann ist er selbstverständlich herzlich willkommen.“
Unlängst kamen nun die Araber mit einer ersten Tranche von 365 Millionen Dollars. Da stellte sich der neue Präsident hin und verblüffte die staunenden Investoren mit der Meldung: „Die Verträge mit meinem Vorgänger erkläre ich für ungültig!“ Also zogen die Araber wieder ab mit ihrem vielen Geld!

Mit gleichem Recht könnte er alle Residenten auffordern, sich neue Aufenthaltsberechtigungen zu besorgen, denn diese wurden ja damals von einem korrupten Regime erteilt und hätten daher keine Gültigkeit mehr. Das gleiche könnte mit Grundeigentum passieren oder mit Bankkonten und wenn der erste Mann im Staat so etwas tut - wie schaut dann wohl der Rest der Legislative aus?!

Alfred, unser Pole, erschien einst in der bekannten Neckermann - Uniform,
das heißt in kurzer Hose und Hemdsärmeln vor Gericht. Der Richter hob die Augenbrauen hoch fragte ihn erstaunt: „Haben Sie denn keinen Respekt vor dem Gericht?“ Alfred lächelte zurück und antwortete: „Nein!“
Pedro.

Verfasser: Pedro de Las Terrenas
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