Bernd, mit dem ich damals noch so manches Fläschchen teilte, meinte
eines schönen Tages, ich solle doch die Stories über die abgewrackten Gringos endlich einmal unterbrechen und etwas über dieses Land und seine dominikanischen Bewohner schreiben. Dabei hat er zwar übersehen, daß alle Geschichten, welche die Kollegen hier erleben, natürlich im Grunde dominikanische Geschichten sind, denn die kann man eben nur hier
erleben,doch werde ich heute seinem Wunsche entsprechen und ein wenig von dem
berichten, was dem Normaltouristen verborgen bleibt.

Was macht dieses Land denn aus Sicht des Urlaubers so interessant, daß er die lange Anreise von neun bis zehn Stunden in Kauf nimmt? Da wären zunächst einmal die strahlende Sonne am blauen Himmel, der weiße Sand und das türkisfarbene Meer anzuführen, doch besteht diese Insel ja nicht nur aus Stränden. Wir haben alle Klimazonen bis auf das ewige Eis, aber das geht uns auch nicht ab.

In Constanza oder Jarabacoa zum Beispiel ist es im Winter ausgesprochen kalt und es kann sogar vorkommen, daß einige Flußufer vereisen. Hierher werden dann zur Weihnachtszeit die auffällig gewordenen Polizisten strafversetzt, um sie ein wenig abzukühlen! In diesem Teil der Kordilleren wachsen nicht nur Kartoffeln, Zwiebeln und Gemüse, es werden sogar Äpfel, Erdbeeren und Pfirsiche geerntet!

Weiter im Norden, in Monte Christi, gibt es die niederschlagsärmste Gegend der Insel. Hier wachsen übermannshohe Kakteen und es fehlen die Palmen an den Stränden. Dafür wiederum gibt es ausgedehnte Plantagen, auf denen Sabila angebaut wird, eine Lilienart, die bei uns besser unter dem Namen Aloe Vera bekannt ist. Hier ist die ideale Kulisse für Westernfilme, in denen der Wind den braunen Staub in die von der Sonne gegerbten Verbrechervisagen peitscht.

Wir hingegen, auf der Halbinsel Samana, haben den meisten Regen. Bei uns wachsen Kakao, Kaffee, Orangen, Bananen, Mangos und Grapefruits. Hier gibt es Millionen von Kokospalmen und ihre Nüsse werden auch geerntet und verarbeitet.

Neben dem Rio Yuna liegen ausgedehnte Reisfelder, die mittlerweile dreimal im Jahr geerntet werden können. Zuckerrohr wiederum gibt es um Puerto Plata und im Südosten des Landes. Das Cibao - Tal gilt als die ertragsreichste Gegend der Insel überhaupt. Hier befinden sich die größten Plantagen, es wird so ziemlich alles angebaut, von Mani, den Erdnüssen über Mais bis hin zum Tabak. Als Folge der politischen Veränderungen in Kuba und des Handelsembargos der Vereinigten Staaten hat nicht nur Bacardi seine Rumproduktion von Santiago de Cuba nach Puerto Rico verlegt, es werden mittlerweile auch die weltberühmten kubanischen Zigarren nicht mehr in Kuba, sondern hier in Santiago de los Caballeros gedreht. Man sieht also, auf unserer Insel wächst (fast) alles, nur eben nicht alles überall!

Die dominikanische Republik ist also ein riesiger Bio-Laden und das ist auch der Grund, daß hier niemand hungern muß. Im Nachbarland Haiti hingegen raufen in Port au Prince die Kinder mit den Schweinen ums Essen, so sehr wurde dieses Land ausgebeutet!

Doch obwohl es bei uns alles gibt, sind die Sachen in den Läden unverhältnismäßig teuer und das, obwohl kaum jemand Steuern bezahlt. Wenn ich europäischen Standard halten will, brauche ich rund eintausend Dollars pro Monat. Die Untergrenze für Appartements oder Bungalows liegt bei zwanzig Dollars, einen Jeep zu mieten kommt gar auf fünfzig Dollars am Tag!

Dennoch sind die Menschen hier ausgesprochen friedlich und im Allgemeinen auch gut drauf. Sie lieben das intensive Leben und in keinem anderen Land der Welt habe ich soviel gelacht wie hier.


Doch kann man das auch ganz anders sehen. Die von uns so oft bewunderte Leichtigkeit des Seins ist im Grunde nämlich nichts weiter wie Ausdruck totaler Verantwortungslosigkeit! Hier bekommen die Kinder schon Kinder. Dominikaner gehen mit ihren Frauen genau so um wie mit ihrem Müll: Wenn man sie nicht mehr braucht, landen sie auf der Straße! Die Reaktion der Frauen ist entsprechend: Sie suchen keinen Mann, sondern das Geld des Mannes und um daran zu kommen, ist ihnen jedes Mittel recht. Beziehungen, wie wir sie aus Europa kennen, haben hier keinen Platz, dennoch macht es den Mädchen einen Riesenspaß, mit genau diesen Gefühlen zu spielen und speziell die Gringos fallen pausenlos darauf herein.

Wir haben alle die Ausnahmen - glauben wir! „Meine ist aber eine Seriöse, die macht so was nicht!“ Wie oft habe ich das schon gehört und dann eines Tages ist er der Betrogene und Gelinkte! Seriös ist hier ein Schimpfwort! Ich lebe mit meiner Dominikanerin jetzt über sieben Jahre zusammen, wir haben sogar eine gemeinsame Tochter, doch meinen Koffer mit den drei Schlössern muß ich zusperren. Daran würde sich in den nächsten zweihundert Jahren auch nichts ändern, denn es gibt keinen Mann auf der Welt, der soviel Geld heranschaffen kann wie eine Dominikanerin braucht!

Woher kommt denn nun eigentlich diese Verantwortungslosigkeit? Es gibt eine Studie, die besagt, daß die Vorfahren dieser Menschen hier einmal Sklaven waren und die Sklaven hatten ihre Freiheit unter dem Joch: Für alles was sie taten waren ja nicht sie, sondern der Patron verantwortlich! Sie haben Kinder gezeugt, ohne sich auch nur im Geringsten darum kümmern zu müssen, was aus ihnen wird. Sie haben das getan, was man ihnen anschaffte ohne jemals darüber nachzudenken, ob man es nicht besser oder schneller oder überhaupt ganz anders machen kann.

Aus dieser fatalistischen Grundeinstellung wuchs dann die Provokation: dem Patron den Stinkefinger zu zeigen wo immer es ging wurde zur Passion und was der Patron von einst ist der Gringo jetzt!

Nehmen wir zum Beispiel irgendein technisches Gerät. Der erste dominikanische Gedanke geht so: Wie kann ich das möglichst schnell kaputt machen?! Die Pick Ups und die Lkws beispielsweise sind ausnahmslos alle überladen. Da sitzen zwanzig Menschen hinten drauf, die hintere Stoßstange - so es sie überhaupt gibt - schabt schon über den Asphalt, die Scheinwerfer - so es sie überhaupt gibt - strahlen in die Wipfel der Bäume. Eine ganze Bibelgemeinde habe ich so schon über die Berge fahren sehen und sie haben noch gesungen dabei.

Wenn ein Dominikaner sich ein neues Motorrad kauft, wird zuerst die Tachometerwelle entfernt, dann wird der Vergaser so verstellt, daß es möglichst viel qualmt und stinkt. Wer braucht schon einen Auspuff? Das sind unnötige PS, also weg damit, tunlichst in der Nacht, versteht sich und wenn der Fahrer einen Bekannten trifft, mit dem er sich unterhält, bleibt der Motor eingeschaltet! Da schreien sie sich lieber an.

Elektrische Glühbirnen sind immer an, auch den ganzen Tag! Radios sind ebenfalls immer an und immer laut! Es geht ihnen dabei gar nicht um Musik, es geht um den Lärm! Die Ventilatoren laufen selbst dann noch, wenn die ganze Familie wochenlang Urlaub macht!

Als eines Tages in Las Terrenas die ersten Stromrechnungen verteilt wurden, war die Hölle los! Die Straßen haben gebrannt! Die wollten doch tatsächlich einen der Direktoren der Stromgesellschaft in seinem eigenen Auto verbrennen! Der konnte sich jedoch im letzten Moment wild um sich schießend ins nächste Hotel retten. Erst die Spezialeinheiten, die aus San Francisco de Macoris eingeflogen wurden, stellten mit ihren Schnürstiefeln und den M 16 den dörflichen Frieden wieder her. Seitdem haben wir hier unterschiedliche Strompreise: Die Gringos zahlen 4 Pesos und die Bimbos 2,40,- für die Kilowattstunde. (Für das E-Werk bin ich übrigens ein Bimbo!)

Die dominikanische Erklärung für die ganze Aufregung ist denkbar einfach: Mein Onkel in Santo Domingo hat auch Strom - hin und wieder zumindest, der bezahlt doch nichts dafür! Meine Tante in Santiago zahlt doch auch nichts für elektrische Energie. Sie leben nach dem Motto: Strom kommt sowieso ins Haus - nutz das aus! Da gibt es den ehrenwerten Beruf des Strippenanwerfers: Der nimmt ein Kabel, setzt es einen guten Meter ab, befestigt einen Stein an das Ende und dann nimmt er Maß. Das Kabel fliegt hoch, der Stein wickelt das blanke Ende um die Stelle der Freileitung am Mast und der Kunde leuchtet auf. Die nächste Sicherung liegt allerdings neben dem Transformator und hat so um die achthundert Ampere! Es gibt sogar Hotels, die auf diese Weise ihre Energie beziehen!

Provokant ist auch ihre Fahrweise. Einige Machos jackeln nur auf ihrem Hinterreifen über die Hauptstraße. Ein Pick Up stand gestern mitten auf der Straße. Ein Mann am Straßenrand teilte mir unaufgefordert mit, daß der Fahrer sich zur Ruhe begeben hätte! Ein anderer Pick Up raste über die Hauptstraße. Hinten drauf saß aufrecht ein riesiges Hausschwein und blickte nach vorn in den Fahrtwind! Der Schwanz hing hinten runter und ich war nüchtern, als ich das sah!

Ich fahre von Rincon Molenillo nach La Majagua. Die Straße geht viele Kilometer schnurgeradeaus. Hinter mir fährt ein Dominikaner, stets im gleichen Abstand. Das geht gut zehn Minuten so, dann kommt mir ein Mack Lkw entgegen und genau jetzt, wo wir auf gleicher Höhe sind, muß der Trottel hinter mir überholen! Nicht früher und nicht später, nein - genau jetzt, wo wir zu dritt nebeneinander sind! Wenn sie pinkeln müssen, bleiben sie immer in der Kurve stehen, sonst wäre es ihnen vermutlich zu langweilig.

Ich erstehe von einem Straßenhändler ein Messer. Es ist ein gutes, eines für Köche, nicht aus Blech, sondern aus Stahl. Dieses Messer schenke ich meiner Mercedes und ersuche sie, es schonend zu behandeln und nicht damit die Dosen aufzumachen, wie es alle hier tun. Am nächsten Tag kommt die Stromgesellschaft und schließt den Zähler an. Ich war nicht da, doch Joel von nebenan schon. Der sieht: Es kommt Strom ins Haus und noch bevor ich angeschlossen war, hatte er schon von irgendwo ein paar Strippen aufgetrieben, sie zusammengewuzzelt und mit Nägeln zu meinem Zähler geklopft. Hier waren sie jetzt ein wenig zu lang und so beschloß er, sie zu kürzen, aber womit? Sie haben richtig geraten: Mit dem neuen Messer natürlich, was denn sonst?! Und da dummerweise schon Strom drauf war und die nächste Sicherung...(siehe oben!), hatte das Messer nun zwei nebeneinander liegende Löcher in der Schneide, ähnlich wie das Mac Donald - Logo.

„So ein Messer geht bei uns durch drei Generationen - Du hast nur einen Tag gebraucht! Wie lange brauchst Du dann für den Fernseher? Zehn Minuten? Ich kaufe nur was mehr zum Essen, zum Trinken und Häuselpapier!“

Ein mir bekannter Baumeister in Sosua beschließt eines Tages, seine Holzfenster neu streichen zu lassen. Er kaufte Bootslack, also etwas besonders Gutes und Teures! Als er mit mir aus Las Terrenas zurück kam, ist der gute Mann fast ausgerastet: Der dominikanische Anstreicher hatte vergessen, vorher umzurühren. Er hatte nur die helle Ölflüssigkeit verstrichen, die eigentliche Farbe war noch in den Töpfen geblieben und dummerweise jetzt zu hart!

Das sind die Dinge, mit denen wir hier leben müssen und nach einiger Zeit regt man sich nicht mehr drüber auf. Es hat eben alles seinen Preis und die so viel verschmähte Korruption gibt es schließlich überall auf der Welt, genau so wie die Prostitution.

Was in diesem Land heute passiert, ist die Einführung der Zivilisation mit brutalsten Mitteln. Die wahren Besitzer der Insel sind auch keine Dominikaner, die wahren Besitzer heißen: Esso, Texaco, Coca Cola und Marlboro und selbst am Presidente Bier ist Philip Morris mit 51 % dabei!
Die Geschichte ist im Grunde immer die gleiche: Diese Menschen haben von der Erde und vom Meer gelebt, sie waren und sind es heute noch zum Teil, Campesinos und Pescadores (Bauern und Fischer). Sie haben ihre Sachen untereinander getauscht und eigentlich kein Geld gebraucht. Sie unterstützten sich gegenseitig und respektierten fremden Besitz. Dann kam der erste Gringo ins Land und der lebte anders. Dann kommt eines Tages die Frau zum Bauern und sagt: „Bin ich denn blöd? Ich wasche meine Wäsche jeden Tag da unten im Fluß. Der Gringo hat eine Maschine dafür und während die wäscht, kann der fernsehen und sich die Telenovelas aus Amerika ansehen. Das möchte ich auch haben!“ Dann kommt der Sohn und will ein Motorrad, dann kommt das Fräulein Tochter und will ein Handy und und und!

Aber diese Dinge kosten Geld und das haben sie nicht. Also verkaufen sie das einzige, was sie haben: Ihr Land! Für ein schönes Leben für ein paar Monate, dann ist der Kaufrausch durch. In weiterer Folge werden sie lohnabhängig und die ideellen Werte werden ihnen erst bewußt, wenn sie verloren gegangen sind. (Die Kollegen aus dem Osten können das noch am ehesten nachvollziehen, nicht wahr?) Irgendwann landen sie schließlich in den Elendsvierteln der großen Städte und hier haben sie nicht einmal mehr halbwegs sauberes Wasser.

„Ich war kein Rassist, aber hier bin ich einer geworden! Ich kann diese Ratten einfach nicht mehr sehen, so geht mir die ewige Abzockerei auf den Geist!“ beschwerte sich einst ein schweizer Resident aus Sosua. Ich habe ihm ein Bier spendiert und folgendes geantwortet:

Die ersten Gringos, die nach Las Terrenas kamen, waren Franzosen. Das ist jetzt rund zwanzig Jahre her und ich treffe einen Mann der ersten Stunde. Der erzählte mir, daß damals ein Freund aus Paris ihn besucht hätte. Erst vier Tage bis Sanchez, dann vier Stunden über den Berg. Die Straße gab es damals noch nicht. Die zwei begrüßten sich überschwenglich und dann wurde in einer dominikanischen Kneipe ordentlich getrunken. Am nächsten Tag kam dann der Dominikaner, legte die wertvolle Kamera auf den Tisch und meinte: „Das hat Dein Freund gestern bei mir liegengelassen!“ Und wenn das heute nicht mehr so ist, dann ist das unser aller Schuld!

Es gibt ja immer auch noch ein paar naturbelassene Dominikaner. Letzte Woche traf ich wieder einen. Ich saß auf dem Concho und wir fuhren zu meinem Haus. Die Straße ist jedoch in einem trostlosen Zustand, es hatte drei Wochen lang fast pausenlos geregnet und wir mußten riesige knietiefe Wasserlöcher durchqueren und auf der nassen Caliche rutscht man wie auf Schmierseife.

Die Leute haben sich schon bei ihrem Bürgermeister beschwert, doch der hatte nur geantwortet: „Yo no vivo ayar!“ – „Dort lebe ich nicht!“

Also rede ich mit dem Conchofahrer über die Unfähigkeit dieses Bürgermeisters und die weltweit allesamt korrupten Politiker aller Schattierungen. Dann mache ich eine Pause, hole tief Luft und meinte dann: „Aber ich bin ja nur der Ausländer hier und habe daher kein Recht, über Deinen Präsidenten zu schimpfen!“ Da legte der Dominikaner aber so richtig los: „Du hast viel mehr das Recht, auf meinen Präsidenten sauer zu sein als ich, denn Du hast schließlich zehn Dollar Eintritt bezahlt!“

Auf ein weiteres schönes neues Jahr im Paradies!

Pedro.


Verfasser: Pedro de Las Terrenas