Über das Träumen - Die paradiesische Bucht - Der alte Fischer - Kennen Sie Las Terrenas? - Die Urmutter hinter dem Friedhof - Ein Discobesuch - Fünfhundert Jahre Evangelisation
Wir leben seit unserer Kindheit mit Floskeln und Sprüchen. Was ursprünglich als Orientierungshilfe gedacht war und das Leben einfacher und überschaubarer machen sollte, entpuppt sich in unserer Zeit der schnellen Wandlungen oft als Bumerang. Wer stellt denn schon etwas in Frage, mit dem er groß geworden ist? Ist uns beispielsweise die Diskriminierung klar, wenn wir etwas Schönes als herrlich bezeichnen und etwas Dummes als dämlich? Der traumlose Schlaf jedenfalls ist auch nur solch eine dumme Redewendung, es gibt ihn nämlich gar nicht. Mit Träumen habe ich so meine eigenen Erfahrungen gemacht. In meiner Kindheit war ich in der Lage, während eines Traumes zu begreifen, daß ich träumte. Das gab mir die lustvolle Möglichkeit, gestaltend in meine Träume einzugreifen und so hatte ich meine ersten pubertären Erlebnisse im Schlaf. Meine kindliche Unerfahrenheit ließ mich das schamlos ausnützen, was schließlich dazu führte, daß ich den Herrn erzürnte und dieser mich bis heute mit traumlosem Schlaf bestrafte.
So dachte ich jedenfalls bis zu dieser ersten Nacht im Paradies. Ich wußte, daß das, was ich sah, nur ein Traum sein konnte, wenn nur das gleichmäßige Rauschen der Brandung nicht gewesen wäre. Ich saß aufrecht in meinem Bett und blickte hinaus. Kitschig, dachte ich, einfach kitschig, wie eine retuschierte Postkarte aus einer der Bananenrepubliken, mit denen unseriöse Reiseveranstalter ihre Kunden ködern. Die Sonne lachte vom Himmel, Kokospalmen säumten den Sandstrand und das Meer hatte eine grünliche Färbung. Das möchte ich aber jetzt genau wissen! Ungewaschen und unfrisiert stieg ich in die gleiche Kleidung, die ich gestern nacht um meine Lagerstatt verstreut hatte und marschierte durch die gepflegte Anlage geradewegs zum Strand. „Es ist wahr!“ sagte ich laut, als der Atlantik meine alten mexikanischen Stiefel umspülte und meine Hand das warme Wasser berührte. Zu Hause streuen sie Salz auf die Straßen, um auf dem Glatteis nicht auszurutschen, in höher gelegenen Teilen sind Schneefräsen unterwegs, um den Verkehr nicht ganz zum Erliegen zu bringen und ich stehe hier an einem tropischen Strand und begrüße den neuen Tag!
Zehn Minuten später lief ich, mit nichts weiter als meiner Badehose und dem Hausschlüssel versehen, über den feinen Sandstrand. Das Wasser war kristallklar und hinderte den heißen Sand daran, meine nackten Füße zu verbrennen. Nach einer Biegung eröffnete sich meinen staunenden Augen eine weite phantastische Bucht. Es war wie ein riesiger natürlicher Pool. Hier gab es keine Brandung und auch die feine Brise, die sonst ständig für angenehme Kühlung gesorgt hatte, war verschwunden. Eine riesige Kokosnußplantage erstreckte sich vom Strand bis hinüber zu den blaugrünen Bergen, die majestätisch im Hintergrund den Blick begrenzten. Über sie glitten die Schatten einzelner Wolken, die als kleine weiße Tupfer das Blau des Himmels noch unterstrichen. So muß Gott die Welt gewollt haben, stellte ich mir vor.
Vier junge Männer kamen mir im Schatten der Palmen entgegen. Sie hatten Fische und Langusten harpuniert und waren offenbar auf dem Weg zum Hotel, um ihren Fang zu verkaufen. Als wir auf gleicher Höhe waren, hoben sie die Arme und grüßten herüber: „Hola!“ Diese Fischer hatten ihre Tagesarbeit bereits hinter sich gebracht und ich hatte noch nicht einmal gefrühstückt.
Ich nahm auf einer umgestürzten Palme Platz und sah aufs Meer hinaus. Irgendwo weit dahinten mußte Bremerhaven liegen. Das kann doch nicht das gleiche Wasser sein! Dies hier ist eine andere Welt, ein anderer Pla-net. Die Schöpfung war vollendet, es blieb nichts zu tun übrig. Wunschlo-ses Glück durchströmte mich. Hier könnte ich bleiben und den Rest mei-nes Lebens verbringen. Lächelnd dachte ich an Zuhause. Die Reaktionen meiner Familie und meiner Freunde wären nicht abzusehen. Mir fiel Chri-stoph Kolumbus ein, auch er wollte damals schon aussteigen. In seinem inoffiziellen zweiten Logbuch ist dieser Wunsch vermerkt. Diese Stelle hier hat sich in dem halben Jahrtausend seither sicher nicht sehr verändert. „Das schönste Land, das menschliche Augen je erblickt haben,“ so schrieb er an das spanische Herrscherpaar auf seiner ersten Reise Anno 1492/93. Hier konnte ich es nachfühlen. Das Meer frißt das Land, die Palmen werden unterspült und fallen ins Wasser. Die Kokosnüsse werden irgendwo an Land geschwemmt, treiben aus und der ewige Kreislauf ist geschlossen. Eine solche Nuß kann Tausende Kilometer übers Meer zurücklegen, welch eine gewaltige Leistung! Was spielt hier schon die Zeit für eine Rolle? Lächerlich! Menschen, die MIT der Natur leben, haben Zeit - viel Zeit. Hier könnte ich meinen Glauben an Gott wiedergewinnen. Ich atmete tief die würzige Seeluft ein und blickte auf.
Vor mir stand ein älterer Mann und lächelte mich an. Er war Tourist wie ich und sprach deutsch. „Neu hier?“ wollte er wissen. „Ja.“ erwiderte ich „Ist doch viel schöner hier als sich zu Hause über das Finanzamt zu är-gern, nicht wahr?“ - „Das ist allerdings richtig,“ seine Augen bekamen einen merkwürdig seidenen Glanz, „doch das ist nur die erste Stufe.“ „Interessant!“ bohrte ich nach „und wie sehen die Steigerungen aus?“ „Ganz einfach,“ meinte er schmunzelnd, „die zweite Stufe haben Sie erreicht, wenn Sie das Geld hier ausgeben, das Sie sonst Ihrem Finanzamt abführen müßten.“ Jetzt begann auch ich zu lächeln. „Doch die Krönung besteht darin, daß Ihr Finanzamt Ihnen Ihren Aufenthalt hier bezahlt!“
Auf meiner Palme hielt ich es nun nicht länger aus und so gingen wir gemeinsam zum Hotel zurück. Je weiter man reist, um so interessanter werden die Typen, denen man begegnet. Ich nahm mir vor, diesen netten Herrn bei passender Gelegenheit ein wenig unter Alkohol zu setzen, um weitere lehrreiche Details in Erfahrung zu bringen.
Nach dem Essen beschloß ich, ins nahe gelegene Dorf zu gehen. Ich war schon mächtig neugierig auf Las Terrenas, denn von der letzten Nacht hatte ich lediglich ein verschlafenes Nest in Erinnerung. Der Weg führte nach einigen hundert Metern rechtwinklig vom Strand weg direkt in den Urwald hinein. Kaum hatte ich den Strand verlassen, klebte mir das Hemd auf dem Leibe. Schon die geringste Anstrengung entwickelt sich unweigerlich zur schweißtreibenden Angelegenheit.
Zu meinem Pech hatte ich meine Stiefel frisch eingefettet zu Hause gelassen. Meine Tennisschuhe waren für diesen Weg denkbar ungeeignet. Ständig mußte ich riesigen Wasserlöchern ausweichen. Der feuchte rotbraune Lehm war extrem rutschig. An einigen Stellen waren die fürchterlichen Schlammlöcher gut und gerne dreißig Meter lang. Zum Glück war ich nicht der einzige Fußgänger, denn ich entdeckte links und rechts kleine Trampelpfade, auf denen man zwar langsam und vorsichtig, aber zumindest doch weiterkam. Ich mußte meinen ersten Eindruck, daß dies hier Urwald sei, revidieren. Rechts erblickte ich nämlich hinter einem Stacheldrahtzaun eine Kakaoplantage. Zwischen den Sträuchern allerdings standen hohe Bäume, an denen Lianen herunterhingen und auf deren Äste sich eine Unmenge Schmarotzerpflanzen angesiedelt hatten. Linkerhand schlängelte sich ein kleiner Bach parallel zum Weg. Viele Bäume waren an ihren Stämmen mit gefährlich großen Stacheln übersät.
Nach einer Weile bemerkte ich einige kleine Hütten. Die Wände bestanden aus Ästen, welche in den lehmigen Boden gerammt und mit Palmblättern verflochten waren. Als Dächer dienten große Bananenblätter und darüber wurden die breiten Hüllen der Jahrestriebe von Königspalmen gelegt. Die Fenster sind glaslose kleine Öffnungen, die innen mit Stoffen verhangen sind, die Türen, natürlich ebenfalls aus Holz gefertigt, sind eigentlich immer geöffnet und befinden sich zumeist an jener Stelle, wo sich die kleine überdachte Terrasse anschließt. Dieser Teil des Hauses ist der eigentliche Mittelpunkt des Lebens für seine Bewohner. Dominikaner leben nicht in ihren Häusern, sie schlafen lediglich darin. Sie sind oft so klein, daß ich den Verdacht hatte, sie würden um die Betten herum gebaut worden sein.
Ich blieb stehen. Das sind wirklich arme Menschen, die hier leben müssen. Wir hätten Bedenken, unser Auto darin unterzustellen. Doch hier ist es Heimat für eine ganze Familie. Während ich gedankenverloren auf eine dieser Hütten starrte, trat eine „Niña“, ein kleines Mädchen heraus, be-merkte mich, winkte mit ihren Händchen und grüßte: „Hola!“ Das Kind strahlte mich an. Es trug ein hellrosa Kleidchen mit weißen Bordüren und hatte die Haare zu drei kleinen Zöpfen verflochten, an deren Spitzen bunte kleine Tücher gewickelt waren. Im ersten Moment war ich so verblüfft, daß ich dachte, es müßte Sonntag sein oder die Kleine hat vielleicht Geburtstag heute, so einen liebenswerten und sauberen Eindruck machte sie auf mich. Arme Leute? Mag sein, doch für ihre Kinder sicher nicht. Die sind offenbar heilig. Als ich zurückwinkte, erschienen ihre Mutter und ein alter Mann. Sein hellgrauer Bart wirkte irgendwie lustig in seinem dunkelbraunen Gesicht. Sie grüßten beide und forderten mich auf, hereinzukommen. Opa deutete auf einen Schaukelstuhl, er selbst nahm auf einem kleinen klapprigen Holzstuhl Platz und zauberte aus den Tiefen seiner Hosentaschen eine Flasche Rum hervor. Ich nahm Platz, doch den Alkohol lehnte ich dankend ab. Statt dessen bekam ich heißen, schwarzen Kaffee in einer kleinen Tasse serviert. Er war sehr süß und auf jeden Fall geschmackvoller als der Filterkaffee, der den Touristen in den Hotels vorgesetzt wird. Als die Mutter ins Haus zurückging, wollte Opa meinen Kaffee etwas verdünnen. Sie ahnen bereits, womit. Ich mußte lachen. Wie freundlich und unbeschwert diese Menschen leben. „Americano?“ wollte der Alte wissen. „No, soy Aleman!“ erwiderte ich. „Bueno.“ meinte er und damit war die Fragerei erledigt. Ich streckte ihm eine Zigarette entgegen, zögernd nahm er an und brachte sie in seiner Hemdtasche unter. Er war Fischer und machte mir ein interessantes Angebot, nämlich mit ihm einmal aufs Meer hinauszufahren. „Ich werde darüber nachdenken“, sagte ich, dankte für den Kaffee und mußte versprechen, wieder mal vorbeizuschauen. Mit einem Moto Concho ging es dann weiter. Der Fahrtwind war angenehm. Nach wenigen Minuten hatten wir unser Ziel erreicht.
Einige Japaner meinen, daß ihr heiliger Berg sich jedem Betrachter anders darböte, weil es unendlich viele verschiedene Standorte gäbe. Der Fujiyama, so sind sie überzeugt, sei ein Spiegel dessen, was der Betrachter zu sehen wünsche.
Las Terrenas ist sicher kein heiliger Ort, doch viele Gesichter hat es auch. Dem Normaltouristen, der die meiste Zeit zwischen seinem klimatisierten Appartement, dem Pool und der Hotelbar pendelt, mag es durchaus als romantisches Fischerdörfchen erscheinen. Der Realität näher sind Sie jedoch, wenn Sie sich Las Terrenas wie das letzte Rattennest auf der Welt vorstellen. So ähnlich muß es in Klondike vor Anpfiff der Zivilisation zugegangen sein. Alles, was die Götter verboten haben, treiben sie hier. Wenn Sie über die Berge von Sanchez, der alten Hafenstadt an der Bucht von Samaná herüber kommen, so entdecken Sie das erste Schild. Es ist eine Art Reklametafel und nicht besonders groß. Hier steht: „Bienvenidos a Las Terrenas!“ - „Willkommen in Las Terrenas!“ Darunter folgt der Absender: „La Iglesia de Dios de la Profecia.“ - „Die Kirche der prophezeihenden Götter.“ Der bemerkenswerteste Satz kommt zum Schluß: „Aquí se oran por Ti!“ - „Hier beten sie für Dich!“
Zweihundert Meter danach, auf der rechten Seite befindet sich die einzige Tankstelle des Ortes, die „Bomba“ - die Pumpe - wie sie genannt wird. Am Ende des großen Zufahrtsplatzes steht eine wesentlich größere Tafel. Auf ihr ist in kindlicher Weise ein Frauenportrait dargestellt. Es ist jedoch keine Werbetafel für Kosmetika oder dergleichen, sondern ein Hinweisschild. Hier steht nämlich: „El Sida no se ver en la Cara - Protegete!“ Das heißt auf deutsch: „Aids sieht man nicht im Gesicht - Schütze Dich!“
Ich schluckte. Verträumtes Fischerdorf? Ja, vielleicht früher einmal, doch jetzt sind auch hier bereits die Folgen unserer Unkultur sichtbar geworden. Mit dem Tourismus kommt nicht nur Geld ins Land! Das Schild steht heute nicht mehr hier, es wurde mittlerweile entfernt und durch eine Wahlparole der Revolutionspartei ersetzt. Es hatte ja auch nur wenig Sinn, denn die Touristen verstehen in der Regel kein Spanisch und die meisten dieser Mädchen können sowieso nicht lesen. Jahre später habe ich in Sosua, einer üblen Touristenhochburg oben vor Puerto Plata, wo sich alle Freiberuflerinnen der Insel zusammenfinden, eine Rundfrage gemacht. Acht von zehn Mädchen hatten von Aids noch nie etwas gehört und nur eine von hundert fragte nach einem Präservativ!
Doch kommen wir wieder nach Las Terrenas zurück. Das erste Geschäft befindet sich auf der linken Straßenseite. Bezeichnenderweise handelt es sich um den Laden des Sargtischlers! Es folgen eine Unmenge verschiedenster Kneipen, die zu beschreiben in nüchternem Zustand nicht möglich sind. Unterbrochen wird diese Harmonie lediglich durch abenteuerliche Verkaufsbuden, die im wesentlichen das Gleiche anbieten, nämlich verschiedene Sorten Rum und eine Sorte Bier. Es gibt aber auch sonst alles, was man so zum Leben braucht, man muß nur Augen haben zu sehen! So gibt es ein schmutzstarrendes, in den Lehmboden gegrabenes Loch, welches oben notdürftig mit Wellblech abgedeckt ist, das sich bei genauerer Betrachtung als Obst- und Gemüsehandlung entpuppt. Wenn man den einzigen Fleischerladen endlich entdeckt hat, wechselt man besser auf die andere Straßenseite, mit einer Metzgerei in unserem Sinne hat es nämlich nichts gemein. Außerdem gibt es da noch Schönheitssalons für die Damen und einen Friseur für den Herrn. Ebenfalls ausschließlich für Herren ist auch ein rundes hölzernes Gebäude gedacht, welches immer an Sonntagen gegen drei Uhr nachmittags seine Pforten öffnet. Es ist die Arena für den Hahnenkampf, der in vielen Ländern bereits verboten ist. Sie ist Kampfstätte und Kasino zugleich. Als Tourist können Sie ohne weiteres den Kämpfen beiwohnen und auch Wetten abschließen, doch empfiehlt es sich, die bemitleidenswerten Kreaturen keiner, wie auch immer gearteten Wertung zu unterziehen. Für den Dominikaner ist sein Kampfhahn wichtiger als alles andere auf der Welt. Wenn Sie ihm die Frau ausspannen, zuckt er möglicherweise nicht mal mit den Achseln, doch wehe Ihnen, sie machen sich über seinen Hahn lustig! Manchmal denke ich, was für uns die Katze ist für sie der Hahn. Wir füttern unsere Lieblinge mittlerweile schon mit Rindfleisch aus artgerechter Tierhaltung und betrachten uns ja auch nicht als pervers!
Irgendwann, nach zwei Kilometern etwa, erblickt man die Fax- und Telephonstation. Sie ist eingezäunt, Tag und Nacht bewacht, verfügt über einen eigenen Stromgenerator, der von einem Dieselaggregat angetrieben wird, einem hohen Mast mit vier oder fünf Satellitenschüsseln und einem klimatisierten Benützerraum mit zehn Telephonen und dem Faxgerät. Die Gesellschaft, ein kanadisches Unternehmen, hat solche Stationen in fast jeder Stadt des Landes installiert. Sie arbeitet natürlich privat, daher funktioniert das Ganze auch. Erstaunlicherweise sind Ferngespräche nach Europa nur etwa halb so teuer wie umgekehrt.
Den logischen Abschluß der „Calle Principal“ - der Hauptstraße - bildet der Friedhof, ein ungepflegtes, eigentlich würdeloses Gemäuer. Das Eingangstor ist mit Hinweistafeln auf Hotels, Restaurants und Bars übersät.
Etwas habe ich jetzt allerdings ausgelassen, das auf gar keinen Fall fehlen darf, nämlich die „Discoteca.“ Ich habe später auf meinen Reisen durch das Landesinnere winzige Dörfer entdeckt, oft nur fünf oder sechs Hütten, es gab keine Kirche und keine Schule, doch mit Sicherheit immer eine Diskothek. Sie ist der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Ursprünglich war auch sie nur für Männer gedacht. Aus dem Verständnis des Machos gilt jede Frau, die eine Diskothek aufsucht, als Freiwild. Durch den Tourismus allerdings wurde auch dieser schöne Brauch zerstört, so daß wir Männer selbst hier nicht mehr unter uns sein können. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, beschloß ich, heute abend diesen Ort aufzusuchen. Jetzt am Tage lag er trostlos und verlassen.
Ich dirigierte mein Moto Concho rechts an dem Friedhof vorbei über eine Straße, die tatsächlich nur aus Schlaglöchern bestand und lud den Fahrer zu einer Flasche Bier ein. Er bevorzugte natürlich eine dominikanische „Cafeteria“, wie die Schnapsbuden hier genannt werden. Tatsächlich habe ich im Verlaufe der Jahre keine einzige Cafeteria gefunden, wo man Kaffee hätte trinken können, immer aber
gab es Rum und eiskaltes Bier.
Wir blieben vor einer winzigen Bretterhütte stehen, auf der ein Witzbold „Restauración“ gemalt hatte. Die Stube wurde von einem gewaltigen Weibe fast zur Gänze ausgefüllt, was nicht weiter tragisch war, denn die Gäste saßen ohnehin draußen auf zwei Baumstämmen. Die Urmutter näherte sich uns mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie stemmte, wie alle Mütter ab einer gewissen Oberweite, ihre Arme in die Hüften und warf ihren Kopf kurz nach hinten. „Dos Cervezas, por favor!“ Damit waren die zwei Bier bestellt.
Juan, so nannte sich mein Chauffeur, hatte ungefähr die gleiche Hautfarbe wie ich und ebenfalls lange Haare. Selbstverständlich sei er Dominikaner, beantwortete er meine Frage, seine Vorfahren allerdings kämen aus Andalusien, seien also Spanier gewesen. Das würde seine helle Hautfarbe erklären.
Tatsächlich betreiben die Dominikaner so etwas wie eine kulturelle Kindesweglegung. Niemand möchte von schwarzen Sklaven abstammen. Je heller ein Dominikaner ist, desto angesehener ist er und hat auch beruflich mehr Chancen als ein dunkler. Aus diesem Grund möchten sie sich auch von den Haitianern deutlich unterscheiden, die zwar auf der gleichen Insel leben, aber schwarz geblieben sind, da sich, im Gegensatz zu den Spaniern, die Franzosen nicht mit ihren untergebenen Sklaven vermischt haben. Vom stolzen „Black is beautiful“ wie auf Jamaika oder Trinidad ist hier noch keine Rede. Somit haben viele Dominikaner ein fast schon traumatisches Identitätsproblem.
Das „Presidente“ Bier ist sehr bekömmlich, wird ausschließlich eiskalt serviert und auch so getrunken. Es blieb nicht bei der einen Flasche. Juan war ein sympathischer Junge, das kleine Motorrad hatte er, wie die meisten Moto Concho Fahrer, nur gemietet. Alles, was er über die hundert Pesos täglich einnahm, war sein Verdienst. Sprit und anfallende Reparaturen gingen allerdings zu seinen Lasten. Sein größter Wunsch war natürlich eine eigene Maschine, doch die kostet über dreißigtausend Pesos. Bei einem Durchschnittseinkommen von maximal hundert Pesos am Tag, mit denen er außerdem seinen Lebensunterhalt abdecken muß, bekommt er daher eher Enkelkinder als seine geliebte Maschine.
Mittlerweile hatten einige Mädchen an unserem Tisch Platz genommen. Sie wären in unseren Breiten als waffenscheinpflichtig eingestuft worden. Enge Miniröcke und offen getragenes langes Haar, die glänzende dunkel-braune Haut mit den vielen Ketten, Ringen und großen Ohrgehängen, die verführerischen Blicke, die immer ein wenig zu lange dauern - das alles konnte einem schon den Atem nehmen. Ungeniert begannen sie mit dem einzigen Gringo, also mit mir, auf das heftigste zu flirten. Nun bilde ich mir ja wirklich nicht ein, mit Belmondo oder Robert Redfort verwechselt werden zu können, auch achte ich streng darauf, daß mir die Dollars nicht bündelweise aus den Taschen heraushängen. Darüber hinaus hätte ich mindestens mit zwei Mädchen gleichzeitig anbandeln müssen, alleine schon, um den Altersunterschied wett zu machen. Ich entschied mich allerdings für einen streßfreien Abend, doch bedankte ich mich mit einer erweiterten Runde Bier. So alt und häßlich kann ich ja wohl nicht werden, daß es mir keinen Spaß mehr machen würde, dermaßen umschwärmt zu werden! Die Mutter zauberte weitere Flaschen aus ihrer Kühlkiste hervor und drehte gleichzeitig das Kassettengerät auf.
Es gibt beim Radio nur zwei Zustände, nämlich an oder aus und wenn ein dominikanisches Radio an ist, dann hört man die Musik nicht nur, man spürt sie auch. Am Lautstärkeknopf wird grundsätzlich nicht gedreht, der ist vermutlich ab Werk auf Maximum eingestellt. Die jungen Mädchen begannen sofort zu tanzen, in dem sie ihre Beckenpartien aufreizend kreisförmig bewegten. Sie drängten mich, es ihnen gleich zu tun. Jetzt war ich gefordert. Zur grenzenlosen Überraschung aller zog ich jedoch die dicke Drohne hinter ihrem Holzgehäuse hervor und begann, mit der Mutter Merengue zu tanzen. Juan schlug vor Lachen mit beiden Händen auf den Tisch. Nun bildeten die Mädchen einen Kreis um uns ungleiches Paar. Es mußte ja wirklich ein einmaliger Anblick gewesen sein: Der bärtige hagere Gringo mit dem Stirnband hüpft mit einem Bärenweib nach dieser abartigen Affenmusik im Kreis herum. Es hat mir tierischen Spaß gemacht damals und ich habe später noch viele Male mit meiner Urmutter am Rande dieser Straße getanzt. Doch da hatte ich schon meinen Sonderpreis ausgehandelt.
Juan brachte mich an jenem Abend zum Hotel zurück. Spaßeshalber legten wir uns vorher jedoch noch wie zwei Wildschweine in eines dieser riesigen Schlammlöcher. Unverletzt, doch in der Farbe dem Erdboden gleich, betrat ich meine Terrasse und entledigte mich des größten Teiles der Garderobe. Es folgte eine heiße Dusche und dann begab ich mich, ganz in Weiß gekleidet, zum Abendessen. Nach einer riesigen Portion „Camarones,“ das sind Garnelen, die etwas größer sind als unsere Shrimps, schlenderte ich zu der kleinen Bar hinüber, die in Sichtweite meines Appartementos lag und wo ich auf Juan warten wollte. Sie gehörte zur Hotelanlage und war an ein junges dominikanisches Paar verpachtet. Sie erinnerte mich an meine Zeit in Mexiko und so nannte ich sie „Cantina Mexicana.“ Hier treffen sich Touristen und Dominikaner gleichermaßen, denn die Möglichkeit, auf einen Drink eingeladen zu werden, war hier größer als anderswo. Geöffnet war sie, wie die meisten der übrigen Etablissements auch, bis der letzte Gast gegangen oder in der dazugehörigen Hängematte eingeschlafen war. Die zwanzig Meter Distanz zu meiner Terrasse empfand ich als überaus beruhigend und angenehm.
Nach dem guten Essen wechselte ich vom Bier auf Rum und bestellte daher einen „Cuba Libre“. Dessen Zubereitung ist denkbar einfach: Man fülle ein Glas mit Eis, gieße es anschließend zu etwa zwei Drittel mit Rum voll und runde den verbliebenen Rest, also etwa zwei Finger hoch, mit Coca Cola ab. Gekrönt wird das Ganze mit der Scheibe einer Limone, welche eingeschnitten auf den Rand des Glases gesteckt wird. Getrunken wird es normalerweise mit einem Strohhalm, was in der Wirkung einer intravenösen Verabreichungsform gleichzusetzen ist. Gott sei Dank erschien nach kurzer Zeit mein Juan mit seiner Maschine. Er hatte sich ebenfalls umgezogen und auch das Motorrad gründlich gewaschen. Ich stellte ihm einen Tageslohn in Aussicht und lud ihn außerdem in die Disco ein. So hatte ich wenigstens jemanden an meiner Seite, der sich auskennt und mich auch sicher wieder zurückbringen würde.
Vergessen Sie alles, was Sie sich bisher unter einer Diskothek vorgestellt haben! „Nuevo Mundo“ - „Neue Welt“ - so nannte sie sich und das war sie auch. Auf dem Vorplatz herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Zwanzig oder mehr Moto Conchos ließen ihre Maschinen laufen. Sie mußten einen Höllenlärm verursachen, doch erstaunlicherweise war davon nichts zu hören, denn die Musik aus der Disco übertönte alles.
Der Vorplatz wurde von einer Mauer begrenzt, in welcher sich der Eingang befand. Neben diesem Loch stand breitbeinig ein Riesenkerl mit fast kahl geschorenem Schädel. Mir fiel auf, daß dieser bedauernswerte Mensch keinen Hals hatte: sein Kinn ging nahtlos in die Schultern über.
Nachdem er mich auf Waffen abgeklopft hatte, ging es zunächst durch eine Art Vorgarten und anschließend einige Stufen hinauf in das Heiligtum. Der Schuppen bestand, genau genommen, lediglich aus einem gro-ßen Dach, welches auf einige Säulen aufgelegt war und so die Besucher vor Regen schützte. Zwischen diesen Säulen hatte man eine halbhohe Mauer errichtet, vermutlich, um zu verhindern, daß im Falle des Falles das Regenwasser die Tanzfläche überschwemmen konnte. Das hintere Ende war normal bis unters Dach gemauert. Hier waren die Toiletten und die robuste lange Theke untergebracht. Um dorthin zu gelangen, mußte man an der etwas tiefer gelegenen quadratischen Tanzfläche vorbei turnen. Links und rechts erblickte ich zwei Lautsprechertürme, die das Vo-lumen von Ein-Zimmer-Appartements hatten. Wenn er direkt davor saß, konnte der interessierte Raucher zusehen, wie seine Zigarette in ungewohnt kurzer Zeit zu Asche verglimmte. Auch zum Trocknen nasser Wäschestücke müßten diese Boxen sich hervorragend eignen. Zum Glück fanden wir in angemessener Entfernung einen kleinen wackligen Tisch mit dazu passenden Holzstühlen.
Der Laden war gut besucht und so dauerte es eine Weile, bis die Serviererin erschien. Es gab zwar tiefgekühltes Bier in großen Flaschen, doch die mußten getrunken werden, bevor sie warm wurden und das dauert nicht lange. Es bestand auch die Möglichkeit, Cuba Libre zu bestellen, doch ist so ein Plastikbecher schnell geleert und die Dürreperiode bis zur Nachlieferung frustrierend. Da grundsätzlich die Bezahlung bei Lieferung zu erfolgen hat, wird nach einiger Zeit das Kleingeld knapp und sofern Sie dann mit größeren Scheinen bezahlen, prüft die Serviererin Ihr Erinnerungsvermögen, indem sie einfach nicht mehr erscheint. Sollten Sie jedoch auf Ihr Wechselgeld bestehen und auch tatsächlich erhalten, empfiehlt es sich, es sofort nachzuzählen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Sie nämlich selbst jetzt noch über die Theke gezogen, denn die Preisgestaltung ist sehr differenziert. So gibt es zunächst einmal den Grundpreis, das ist jener Betrag, den auch Dominikaner bezahlen müssen. Für Ausländer, noch dazu für jene, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind, gibt es den sogenannten Gringozuschlag, welcher auf den Grundpreis aufgeschlagen wird. Sind Sie Tourist, fallen Sie bereits in die nächste Kategorie: Ihr Betrag erhöht sich um den Touristenzuschlag. Sollten Sie hingegen Ihr Haupthaar mit kleinen Perlen verziert haben, müssen Sie darüber hinaus noch mit dem Idiotenzuschlag rechnen. Lassen Sie es mich an Hand eines kleinen Beispiels erklären: Eine Fahrt mit dem Moto Concho vom Strand ins Dorf kostet normal fünf Pesos, mit Gringozuschlag sind es schon zehn, Touristen zahlen zwanzig und Idioten fünfzig. Diese Preise verstehen sich pro Person und verdoppeln sich nach Einbruch der Dunkelheit.
Nach diesem kleinen Ausflug in das freie Unternehmertum kehren wir wieder in die Disco zurück. Um all diesen Querelen vorzubeugen, bestellten wir ein „Servicio.“ Dieses Gedeck ist typisch dominikanisch. Es besteht aus einer Flasche Rum und zwei Flaschen Coca Cola. Dazu gehören die scheußlichen Plastikbecher sowie ein Hundenapf mit Eis. Dieses Getränk hat den Vorteil, daß Sie nicht ständig die Serviererin bemühen müssen und außerdem können Sie das Mischungsverhältnis nach Ihrem Geschmack selbst bestimmen. Die Gefahr eines Betruges ist auch relativ gering, Sie müssen nur darauf achten, daß die Flaschen erst an Ihrem Tisch geöffnet werden. In unperiodischen Abständen wird das geschmolzene Eis Ihres Hundenapfes über den Boden entsorgt und kostenlos frisches Eis nachgeliefert.
Kaum hatten wir unsere Becher gefüllt, spürte ich eine zarte Hand auf meinem linken Oberschenkel. Prompt verschluckte ich mich zunächst einmal und nachdem ich die Tränen aus meinen Augen gewischt hatte, erblickte ich neben mir ein weibliches Wesen von jener Art, wie die Märchenerzähler seit hundert Jahren oder mehr ihre wundersamen Feen beschrieben haben. Ihre Blicke gingen nicht nur unter die Haut, sondern stießen durch bis ins Mark. Sehr vermögend dürfte sie allerdings nicht gewesen sein, denn offensichtlich hatte sie das Kleidchen ihrer kleinen Schwester übergestreift, welches jeden Moment aus allen Nähten zu platzen drohte. Als wäre es damit noch nicht genug, ließ sie überdies ihre linke Schulter leicht nach vorne abfallen, so daß mein Blick von oben auf ihre übervollen Brüste samt der erigierten Knospen fiel. Diese Brustwarzen erinnerten mich an die Kippschalter jener Nachttischlampen, welche in der Zeit nach dem Kriege das Schlafzimmer meiner Eltern schmückten. Das war zwar schon lange her, doch seither hatte ich so etwas nie wieder gesehen.
Ich erkundigte mich artig nach dem Namen dieser Göttin, ließ einen zusätzlichen Becher kommen und spendierte ihr einen Drink. Auf weitere Abenteuer wollte ich mich jedoch nicht einlassen und so verabschiedete sich das Mädchen mit einem flüchtigen Kuß auf meine linke Wange. Ich blickte zu Juan hinüber. Der schmunzelte und meinte: „Puta.“ Natürlich war mir klar, daß die Kleine sich prostituiert, doch niemals bin ich diesen Mädchen mit Verachtung begegnet. Im Verlaufe des Abends lernte ich so einige von ihnen kennen, es kostete mich jedesmal einen lächerlichen Becher Cuba Libre.
Dann kam endlich der Moment, wo ich zum ersten Mal die Tanzfläche betrat und mit einer hingebungsvollen Partnerin vor den kritischen Blicken des Publikums Merengue tanzte. Ich hatte zwar mit meiner Urmutter heute nachmittag kräftig geübt, doch werden wir uns niemals so bewegen können wie diese Menschen. Merengue tanzen ist wie eine Gratwanderung zwischen kühler Zurückhaltung und dem Ausbruch sexueller Zügellosigkeit. Alles oberhalb der Gürtellinie bleibt ruhig, die Beine werden ebenfalls nicht geworfen, sondern sie folgen unbeirrt dem Rhythmus der „Tambora“, der tiefen Trommel mit dem typischen nachlaufenden dritten Takt. Die Beckenpartien hingegen bewegen sich in fast obszöner Weise, so daß der Eindruck entsteht, man kopuliere auf der Tanzfläche. Der daraus resultierende Spannungszustand befällt nicht nur die Tanzenden sondern auch die Zuschauer. Viele Monate später hatte ich in Santo Domingo in einer Sylvesternacht mit zwei Mädchen gleichzeitig auf der Straße bis fünf Uhr früh Merengue getanzt. Damals kam mir der Gedanke, daß es ein Fruchtbarkeitstanz sein muß.
Über die Musik in diesem Teil der Welt gäbe es noch viel zu sagen, ich werde später noch ausführlicher darauf eingehen. Für heute war es genug und wir traten die Heimreise an.
Es war knapp vor Mitternacht und die „Cantina Mexicana“ hatte noch geöffnet. Zu meinem Bett war es ja nicht weit. Also beschloß ich, noch auf einen Drink vorbeizuschauen. Auf einem der kleinen runden und mit einem Tuch bespannten Hocker saß, mit dem Rücken an die Außenwand angelehnt, ein betagter Mann mit fast schwarzer Hautfarbe. In seiner Rechten hielt er ein Glas, welches zu einem guten Drittel mit purem bernsteinfarbenem Rum angefüllt war. Ein „Trago“, wie Dominikaner dieses Getränk nennen, wird nicht mit Eis verdünnt oder gar mit anderen Erfrischungen vermischt. Das bleibt den Touristen oder den Jüngeren überlassen. In der Tat gibt es Rumsorten, die einem edlen alten Cognac in Nichts nachstehen. Wenn Sie bei einer Sorte bleiben, werden Sie niemals Kopfschmerzen bekommen, ganz egal, wieviel Sie getrunken haben.
Der Mann hinter der Theke fuchtelte mit einem Geldschein vor dem Gesicht des Alten herum. Dieser nahm den Fetzen an, hielt diesen ungefähr einen Zentimeter vor sein rechtes Auge und meinte: „Nuevo!“ Es handelte sich, wie sich herausstellte, um eine neue fünfhundert Pesos Note, die anläßlich des fünfhundertsten Jahrestags der Entdeckung der Insel durch Kolumbus herausgegeben wurde. Ich setzte meine Brille auf, hielt den Schein unter die Glühbirne und las etwas von fünfhundert Jahren Kolonisation und Christentum.
In Santo Domingo hatten sie aus diesem Anlaß zwei riesengroße Elendsviertel platt gewalzt, um eine häßliche und überdimensionale Betonkathedrale zu errichten. Der „Faro Colon“ hatte viele Millionen Dollar gekostet. Jede Nacht strahlen Laserkanonen mit fünfundvierzigtausend Watt elektrischer Energie ein gigantisches Kreuz in den Himmel. Um dieses Schauspiel auch sicherzustellen, werden bei Bedarf ganze Stadtteile Santo Domingos vom Netz getrennt. Kein Wunder also, daß der Papst, der zur Einweihung angereist war, von einer wütenden Menge mit faulen Eiern und Tomaten begrüßt wurde.
Eingedenk des dominikanischen Wunsches, die spanischen Konquistadoren als ihre Erlöser zu betrachten, denen sie ihre Zivilisation zu verdanken hätten, schwoll mir, der jetzt bereits genügend Cuba Libre inhaliert hatte, der Kamm. Noch europäisch im Schädel griff ich den Alten neben mir an: „Fünfhundert Jahre Evangelisation! Im Namen des Kreuzes wurden elf Millionen Indianer geschlachtet!!! Ist das für Euch vielleicht ein Grund zum Feiern???“
Der alte Mann - er hatte wirklich nur mehr einen Zahn - ergriff sein Glas und leerte es in einem Zug. Danach wischte er sich mit dem Rücken der rechten Hand über den Mund, drehte sich langsam zu mir und sagte, seine Hand auf meine Schulter legend: „Sieh mal, Pedro! Wir Dominikaner, wir feiern gerne - der Grund ist uns egal!“
Da stand ich nun mit meiner überlegenen humanistischen Ausbildung und mußte w.o. geben. Dieser Alte hatte sicher noch nie eine Schule von innen gesehen, doch auf seine Art war er weise.
Das einzige, was wir von unserer Schulbildung hier gebrauchen können, das sind die vier Grundrechnungsarten. Alles andere lernen wir neu.
Kapitel 3