Der Fluch des Geldes - Taxi Señor? - Nachtstreife
Immer, wenn wir etwas Neues entdeckt haben, gehen wir daran, es zuzuordnen. Wir geben keine Ruhe, bis es uns gelungen ist, die passende Schublade zu finden. Dieses Streben nach Übersicht und Ordnung entspringt vermutlich unserem Bedürfnis nach Sicherheit. Das Unbekannte macht Angst!
Der Natur jedenfalls sind unsere Zuordnungen vollkommen egal. Manchmal habe ich den Eindruck, daß der Schöpfer sich geradezu einen Spaß daraus macht, unser mühsam aufgebautes Schubladensystem umzuwerfen und uns zu zeigen, wie lächerlich unser Bemühen ist.
Die Wale, die hier in der Bucht von Samaná jedes Jahr im Februar ihre Jungen zur Welt bringen, sind Säugetiere, obwohl sie Flossen haben und ausschließlich im Wasser leben. Andererseits gibt es Fische, die durch die Luft fliegen und andere, die sogar auf Bäume klettern. Im Gegenzug gibt es Vögel, die vollständig ins Wasser eintauchen und andere, die zwar nicht fliegen können, doch Ihnen auf zwei Beinen davonlaufen. Aber es muß doch einfach so etwas wie eine natürliche Ordnung geben!
Zumindest können wir ja wohl noch unterscheiden zwischen lebender und toter Materie. Dachten wir - und entdeckten dann das Virus, welches über viele Jahre kristalline Strukturen angenommen und nur darauf gewartet hatte, bis seine Umgebung jene Bedingungen erfüllte, um es zum Leben zu erwecken und sein zerstörerisches Werk zu beginnen.
Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, daß das Chaos die Mutter der Schöpfung ist.
Was für die zivilisierte Menschheit im Allgemeinen, gilt für mich ahnungslosen Tropf im Besonderen. Auch ich versuche, Ordnung zu schaffen, auf die ich dann stolz herabblicken kann. Die Erfahrung wächst mit dem Alter, sollte man meinen, doch seit einem halben Jahrhundert ist es mir nicht möglich gewesen, beispielsweise einen Banker richtig zuzuordnen. Was produziert er eigentlich? Wie ist es ihm gelungen, mit unserem Geld nach seinem Belieben zu verfahren? Die Parasiten unseres Gemeinwesens sind dabei, das große Spiel des kaufmännischen Talents, welches wir als Wirtschaft bezeichnen, zu gewinnen. Wo ist eigentlich ihr Einsatz geblieben?
Da rannte ich nun schon den zweiten Tag mit einem Fünftausend Dollar Scheck durch Santo Domingo, doch überall erntete ich nur Mißtrauen gepaart mit höflichem Bedauern. Es gibt viele Banken in dieser Stadt, doch keine zeigte Bereitschaft, mir dieses Papier gegen Bargeld oder Travellerschecks umzutauschen.
Ich saß im „El Hidalgo“, einem kleinen dominikanischen Hotel am Parque Enriquillo, an der Avenida Duarte. Diese Gegend ist nicht für Normaltouristen gedacht und es empfiehlt sich, speziell nach Einbruch der Dunkelheit, das Hotel nicht mehr zu verlassen. Wenn ich die Hauptstadt besuche, übernachte ich immer hier. Man kennt mich und freut sich, wenn ich dort eintrudle. Immer war ein Zimmer frei, nie habe ich reservieren müssen. Jedes verfügt über eine Klimaanlage, die Sie nach Wunsch einstellen können sowie über Dusche und WC. Wichtiger noch als das Bett ist hingegen der Fernseher, zumindest aus dominikanischer Sicht. Sollte Ihre Matratze fehlen oder Sie knöcheltief in den Abwässern stehen, wird Ihre Reklamation lediglich geduldig zur Kenntnis genommen, doch wehe, der Fernseher ist ausgefallen. Das ist dem Gast nicht zuzumuten. In jedem Zimmer gibt es auch noch einen Kippschalter, welcher ohne besondere Hinweise aus der Tapete ragt. Treten Sie bitte einen Schritt zurück, wenn Sie ihn betätigen, denn jetzt haben Sie ihr Zimmer mit Merengue musikalisch ausgefüllt. Selbst, wenn das ganze Hotel voll belegt wäre, käme niemand auf den Gedanken, nachts an Ihre Türe zu klopfen und um Ruhe zu bitten. Hier können Sie ungestört wahre Orgien feiern. Sollten Sie dazu ein paar Chicas brauchen, drücken Sie dem Nachtwächter zwanzig Pesos in die Hand und in einer halben Stunde ist in Ihrer Stube kein Platz mehr frei.
Mein Streben ging jedoch nicht in diese Richtung, ich kaute lustlos an meinem Rindfleisch herum und grübelte darüber nach, wie ich endlich zu meinem verdammten Geld käme. Die Chefin der Herberge, der ich mich in meiner Verzweiflung anvertraut hatte, war der Meinung, daß mir nur noch die „Banco Central“ helfen könne und so stand ich kurz darauf an der Straße und wartete auf ein Taxi.
Eigentlich sieht man sie überall, doch brauchen Sie mal eines, ist keines da. Das ist auf der ganzen Welt so, ich nahm es daher nicht tragisch. Es verging auch nicht einmal eine Minute, da hatte so ein findiger Fahrer mich bereits ausgemacht und blieb neben mir stehen. „Taxi, Señor!“ Die Schweinsäuglein eines fetten Dominikaners musterten mich freundlich. Sein Taxi war als solches nicht zu erkennen, da es weder über ein entsprechendes Schild noch über ein Zählwerk verfügte. Es stellte sich später heraus, daß selbst der Tachometer außer Funktion war. Überhaupt machte das ganze Gefährt keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Es bestand aus drei verschiedenen Fabrikaten. Ich entdeckte Teile eines Chevrolet und eines alten Ford, der Rest war nicht mehr zu erkennen.
Mißtrauisch beugte ich mich zum Fahrer hinunter und fragte: „Este guagua funciona?“ - „Si, Si, Señor!“ Unbemerkt hatte sich hinter ihm ein weiteres Fahrzeug eingebremst. Der Fahrer winkte mir zu: „Taxi Señor?“ Blitzartig hatte mein Dicker seine Karre verlassen und stürmte nun zur Konkurrenz hinüber. Für das Schauspiel, das die beiden mir boten, müßte man normalerweise Eintritt bezahlen. Sie gingen nicht aufeinander los, sondern bearbeiteten die Fahrzeuge des Gegners mit Händen und Füßen. Das zweite war noch desolater wie die Ruine vor ihm. Es hatte an Stelle der Windschutzscheibe eine große Sperrholzplatte montiert, in der sich ein Sehschlitz befand, so daß es einem Beschwerdebriefkasten ähnlicher sah als einem Auto. Daß Sie für die Fahrt mit einem solchen Taxi natürlich mit Zuschlägen rechnen müssen, versteht sich wohl von selbst.
Ich machte dem Gerangel ein Ende, indem ich mich für den Dicken entschied. Erstens war er früher da gewesen und zweitens wollte ich wenigstens etwas sehen von der Fahrt!
Es gelang mir zwar, die fensterlose Beifahrertüre zu öffnen und Platz zu nehmen, doch schnappte sie nicht mehr ins Schloß. Das konnte sie auch nicht, denn sie besaß gar keines. Neben mir ertönte das nun schon vertraute „No problemo!“ und mit katzengleicher Behendigkeit turnte der Dicke um seinen Schrotthaufen herum, zauberte von irgendwo einen Draht daher und befestigte die Türe damit an der Lehne meines Sitzes. Nachdem er wieder auf seinen Platz zurückgekehrt war, schaute er mich erwartungsvoll an. Nach Nennung meines Reiseziels einigten wir uns auf schwindelerregende vierzig Pesos. Dann ging die Fahrt los.
Das Fahrzeug mußte über eine Getriebeautomatik verfügen, denn der Schaltknüppel hatte offensichtlich nur symbolische Bedeutung. Dieser begann sich nämlich nach Antritt der Fahrt kreisförmig ausladend zu bewegen und kam erst nach Vollendung der dreihundertsechzig Grad wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Vor der ersten Ampel hatte sich auf allen vier Spuren ein kleiner Rückstau gebildet. Wie es sich für alle Schnellfahrer gehört, fuhren wir ganz links. Etwa dreißig Meter vor uns stand ein kleiner Lieferwagen. Mein Chauffeur hatte ständig alle Hände voll zu tun, im Moment war er gerade damit beschäftigt, die Fahrtgeschwindigkeit zu verringern. Sinnlos pumpte er mit seinem rechten Fuß auf dem Bremspedal herum. Der Effekt war der gleiche, als wenn er aus dem Fenster gewunken hätte - nämlich null! Hastig begann ich, mich mit Händen und Füßen zu verspreizen. Einen Meter vor dem Aufprall hängte er lässig seinen linken Arm zum Fenster hinaus und schon fuhren wir eine kleine Anhöhe hinauf. Zwei ahnungslose Fußgänger sprangen zur Seite. Der Dicke meinte, er habe den Richtungswechsel schließlich angezeigt, mehr könne er nicht tun und ließ die zwei mit ihrem Gezeter allein. Dann rollten wir, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, wieder rückwärts. Mittlerweile hatte die Ampel umgeschaltet und für freie Fahrt gesorgt. Die Fahrzeuge, welche nun hinter uns auf die Kreuzung zurasten, hatten alle Mühe, auszuweichen. Der weiß behelmte Polizist verschluckte fast seine Trillerpfeife, als wir im Schrittempo an ihm vorbeizogen. Ich lächelte ihn an. Inzwischen hatte ich mich in mein Schicksal ergeben und war mit Gott und der Welt zufrieden.
Zur linken hatte mein Chauffeur inzwischen ein Weib mit unglaublichen Dimensionen ausgemacht. Mit jedem Schritt schaukelte ihr Unaussprechlicher gute zwanzig Zentimeter himmelwärts. Ihre Oberweite hätte die Idee zur Herstellung des ersten Ohrensessels legen können, wenn es diesen nicht schon lange vor ihrer Zeit gegeben hätte. Der Dicke klopfte mir erst auf die Schulter und deutete dann mit seinem Daumen hinüber. Er blickte mich auffordernd an. „Banco Central!“ erinnerte ich ihn an unser Ziel. Dieses Weib und mein Scheck waren unvereinbar. Hin und wieder ist es wichtig, daß die Ratio sich über die Emotion stellt.
Er rief ihr etwas zu, was ich nicht verstand und beschleunigte. Die karibische Version der Venus von Milo warf stolz ihren Kopf in die Höhe und strafte meinen Fahrer mit einem vernichtenden Blick.
Wir verließen den Highway und befuhren bald darauf eine einspurige Einbahnstraße. Sie mündete nach etwa hundert Metern rechtwinklig in eine Querstraße, die ebenfalls nur eine Richtung zuließ, nämlich nach links.
Mein Dicker ruderte folglich mit dem linken Arm außerhalb seines geöffneten Fensters herum, betätigte sicherheitshalber noch die Hupe und dann drehte er an seinem Lenkrad.
Funktional stand die Lenkung den Bremsen in nichts nach. Trotz vollem Einschlag änderte sich die Fahrtrichtung nur unwesentlich, um maximal fünfzehn Grad etwa. Der Wendekreis dieses Vehikels mußte weit jenseits von fünfzig Metern liegen, schätzte ich.
Allen Teilnehmern ist der fließende Verkehr angenehmer wie der stehende. Daher war der Unmut der Fahrer, die sich hinter uns aufgereiht hatten verständlich, als der Dicke ihnen bedeutete, daß er reversieren müsse. Es folgte ein wütendes Gehupe, doch es nützte ihnen nichts. Sie alle machten schließlich Platz und nach dreimaligem hin und her hatten wir diese böse Kurve genommen. Zwanzig Meter danach waren wir am Ziel.
Um Jahre gealtert entstieg ich, nach Entfernung des Drahtes, dem Mülleimer. Auf meine fünfzig Pesos könne er nicht herausgeben, versuchte Schweinsauge mich anzuschwindeln. Als ich daraufhin zwei Zwanziger hervorzog, war er ein wenig enttäuscht. Auf seine Frage, ob er auf mich warten solle, erhielt er einen abschlägigen Bescheid. Andere warten schließlich auch auf ihre Chance.
In der Zentralbank wunderten sie sich über meine Wünsche. Sie seien pausenlos damit beschäftigt, Pesos zu drucken, mit anderen Währungen hätten sie nichts zu tun.
Ein freundlicher Herr verwies mich an die Zentrale der „Banco de Reser-vas.“ Die lag schräg gegenüber und so begab ich mich dorthin. Ein Bilderbuchmädchen geleitete mich in den ersten Stock und bat mich, Platz zu nehmen. Nach wenigen Minuten erschien ein weiterer freundlicher Herr, welcher sich meines Anliegens annahm. Er telephonierte zunächst eine halbe Stunde in der ganzen Welt herum und ließ danach mein Herz höher schlagen. Das gehe in Ordnung, meinte er, sie würden den Scheck akzeptieren.
Na wunderbar, dachte ich. Wir gehen jetzt zur Kasse hinunter und in ein paar Minuten ist mein Problem ausgestanden. Mein Gegenüber allerdings war über dieses Ansinnen sehr erstaunt. Heute wird es wohl nicht mehr gehen, versuchte er mich zu trösten, so etwas dauere seine Zeit. „Wieviel Zeit?“ flüsterte ich ahnungsvoll. „So mit drei oder vier Monaten müssen Sie schon rechnen!“
Langsam wuchs mir eine Krallenhand und ich bekam den Würgereiz: „Hören Sie, ich möchte nichts weiter als mein Geld! Aber nicht irgendwann, sondern in brauchbarer Zeit. Ich gebe Ihnen meinetwegen zwei Wochen, doch nicht länger, klar?“ Das sei unmöglich, erklärte er definitiv. „Olvidalo!“ - „Vergiß es!“ entfuhr es mir, nahm meinen Scheck von seinem Schreibtisch und verließ die Bank - diesmal ohne Bilderbuchmädchen.
Neben dem „El Hidalgo“ hatte ich eine „Agencia de Viajes“, ein Reisebüro, entdeckt. Eine halbe Stunde später hatte ich ein Ticket der „Dominicana de Aviación“ nach Miami und zurück in der Tasche. Wenn ich mein Geld hier nicht bekomme, so hole ich es mir einfach dort, wo es war, in den Vereinigten Staaten nämlich. Ich hatte mir die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr ausgesucht und wollte die Gelegenheit benutzen, dort meine Garderobe um ein paar Jeans zu ergänzen.
Als ich tags darauf wieder in Las Terrenas eintraf, wurde ich sofort von mehreren Verehrerinnen angesprochen, Ihnen doch dieses oder jenes aus dem gelobten Land mitzubringen. Sie kannten bereits meine Reisepläne, woher, das wissen nur die Götter.
Am Tage vor meinem Abflug fand ich mich dann wieder in Santo Domingo ein. Diesmal hatte ich alle meine Schecks mitgenommen. Diese verstaute ich in ein kleines Plastiksäckchen und versteckte es mit einem Klebeband hinter das Abflußrohr meines Waschbeckens.
Nach dem Abendessen, welches ich möglicherweise ein wenig zu früh eingenommen hatte, ergab sich daher noch die Gelegenheit für einen kleinen Bummel. Die Straßenhändler hatten ihre Stände bereits abgebrochen und jenen Menschen Platz gemacht, die sich ihr Geld in der Nacht verdienen müssen. Die Straße bietet am Abend ein gänzlich anderes Bild als am Tage. Auf den Gehsteigen entstehen in kürzester Zeit neue Verkaufsstände. An diesen Bretterbuden werden diverse Getränke und auch Gerichte angeboten, vor deren Verzehr jedoch dringend abzuraten ist, es sei denn, Sie möchten Ihrem Leben auf unwürdige Art ein frühes Ende setzen.
In den unbeleuchteten Teilen der Avenida Duarte - und diese überwiegen hier - achten Sie bitte darauf, daß Sie nicht aus Versehen auf die Leiber jener Ärmsten treten, welche sich auf dem Asphalt zur Ruhe begeben haben!
Pausenlos werden Sie natürlich auch von Gunstgewerblerinnen aller Couleurs und Altersgruppen nicht nur angesprochen oder belästigt, sondern mitunter sogar tätlich angegriffen. An diesem Abend bin ich das erste Mal in meinem Leben tatsächlich vor drei solchen Weibsteufeln davongelaufen, als diese daran gingen, mich auf offener Straße zu vergewaltigen. Ich rettete mich damals zu zwei Polizisten hinüber, die mich freundlich aufnahmen und die drei verwarnten. Diese seien nicht das Richtige für mich, erklärten sie und wollten mir andere Chicas besorgen. Sie würden sich nämlich gut auskennen hier. Als ich ihnen endlich beigebracht hatte, daß ich gar kein Mädchen suchte, sahen sie mich entgeistert an, erkundigten sich nach meinem Namen und was, um Gottes Willen, ich denn hier um diese Zeit wolle. Ich möchte mir Santo Domingo anschauen, aber nicht, wie es sich den Touristen darböte, sondern wie es wirklich sei, versuchte ich ihnen klarzumachen. Dieser Wunsch muß ihnen pervers erschienen sein, denn einer fragte sicherheitshalber noch einmal nach. Dann hatte es endlich geklingelt: „Du willst Santo Domingo bei Nacht erleben? Dann komm mit, Pedro!“ forderten sie mich auf.
Nie zuvor hat ein Gringo diese Stadt so gesehen wie ich in dieser Nacht. Mit zwei Polizisten, einer links, der andere rechts, mit Helm und Knüppel, begann die Nachtstreife.
Als erstes hielten sie auf offener Straße einen Linienbus an. Wir nahmen alle neben dem Fahrer Platz. Von Fahrgeld war natürlich keine Rede, schließlich waren wir ja im Dienst.
Die Umgebung wurde immer dunkler und als wir endlich den Bus verließen, standen wir nicht mehr auf Asphalt sondern im Dreck. Ich stakelte, mit den Händen an heruntergekommenen schiefen Hütten Halt suchend, durch den Morast. Meine beiden Begleiter halfen mir, so gut es ging. In den meisten Hütten brannten Petroleumfunzeln. Überall wimmelte es von Menschen. Batteriebetriebene Radios machten einen Höllenlärm. Einige Hütten besaßen sogar elektrisches Licht, sie bezogen ihre Energie aus alten Autobatterien. Wenn Sie keine großen Ansprüche stellen und aussteigen möchten, schaffen Sie sich ein Ladegerät an. Von Ihrer Batteriestation können Sie leben, vorausgesetzt natürlich, daß es Ihnen gelingt, sich unbemerkt an irgendeine Straßenlaterne anzuschließen.
Das Gelände fiel leicht ab. Je tiefer wir stiegen, um so ärmlicher wurden die Behausungen. Der Weg führte plötzlich um eine halb verfallene Ziegelmauer herum, doch als ich um die Ecke bog, war mein Vordermann verschwunden. Als ich meinen Begleiter hinter mir ebenfalls vermißte, befiel mich eine leichte Panik. Es war nicht so sehr die Furcht vor den vielen armen Menschen, die hier lebten, als vielmehr die irrationale Angst, nie wieder zurückzufinden.
Etwa zehn Meter weiter gab es elektrisches Licht. Vor einem kleinen hölzernen Lebensmittelladen, der noch geöffnet hatte, spielte man zu später Stunde Domino. Dazu gab es wie immer die übliche Volksmusik aus zwei Boxen, welche die gleiche Größe hatten wie die Tische. Vor der Lokalität sprangen ein paar nackte Kinder in dem Dreck auf und ab.
Ich grüßte, nahm Platz und bestellte ein Bier. Ich würde hier warten bis meine beiden Begleiter wieder auftauchen oder der junge Morgen über mich hereinbrechen würde. Die Einladung, mich am Spiel zu beteiligen, beantwortete ich mit einem wissenden Lächeln.
Santo Domingo kommt nie zur Ruhe. Pausenlos wird gelärmt. Speziell in den Monaten vor irgendwelchen Wahlen fahren Lastwagen durch die Straßen, auf deren Ladeflächen sich monströse Musikanlagen befinden, die einen unbeschreiblichen Lärm verbreiten. Ich hatte stellenweise den Eindruck, daß derjenige die besseren Chancen auf das Amt des Präsidenten haben müsse, der den größeren Lärm verursacht. Dabei ist die Tages- oder die Uhrzeit vollkommen unbedeutend. Diese Art des Wahlkampfes kann Ihnen auch um zwei Uhr in der Früh den Schlaf rauben.
Es ist unmöglich, diesen Moloch von einer Stadt in den Griff zu bekommen. Volkszählungen, ich habe in diesem Land mittlerweile deren zwei erlebt, bleiben vollkommen wirkungslos. Alleine die Einwohnerzahl dieser Stadt schwankt um sage und schreibe eine halbe Million. Jede Nacht verschwinden auch Menschen, vornehmlich Kinder. Es ist vermutlich besser, Sie erfahren nicht, was mit ihnen passiert!
Andererseits kommen natürlich viel mehr Kinder zur Welt. Die meisten von ihnen werden erst erfaßt, wenn sie in die Schule eintreten. Hier jedoch, in den Slums, haben die Kinder diese Möglichkeit in aller Regel nicht. Sie sind mit ihrem täglichen Kampf ums Überleben voll ausgelastet.
Jedes Geschäft, das denkmöglich ist, wird hier abgewickelt. Sie können alles kaufen, nicht nur den neuesten Ferrari, sondern auch Ihre eigene Geburtsurkunde. Bei dieser Gelegenheit können Sie nicht nur Ihr Alter oder Ihren Geburtsort und damit die Nationalität, sondern auch Ihren Namen neu festlegen. Möglicherweise liegt Ihnen jedoch mehr daran, offiziell von der Weltenbühne abzutreten. Dann bestellen Sie Ihre Sterbeurkunde. Ein Notariatsstempel macht sich immer gut. Mit einer Flasche „Añejo“ ist er abgegolten. Auch beruflich stehen Ihnen hier alle Möglichkeiten offen. Sie wollten schon immer gerne als diplomierter Gynäkologe auftreten? Mit ein paar Dollars und nach einer Wartezeit von zwei Tagen haben Sie promoviert. Es ist so etwas wie der zweite Bildungsweg, und weil karibisch, wesentlich unkomplizierter und daher billiger als anderswo, wenn man vielleicht noch von Indien absieht.
Versuchen Sie beispielsweise einmal, Ihre Aufenthaltsbewilligung über die Botschaft zu erlangen! Sie benötigen dazu eine Papierflut ohnegleichen: Ein Leumundszeugnis von der Polizei, eine Bestätigung Ihres Arztes, daß Sie gesund sind, außerdem Ihre neuesten Blutbefunde und ein Lungenröntgen, weiters eine Bankbestätigung, die Sie als vermögend deklariert und zu allem Überfluß noch einen hier lebenden Millionär, der für Sie bürgt. Wenn Sie endlich alle Zettel zusammengestellt und übersetzt haben, hat sich mittlerweile die Gesetzeslage schon wieder geändert, so daß Ihnen wieder etwas fehlt. Es wird Ihnen selbst in zwei Jahren nicht gelingen, da müssen Sie schon herkommen und viele Dollars mitnehmen. Ich habe meinen übersetzten Taufschein hingelegt und mit tausend Dollars beschwert. Zwei Tage darauf hatte ich alle Dokumente. Das eigentliche Problem ist, den richtigen Mann zu schmieren!
Wie gesagt, in dieser Stadt bekommen Sie alles. Sie können sogar Krüppel mieten, die für Sie betteln gehen!
Inzwischen war ein kleiner Junge dabei, meine Stiefel zu putzen. Der Schlamm hatte ihnen wirklich arg zugesetzt. Diese kleinen Schuhputzer findet man überall. Auch sie gehören zu den kleinen Annehmlichkeiten, die ich in Europa vermißt habe. Unter den Jugendlichen ist diese Tätigkeit schon ein ehrenwerter Beruf und so nehmen sie ihre Arbeit ernst und hören nicht eher auf, bis Ihre Schuhe wie neu glänzen. Der landesweite Standardpreis beträgt fünf Pesos.
Da wir sowieso hier warten müssen, lassen Sie mich eine kleine Geschichte erzählen, die sich bei meinem ersten Rückflug nach Europa am Flughafen in Santo Domingo begeben hatte.
Ich trug die gleichen Stiefel damals und wartete auf den Abflug. In der Halle herrschte rege Betriebsamkeit. Ich saß an einer kleinen Bar und hatte einen „Jugo de Naranjas“, einen Orangensaft, bestellt, als plötzlich so ein kleiner Schuhputzer vor mir stand und auf meine „Botas Mexicanas“ deutete. Eigentlich war die Idee, halbwegs zivilisiert und gesäubert in Europa zu erscheinen, nicht von der Hand zu weisen und so erkundigte ich mich zunächst nach dem Preis. „Cinco Pesos, Señor!“- fünf Pesos also, erwiderte der Kleine und legte los. Nachdem er den linken Stiefel gesäubert und poliert hatte, nahm er seinen kleinen Holzkasten und verschwand in der Menge. Während ich noch verwundert auf meine ungleichen Stiefel schaute, näherte sich ein zweiter Bube, stellte wortlos meinen ungeputzten Stiefel auf seine Arbeitskiste und vollendete das Werk. Ich ahnte schon, was die zwei im Schilde führten, verkniff mir ein Lächeln und spielte ausnahmsweise mit. Als Schuhputzer Nummer zwei fertig war, begehrte er fünf Pesos. Die bekam er auch. Nach wenigen Sekunden erschien dann Schuhputzer Nummer eins und forderte seinerseits das vereinbarte Honorar. Das bekam er ebenfalls. Den Zuschlag stiftete ich gewissermaßen der Förderung ihrer Phantasie und dem weiteren Ausbau ihres Teamgeistes.
Als ich nach wenigen Wochen wieder hier landete, hatten sie schon einen kleinen Schuhputzstand mit zwei Sesseln errichtet, wo sie parallel ihre Kunden bedienten, während diese gleichzeitig kostenlos Zeitungen durchblättern konnten. Die Investition war also aufgegangen.
„Permiso, Pedro!“ entschuldigte sich unvermutet der ältere meiner Begleiter. Ich hatte ihr Kommen gar nicht bemerkt. Sie waren nun zu dritt. Der Neue trug keine Uniform und sah ständig an mir vorbei. Jetzt erst entdeckte ich die Handschellen, mit denen er gefesselt war. Sie hatten inzwischen einen Räuber verfolgt und dingfest gemacht. Ich ahnungsloser Gringo hatte von all dem nichts bemerkt.
Nach einiger Zeit trafen wir auf Kollegen, die den Dieb übernahmen. Kaum hatten wir den Delinquenten abgeliefert, ertönte direkt vor uns ein fürchterliches Geschrei. Eine junge Frau rannte in Panik auf uns zu und wollte vorbei, doch hatte der jüngere der beiden blitzartig zugegriffen und sie festgehalten. Noch bevor wir erfuhren, was passiert sei, tauchten aus dem Dunkel zwei weitere Gestalten auf, von denen eine sich mit einem abgebrochenen Stuhlbein bewaffnet hatte. Sie verfolgten offensichtlich die Frau.
Was nun geschah, werde ich wohl nie vergessen. Meine beiden Freunde legten ohne Vorwarnung los. Die Geräusche, welche ihre Holzknüppel verursachten, waren nicht lauter als das reifer Kokosnüsse, wenn sie in den Sand fallen. Die Wirkung war dem auch durchaus ebenbürtig. Das ganze hatte weniger als eine halbe Minute gedauert. Außer einem leichten Stöhnen war von den Überwältigten nichts zu hören. Sie saßen aneinander gebunden im Dreck. Wie unglaublich schnell mein junger Polizist gewesen war, entdeckte ich erst jetzt: Er hatte der Frau vorher blitzartig seine Handschellen angelegt und zwar die eine Seite an ihren linken Arm und die andere an ihren rechten Fuß.
In kürzester Zeit hatte sich eine große Menschenmenge um uns versammelt. Es folgte ein lautes Palaver, von dem ich nicht ein Wort verstand. Einmal, als es lauter wurde und bedrohlich klang, sprang einer der Polizisten mit dem Knüppel auf die Menge zu. Sofort beruhigte sich die Situation, so daß man jetzt darangehen konnte, die Beteiligten zu befragen. Nach etwa zehn Minuten wurde die Frau schließlich befreit und nach Hause geschickt. Die beiden Männer nahmen wir mit.
An einem Ziegelbau mit elektrischem Licht hielten wir an. Hier wohne sein Vater, erklärte der Jüngere und machte uns miteinander bekannt. Der Mann war in meinem Alter und bat mich, Platz zu nehmen. Ich solle hier auf sie warten, bedeutete sein Sohn und dann machten sich die beiden mit den bösen Buben auf den Weg.
Es folgte das berühmte Frage- und Antwortspiel. Natürlich verwechselte er Austria mit Australia, doch als ich ihm sagte, daß auch das kleine Land in Europa immerhin so groß sei wie seine Heimat, war er sehr erstaunt. Gänzlich aus der Fassung geriet der brave Mann jedoch, als ich ihm erzählte, neuntausend Kilometer zurückgelegt zu haben, um sein Land kennenzulernen.
Was täten Sie, wenn Ihnen beispielsweise ein Außerirdischer begegnen würde? Nun, Sie dächten zunächst, das glaubt mir doch niemand und würden ihn allen Nachbarn zeigen. Genau das geschah nun hier. Nach wenigen Minuten war ich von einer neugierigen Meute umgeben, die mich mit großen Augen anstarrte. Der Alte entpuppte sich als Oberlehrer und ich armer Teufel wurde zum Unterrichtsgegenstand. Solange sie mir keine Gewebeproben entnehmen, dachte ich, ist es ja in Ordnung. Dann mußte ich ihnen alles über Flugzeuge und die Fliegerei erzählen. Sie saßen da, sperrten ihre Münder auf und lauschten aufmerksam meinen Worten.
Es war circa eine Stunde vergangen, als meine beiden Polizistenfreunde wiederkamen. Sie hätten einen langen Bericht schreiben müssen, entschuldigten sie sich. Nach einem Trago zum Abschied machten wir uns dann wieder auf den Weg. Die Trampelpfade zwischen den Hütten wurden wieder rutschiger und so kamen wir nur recht mühsam weiter.
Unterwegs fiel dem Jüngeren plötzlich ein, daß seine Braut heute Geburtstag habe und so beschlossen wir, sie zu besuchen. Daß es zwei Uhr in der Früh war, spielte keine Rolle. Dort angekommen, verschwand er erst einmal hinter einem großen Tuch, welches den einzigen Raum teilte. Als er wieder zum Vorschein kam, hatte er seine Dienstkleidung abgelegt und präsentierte sich in Hemd und Jeans. Als nächstes wurde ein Radio eingeschaltet und dann kamen zwei Flaschen Rum auf den Tisch.
Schließlich bewegte sich der Vorhang und es erschien die Geburtstagsbraut. Sie begrüßte uns lächelnd und dann tranken wir auf ihr langes Leben, viele Kinder und sonst noch allerlei Wünschenswertes. Die kleine Feier entwickelte sich, und nach kurzer Zeit tanzten wir abwechselnd mit der kleinen Fee. Als die Flaschen geleert waren, zog mein Begleiter seine Uniform wieder an und unser Rundgang fand seine Fortsetzung. Zum Abschied fragte ich das Mädchen noch, wie alt sie denn eigentlich geworden sei. „Vierzehn“ antwortete sie mit einem Lächeln, dann ging sie wieder zu Bett.
Auf dunklen Pfaden ging es bergab. Der schwarze Schlamm war manchmal knöcheltief. Die Putzerei an meinen Stiefeln war gänzlich umsonst gewesen. Die Abwässer werden ausnahmslos auf die Straßen und Wege geleitet. Eine Brutstätte für Krankheiten aller Art und ein El Dorado für Millionen von Ratten. Obwohl es mitten in der Nacht war, liefen pausenlos Gestalten herum. Auf einem kleinen Platz am Fuße der Senke hatten sich sechs alte Männer eingefunden und musizierten. Ich entdeckte einige große Trommeln, Zupfinstrumente, Glocken und Rasseln. Dazu sangen sie aus vollen Kehlen. Die Alten waren einfach hinreißend, sie spielten hier nicht für Touristen, ja nicht einmal für Geld, sondern ausschließlich, weil es ihnen Spaß machte. Das war unverfälschte Lebensfreude und ich klatschte begeistert in meine Hände. Eine Flasche wurde herumgereicht und da ich ja wirklich nichts auslassen kann, nahm ich ebenfalls einen kleinen Schluck. In solchen Momenten haben Sie nie eine Kamera zur Hand. Es ist vielleicht auch besser so.
Anschließend führten sie mich zu einem großen Gebäude, welches einen sauberen und gepflegten Eindruck machte. Drinnen spielte man heiße Rhythmen und davor war ein bewaffneter Türsteher plaziert. Meine Freunde sprachen ein paar Worte mit ihm und dann durften wir nähertreten.
Es handelte sich um eine „Discoteca“ der speziellen Art. In diesem Etablissement befinden sich rund um die Uhr mindestens zweihundert Freudenmädchen, alle zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt und bildhübsch. Sie können einfach nur tanzen, mit ihnen aber auch in die oberen Stockwerke verschwinden oder für den Fall, daß Sie Ihre ganz große Liebe entdeckt haben, selbstverständlich auch auslösen.
Von diesen Clubs gibt es ungefähr ein Dutzend in dieser Stadt, ließen mich die beiden wissen. Dieser hier nannte sich Herminia!
Gegen Ende unserer Runde erstatteten wir beim zuständigen Revierleiter Bericht. Dann brachten die zwei mich zum Hotel zurück, indem sie einfach das nächste Auto anhielten. Obwohl unser Ziel sicher nicht auf seiner Route lag, hatte der Fahrer keine Einwände.
Es mußte so gegen fünf gewesen sein, als wir wieder am Parque Enriquillo eintrafen. Dem Nachtwächter teilte ich mit, daß wir drei noch gerne etwas essen würden. Die Küche sei zwar schon lange geschlossen, aber mit ein wenig Geld ließ sich das wohl machen, verkündete er treuherzig.
Nachdem ich unsere Absicht bekräftigt und ein Zwanziger seinen Besitzer gewechselt hatte, sauste ein Moto Concho los, um die Köchin aus dem Bett zu holen. Dann wurde die Küche aufgesperrt und etwa gegen sechs Uhr hatten wir unseren Tisch angefüllt mit einer reichhaltigen Portion Reis mit Bohnen und Rindfleisch.
In dieser Stadt ist wirklich ALLES möglich.
Mit dem Essen bedankte ich mich bei den beiden Ordnungshütern. Der Ältere gab mir noch einen guten Rat mit auf den Weg. Sollte ich jemals mit einer Dominikanerin intim werden wollen, so empfahl er mir dringend, nicht nur ein Gummi zu verwenden sondern zwei. "Tenga Dos, Pedro!" meinte er wörtlich. Als ich lächelte, klärte er mich auf. Viele Mädchen hätten den Wunsch, von einem Gringo ein Baby zu bekommen, denn dieses lege den Grundstein für jahrelange Unterhaltszahlungen, welche sie von einem Durchschnittsdominikaner nie erwarten könnten. Deshalb, so fuhr er fort, seien diese Mädchen sogar in der Lage, in ihrem Leib ein Präservativ unbemerkt abzustreifen!
Mein Lächeln war verschwunden. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Doch wenn Sie den Mädchen einmal genauer beim Tanzen zuschauen und sehen, welche Muskelpartien sie bewegen können, dann fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen. Zum Schluß gaben mir beide ihre Telephonnummern für den Fall, daß ich wieder mal Lust hätte auf einen kleinen Bummel. Ich bedankte mich nochmals herzlich und wünschte ihnen alles Gute. Aufs Zimmer zurückgekehrt, überzeugte ich mich zunächst, daß mein Waschbecken unversehrt geblieben war und dachte, was mich wohl in Miami erwarten würde. Als die Morgensonne endlich voll durch die gläsernen Lamellen meines Fensters schien, fiel ich ins Bett.