Zwanzigtausend Dollars sind viel Geld. Diesen Betrag hatte ein Landsmann mir abgenommen und damit sein Haus gebaut. Ich erwirkte zwar eine Hypothek darauf, doch mein Geld sah ich vorerst nicht. Statt dessen schickte er mir einen Killer auf den Hals, was ja auch wesentlich billiger ist als einen derartigen Betrag - noch dazu mit einem Prozent Zinsen pro Monat - zu bezahlen.
Eine Situation wie diese kennen wir normalerweise ja nur aus dem Samstag Nacht Krimi auf Kanal eins, doch unmittelbar damit konfrontiert zu werden, das schaut dann aber ganz anders aus!
„Pedro, da ist jemand erschienen, der will Dir Böses! Der ist nicht von hier. Der kommt aus Puerto Plata. Paß gut auf Dich auf!“ Es waren meine dominikanischen Freunde, die es zuerst bemerkten. Sie waren ständig um mich herum, nicht einmal beim Pinkeln ließen sie mich alleine!
Ich war gefordert, keine Frage. Den nächsten Flieger nach Europa nehmen war der erste Gedanke. Aber dann beschloß ich, mich dieser unerfreulichen Sache zu stellen und den dunkelhäutigen Killer ganz einfach mit eigener Hand umzunieten.
Also erschien ich beim hiesigen Polizeikommandanten und fragte ihn höflich: „Es possible alquilar una arma de fuego?“ - „Ist es möglich, eine Waffe zu mieten?“ Er war bekleidet mit einem ehemals weißen Unterhemdchen und einer zerknitterten Khaki Hose, hatte einen Nabelbruch, lehnte mit seinen nackten Füßen gegen die hölzerne Wand seiner blauen Behausung hinter der Bullenstation und stocherte mit einem schmutzigen Hölzchen in seinen Zahnruinen herum: „Pah! - Pah! - Pahraque?“ - „Warum?“ hustete er mich an. „Para defender!“ - „Zur Verteidigung!“ erwiderte ich freundlich.
Er stand einfach da und dachte über mein Ansinnen nach, dann spuckte er auf den Boden, hob seine rechte Hand vor mein Gesicht, ließ seinen Zeigefinger von links nach rechts wandern und meinte: „Eso no es possible, Senor!“ - „Das ist nicht möglich, mein Herr!“
„Entonces - es possible alquilar esta arma con el Dueno, que tienela?“ - „Alsdann - ist es denn möglich, die Waffe zu mieten mit dem Bullen, der dranhängt?“ Da füllten sich seine Augen mit einem satten Glänzen. Er hob seine Augenbrauen hoch und meinte: „Eso es possible, Senor!“ Wir einigten uns auf einen Preis von je 100 Pesos, dann mietete ich zwei Polizisten an.
Ich klärte die beiden über meine Situation auf und fügte hinzu, daß der Killer jede Nacht so zwischen drei und halb fünf sich an mein Appartement heranschliche, welches damals direkt an die dicht bewachsenen Kakaoplantagen angrenzte. Es gab ihn tatsächlich: ich hatte ihn schon zweimal dabei beobachtet!
„Du mußt genau so weiterleben wie früher, Pedro. So - als wenn Du gar nichts bemerkt hättest! Also ist heute Abend die Discotheca angesagt!“ Ich hatte es ganz offenbar mit ausgesuchten und bestens geschulten Spezialisten zu tun - Leute, die was von ihrem Handwerk verstanden! Also trafen wir uns am Abend in der Disco. Meine beiden Bodyguards waren in Zivil, das heißt, sie unterschieden sich äußerlich in nichts von den hier üblichen Verbrechervisagen, die nur auf ihre Möglichkeit warten, von irgendeinem Tisch eine halbvolle Flasche Rum zu stehlen. Mit von der Partie waren außerdem noch Lothar, mein Leibwächter, Oliver, der älteste Sohn von Don Luis, dem das Punta Bonita Hotel gehört und Chago, mein letzter Dominikaner.
Wir alle tanzten und soffen drauf los und hatten unseren Spaß. Selbstverständlich ging alles auf meine Rechnung und speziell die beiden Bullen nutzten diese Gelegenheit rigoros aus. Sie waren so begeistert, daß sie auf ihre eigentliche Aufgabe vollkommen vergaßen und so wurde es immer später. So gegen zwei Uhr früh blies ich dann zum Aufbruch, doch die beiden wollten noch immer nicht. Erst als ich ihnen deutlich machte, daß sie ihr Geld ja irgendwie auch verdienen müßten, nahmen sie auf meinem Jeep Platz. Vorher jedoch hatten sie sich jeder noch zwei große Flaschen Presidente Bier eingesteckt. So kamen wir schlußendlich doch noch von der Kür zur Pflicht und fuhren zu meinem Appartement am Rande des Urwaldes.
Ich hatte nun erwartet, daß die zwei sich irgendwo in der Nähe verstecken würden, um auf den bösen Mann zu warten und ihn festzunehmen, doch da hatte ich mich gründlich getäuscht, denn sie betraten mit uns das Appartement, grölten besoffen herum und pinkelten zu allem Überfluß noch in meine Badewanne, weil sie offenbar nicht wußten, welchen Zweck diese sonst zu erfüllen hatte.
Also erklärte ich den beiden, was ich von ihnen erwartete und daß sie gefälligst dem Killer draußen aufzulauern hätten. „No Problemo!“ war die Antwort, dann holten sie ihre Schießeisen heraus und ballerten sinnlos in der Gegend herum.
„Lothar! Nimm diese Kinder mit ihren Waffen, lade sie auf den Jeep und bringe sie auf die Bullenstation zurück! Die sind total unbrauchbar. Ich will die hier nicht mehr sehen. Nimm bitte die Schlüssel und beeile Dich! Vielleicht passiert doch noch was heute Nacht.“
Lothar fackelte auch nicht lange. Er nahm sie einfach links und rechts bei den Hemdkragen, hob sie ein wenig hoch, warf sie hinten auf den Jeep und weg waren sie.
Da saß ich nun in meinem Appartement, die Machete in der Hand und wartete. Oliver hatte sich mit seinem schweren Kopf längst zu Bett begeben und Chago war auf dem Schaukelstuhl sitzend eingeschlafen. Nur ich war noch hellwach. Jedes Geräusch nahm ich wahr, jede Bewegung draußen wurde registriert. Es war kurz vor Vollmond und so konnte man alles recht gut erkennen. Es war sternenklar. Die Palmen auf der anderen Straßenseite wiegten sich leicht im Wind. Ich saß im Schatten neben der Eingangstüre, bereit, jederzeit mit dem Buschmesser zuzuschlagen. Doch es geschah nichts. Der Killer war vermutlich durch die unbedachte Schießerei vorgewarnt und würde wohl heute nicht mehr erscheinen.
Die Zeit schien stillzustehen. Nichts geschah. Nach über einer Stunde hörte ich das vertraute Auspuffgeräusch meines Jeeps und Lothar kam endlich zurück.
Als er den Motor ausschaltete, glaubte ich glatt, mich trifft der Schlag: Die beiden Bullen waren wieder da und hatten zusätzlich noch zwei Hurenweiber mitgenommen! Die wollten also nicht nur auf meine Kosten saufen, sondern auch noch vögeln! Eine wackelte mit ihrem kleinen Hintern durch meine Eingangtüre. „Hola Pedro!“ flötete sie.
Nun reichte es mir aber! „Die Party ist zu Ende! Raus!“ brüllte ich, doch die verstanden plötzlich kein Spanisch mehr. Unberührt setzten sie ihre unterbrochene Sauferei fort.
Auf einem runden Holztisch standen acht oder mehr große Flaschen Bier. Ich nahm meine Machete, holte kurz aus und dann flog sie backhands durch die Flaschen. Diese standen zwar immer noch auf dem Tisch, doch waren sie nur mehr halb so groß! Ein riesiger Fleck war auf der Wand entstanden und der Boden war mit Glassplittern übersät. Da herrschte plötzlich Gedränge an der Türe! Sie konnten gar nicht schnell genug verschwinden, so eilig hatten sie es. Denn jetzt drehte der Pedro durch und so stand also um halb sechs in der früh eine der kleinen Huren auf der Urwaldpiste und schrie pausenlos: „Moto Concho! Moto Concho!“ Doch das gab es natürlich nicht um diese Zeit.
„Setz Dich hinten drauf, ich tue Dir doch nichts!“ beruhigte ich sie schließlich und dann fuhren wir alle wieder ins Dorf zurück. Auf der Polizeistation lud ich die Bullen mit ihren Weibern ab und dann machten Lothar und ich noch einen Besuch in der Blue Bar, welche sich damals direkt neben dem Eingang zum Nuevo Mundo befand und wo man um weniger Geld die gleichen Mädchen treffen konnte wie drinnen in der Disco. Hier eröffneten wir dann den internationalen Frühschoppen und so kamen wir langsam wieder auf unseren gewohnten Pegel zurück; es kam also - wie ich immer zu sagen pflege - wieder Farbe ins Bild.
Zwei Nächte später lag ich, ganz in schwarz gekleidet, mit meiner Machete auf der Lauer. Der Killer kam tatsächlich. Geduckt schlich er sich an mein Appartement heran. Als er anderthalb Meter von mir entfernt war, stand ich blitzschnell auf und holte mit dem Messer aus. Seine Augen wurden so groß wie weiße Untertassen, dann rannte er in Panik mit seinen bloßen Füßen über den Stacheldrahtzaun davon. Er hatte begriffen, jetzt ging’s ans Leben und zwar an seins! Ich glaube, der ist die ganze Nacht durchgerannt. Seitdem wurde er nie mehr gesehen.
Zwei Tage später traf ich den Polizeikommandanten, als ich gerade aus der Telephonstation herauskam. Er nahm mich zur Seite und bot mir eine 38er zum Kauf an, mit der Lizenz zu töten als Draufgabe. „Die meisten Gringos wollen so was.“ meinte er. „Tausend Dollars, dann bist Du dabei, Pedro!“ Das war in der Tat günstig; normalerweise kostet eine Waffe mit Schein das zwei bis dreifache dieser Summe.
„Capitan!“ erwiderte ich lächelnd: „Schau mal! Ich habe hier keine Angst. Mir tut doch niemand was. Wir spielen Domino, teilen uns den Rum und die Weiber und ansonsten fühle ich mich gut und sicher hier. Schließlich ist das hier ja nicht Düsseldorf Hauptbahnhof!“ Den Kopf leicht gesenkt stand er da, den Mund geöffnet und mit ungläubigem Gesichtsausdruck. Ich klopfte ihm auf die Schulter und grinste ihn voll an: „Und sollte ich jemals das Gefühl bekommen, daß ich eine Waffe benötige, weißt Du, was ich dann machen werde, Capitan? - Dann gehe ich woanders hin!“
Eine Woche später saß ich im Flieger nach Europa und als ich nach ein paar Monaten wieder in Las Terrenas auftauchte, war die ganze Geschichte vergessen.
Ach ja - den Auftraggeber ließ ich währenddessen von Interpol abholen, denn der stand in Deutschland auf der Liste!
Verfasser: Pedro de Las Terrenas