Bauen Sie Ihre Traumvilla! - Die Prostitution und was dahinter steckt - Eine nächtliche Rundreise mit Juan - Die Polizei, Dein Freund und Helfer - Es lebe das Arbeitsamt!
Ein Pfarrer aus einer der wenigen reformierten Enklaven des Burgenlandes, an der Grenze zu Ungarn also, den ich im Zuge eines Forschungsauftrages heimzusuchen hatte, musterte mich höchst argwöhnisch. Mir machte das nichts aus. Er hatte, wie alle Würdenträger vor ihm auch, mit einem senilen gebeugten Herrn gerechnet, welcher sein restliches Leben dem Studium alter Bücher widmen würde. Mit dem Erscheinen eines langhaarigen Cowboys mit entsprechendem Outfit inklusive Stirnband und schwarzer Stiefel war er daher zunächst überfordert.
Als ich im Zuge meiner Arbeit zu allem Überfluß auch noch einen längst verblichenen Großvater ausgrub, welcher im hohen Alter von siebzig Jahren noch seine Putzfrau geschwängert hatte und mich diesbezüglich etwas burschikos äußerte, bekam ich sozusagen die gelbe Karte.
„Mein Sohn,“ ich sehe den erhobenen Zeigefinger noch vor mir, „wenn Du an diesem geheiligten Ort keine Demut zeigst, wirst Du noch in der Hölle landen! Und das möchtest Du doch wohl nicht, oder?“ - „Wenn Sie mich schon fragen, Hochwürden,“ kaute ich trocken zurück, „wo ich später gerne wäre, so hätte ich folgende Bitte: Nächtens laß ich in der Hölle die Sau raus und tagsüber möchte ich mich im Himmelbettchen ausschlafen!“
Er holte tief Luft damals und brach anschließend vor Lachen fast zusammen. Bei einer Flasche edlen Weines, der für mich alten Biersäufer übrigens viel zu schade war, unterhielten wir uns dann über den Dualismus, der unser Sein bestimmt.
Wenn Sie zu den Privilegierten zählen sollten, die sich später einmal im Himmel aufhalten dürfen, so käme es Ihnen schon nach kurzer Zeit nicht mehr himmlisch vor. Dies einfach deshalb, weil Ihnen jede Vergleichsmöglichkeit fehlt. Wenn alles um uns herum beispielsweise grün wäre, so kämen wir doch nie auf den Gedanken, das als grün zu bezeichnen. Das können wir doch nur deswegen, weil wir auch noch rot, blau, weiß und alle die anderen Farben kennen.
Welch wunderschönes Land ich hier besucht hatte, wurde mir daher erst so richtig deutlich, als ich wieder nach Europa kam.
Zuerst beschnüffelte der Zoll meinen Koffer. Mit den drei Schlössern zieht er jeden in seinen Bann. „Ich will nur meine Konten richtig stellen.“ erklärte ich dem Beamten, nachdem dieser das Buschmesser entdeckt hatte. Nach zwei Stunden war ich endlich wieder draußen. Sie verstehen keinen Spaß dort. Es war kalt und niemand hatte Zeit. Es gab kein Cuba Libre, ja nicht einmal Mädchen, von einer Handvoll emanzipierter Hühner einmal abgesehen.
Also kam ich gleich zur Sache. Ein langjähriges, gut verzinstes Konto war fällig geworden und ich wollte das Geld wieder unter ähnlichen Bedingungen anlegen. Der Zinssatz, den meine Banker mir anboten, lag knapp über der Inflationsrate und so erklärte ich ihnen, daß ich es mir anders überlegt hätte und investieren möchte, doch nicht hier in diesen Kulturfriedhof, sondern da draußen ins Paradies!
Zwei Wochen darauf war ich wieder in Las Terrenas. In meinem Safe lagen Dollarschecks der Deutschen Bank, welche ein Konto bei der New York City Bank unterhielt. Diese Konstruktion sei zwar ein wenig kompliziert, so meinten sie, doch in solchen Bananenrepubliken könne man nie genug Sicherheiten haben. Diese Weitsicht meiner Banker sollte mich noch ein kleines Vermögen kosten.
In der Folge ließ ich durchblicken, daß ich nicht abgeneigt wäre, ein Grundstück zu erwerben. Der erste, der sich meldete, war ein dominikanischer Anwalt. Er war Millionär, wie sich später herausstellte und bot Gründe am Strand zum Spottpreis von fünfzig Dollars an. Das Mißverständnis bestand in der Dimension: Ich dachte in Tareas, er in Quadratmetern. Er wartet heute noch auf Käufer, doch ich bin sicher, eines Tages wird er auch welche finden.
In den folgenden zwei Wochen verging kein einziger Tag, an dem nicht irgendwelche abenteuerlichen Typen erschienen, die mich mit günstigen Angeboten überhäuften. Doch alle redeten sie von Quadratmetern und Dollars.
Als Erfüllung allen Strebens schwebt uns Europäern eine weiße Traumvilla am Strand vor, mit Palmen im Vorgarten und großem Pool, mit Blick auf das Meer und das Ganze umrahmt von einer zwei Meter hohen Hibiskushecke, in welcher sich die Kolibris ein Stelldichein geben. Mit etwas Kleingeld ist das auch realisierbar, doch bedenken Sie dabei folgendes:
Es gibt keinen Privatstrand in diesem Land. Jeder darf dort durchgehen oder auch mit Lastkraftwagen vorbeifahren. Sie können auch nicht verhindern, daß dort Feste stattfinden, die viel Lärm verursachen und Ihnen einen Berg leerer Flaschen und Plastikbecher hinterlassen. Sie werden jetzt einwenden, daß Sie sich dorthin zurückziehen möchten, wo Ihnen das nicht so leicht passieren kann, wo Sie, wie Robinson Crusoe, mit Gott und der Welt alleine und zufrieden sind. Das ist natürlich auch möglich, doch bedenken Sie, daß, wenn Sie eines Tages vom Strand zurückkommen, wo Sie sich nach dem Frühstück so gerne aufzuhalten pflegen, Ihr ganzes Haus ausgeräumt wurde. Selbst Ihre Toiletten hat man abgeschraubt!
Sie brauchen also jemanden, der auf Ihr Anwesen schaut und es bewacht. Ist Ihr Wachmann Dominikaner, so stellen Sie besser einen zweiten an, der Ihren ersten Wachmann kontrolliert. Sollten Sie Ihre Villa weit außerhalb errichten wollen, müssen Sie eine Zufahrtsmöglichkeit haben. Diese sollte, falls tatsächlich vorhanden, auch rechtlich abgesichert sein, sonst zahlen Sie, klarerweise erst nach Fertigstellung Ihres Hauses eine Maut, deren Höhe SIE nicht bestimmen. Hinzu kommen die klimatischen Unsicherheiten, denn Sie sollten auch dann in der Lage sein, Ihren Arzt aufzusuchen, wenn es regnet. Viele Wege sind in der Regenzeit nämlich unpassierbar, da die Flüsse aus ihren Ufern treten und riesige Sümpfe bilden. Von Wirbelstürmen und meterhohen Wellen, die über Ihr kleines Paradies hereinbrechen können, gar nicht zu reden.
Ich möchte Sie nicht Ihrer Illusionen berauben, doch das hier ist eben nicht Europa. Wenn Sie am Strand leben, so ist die salzhaltige Luft ideal für Ihre Lunge und für Ihre Haut. Hier ist kein Platz für Rheuma und Arthritis. Doch können Sie zusehen, wie alle Metallteile wegrosten. Ihre Wäsche wird auch nie richtig trocken, sie fault in den Kleiderkästen.
Es existieren noch zwei weitere Gesetze, was Bauen am Strand betrifft. Eines besagt, daß Sie sechzig Meter vom Strand, genauer von der Mitte der letzten Welle, erst mit dem Bau beginnen dürfen. Das zweite Gesetz schreibt Ihnen vor, nicht höher wie die umgebenen Palmen zu bauen.
Apropos Palmen: Wenn Sie einen Baum fällen müssen, besorgen Sie sich besser eine Bewilligung dafür. Es ist zwar nicht billig, doch auf jeden Fall billiger, als sich aus dem Gefängnis freizukaufen. Für jeden gefällten Baum müssen Sie darüber hinaus auch noch einen neuen pflanzen.
Erfreulicherweise gilt Naturschutz in diesem Land mehr als die Lippenbekenntnisse, die wir zu Hause pausenlos zu hören bekommen. Ein Zehntel der Gesamtfläche der Republik sind Naturschutzreservate, die zu durchfahren nicht einmal mit dem Jeep möglich ist.
Wir bleiben noch ein wenig beim Grunderwerb, und nach diesem kurzen Einblick in die klimatischen und legislativen Bedingungen reden wir nun von der Praxis:
Es gibt Leute, die Gründe verkaufen, die ihnen gar nicht gehören und es gibt Anwälte oder Notare, die den gleichen Grund an vier verschiedene Leute verkaufen, und nicht länger als drei Tage dazu brauchen. Wenn Sie Spanisch nicht beherrschen, werden Sie auf jeden Fall übervorteilt, denn es gelten nur Verträge in der Landessprache.
Kaufen Sie von einem Ausländer, macht dieser das Geschäft seines Lebens, sind Sie doch der vierte oder fünfte Gringo, dem dieser Preis günstig erscheint. Wenn Sie später draufkommen, daß dieser Ausländer - vielleicht sogar ein Landsmann von Ihnen - Sie hereingelegt hat, so können Sie ihn zwar einsperren lassen, doch dank Ihres Geldes geht er schon nach wenigen Tagen wieder frei.
Sollten Sie jetzt den Wunsch haben, von einem Dominikaner Land zu erwerben, dann achten Sie darauf, daß jedes Familienmitglied sein Zeichen unter den Vertrag setzt. Es könnte Ihnen sonst passieren, daß eines Tages irgendwer erscheint und erklärt, mit dem Verkauf des Grundes durch seinen Vater, Onkel, Großvater, Bruder oder Schwager nicht einverstanden gewesen zu sein. Der Zeitpunkt solcher Einsprüche ist in der Regel gut gewählt, denn letzte Woche erst wurde Ihre Villa mit Pool endlich fertiggestellt.
Nun können Sie entweder diesen Quälgeist auszahlen, was natürlich zur Folge hat, daß Sie ab nun in wöchentlichen Abständen von verschiedensten Familienmitgliedern angesprochen werden oder Sie zahlen Pacht.
Wenn es Ihnen dann irgendwann zu blöd wird, stellen Sie einfach ein Schild mit der Aufschrift: „Se Vende“ - „Zu verkaufen“ an die Straße bzw. an den Strand. Mit etwas Glück findet sich so ein ahnungsloser Gringo, der Ihr Angebot für günstig hält - gemessen an den Preisen in Europa natürlich. In letzter Zeit sind auch deutschsprachige Immobilienhändler aufgetaucht, welche vorgeben, in diesem Land jahrzehntelange Erfahrungen gesammelt zu haben. In der Regel handelt es sich dabei um Landsleute, die deswegen seit vielen Jahren hier leben, weil sie nicht mehr zurück können, da sie zu Hause wegen diverser Delikte gesucht werden.
Mein Vorschlag an Sie lautet daher: Bevor Sie hier Geld investieren, lernen Sie die Sprache und leben Sie einmal ein ganzes Jahr in diesem Land. Erst danach entscheiden Sie für sich selbst. Möchte ich hier leben? Kann ich hier überhaupt leben? Zwei Wochen Urlaub sind für solche Entscheidungen zu wenig. Sie brauchen auf jeden Fall einen Menschen, dem Sie vertrauen können. Dabei ist es unbedeutend, ob der Dominikaner oder Ausländer ist.
Diese Jahresfrist hat noch einen weiteren interessanten Aspekt. Sie führt manchmal zu einer Änderung Ihrer Lebenseinstellung, zu einer Umwandlung der Werte. Wenn Sie dann nicht mehr europäisch denken, sondern indianisch, suchen Sie sich einen einsamen wunderschönen Strand und errichten Sie dort eine dominikanische Bambushütte. Der Ihnen unbekannte Grundbesitzer hat nun fünf Jahre Zeit, Sie zum Abbruch aufzufordern. Verpaßt er diese Frist, dann haben Sie das Wohnrecht legal erworben und können nun Ihre primitive Behausung langsam umgestalten bis Sie Ihr Schloß mit den Marmorsäulen endlich fertig haben.
Besucht er Sie jedoch innerhalb der Frist, dann machen Sie ihm das Angebot, auf seine Finca aufzupassen, damit genau das nicht passiert. Mit etwas Glück können Sie dort wohnen bleiben und beziehen darüber hinaus noch ein kleines Zubrot.
Wenn jemand auf Sie zukommt und ein Angebot macht, so wissen Sie wenigstens, was er will und um was es sich handelt. Doch gibt es viel subtilere Methoden, um an Ihr Geld zu kommen.
Nach meiner Rückkehr wohnte ich wieder im gleichen Appartement. Don Louis, der Chef von Punta Bonita, hatte mir einen Sonderpreis gemacht.
Eines Tages war meine Aufräumefrau erkrankt - angeblich! An ihrer Stelle erschien, einer genialen Regieanweisung folgend, mein kleiner Engel aus dem Waschsalon. Sie ließ die Türen weit offen stehen und begann mit dem Saubermachen. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft. Ich bemerkte, daß sie zitterte. „Wendy!“ Ich nahm sie bei der Hand. Da ließ sie ihre Schultern sinken und sah mich an. Sie atmete heftig. Ihr kleines Händchen war feucht. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie hatte Angst. Ich trat auf die Terrasse hinaus, nahm in meinem Schaukelstuhl Platz und wartete. Als sie nach einiger Zeit herauskam, trat ich vor sie hin und nahm sie bei den Schultern. „Mañana, a las Cinco de la Tarde, Pedro! Frente de Lavanderia!“ Sie schlug ihre Augen nieder, nahm Besen und Eimer und entschwand. Ihr Auftritt war für heute beendet. Immerhin hatte sie mich auf fünf Uhr nachmittags des nächsten Tages gegenüber der Wäscherei vertröstet.
Wir Männer haben es zu Hause schon schwer genug, die Frauen zu verstehen. Die weiblichen Geschöpfe in der Karibik jedoch spielen dagegen in einer anderen Liga! Es ist immer wieder berührend, mit ansehen zu müssen, wie europäische Kollegen, die es durchaus zu etwas gebracht haben und daheim zum Teil ganze Unternehmungen leiten, wie dieselben Herren hier in vollkommener Ahnungslosigkeit diesen Mädchen auf den Leim gehen. Doch zum Zeitpunkt der Handlung war ich selber noch Lehrling. Mit dem Grundkauf hatte ich es nicht eilig. Heute war Samstag und gegen zehn Uhr machten Juan und ich uns wieder einmal auf den Weg in die Disco. Schon sehr bald hatte ich herausgefunden, daß sich hinten an der robusten Theke im Laufe des Abends die heiratswilligen Damen einfanden. Einige kannten mich schon, sie grüßten und plauderten mit mir. Auch die Göttin mit den Kippschaltern winkte herüber. An ihrem Tisch saß ein Knabe mit Brille und Pickeln im Gesicht. Ob sein Vater wohl wußte, was sein Sproß trieb?
Juan kannte sie alle. Einmal jedoch, als ich auf eine elegante Dame deutete, die sich in gewagter Abendgarderobe samt Hut mit vollendeter Grazie auf der Tanzfläche bewegte, grinste er mich an und bewegte seine Hände mit gekreuzten Armen in Brusthöhe. Zuerst verstand ich ihn nicht, schließlich lüftete er das Geheimnis dieser Lady: Es handelte sich doch tatsächlich um einen Transvestiten! Es gab deren drei, teilte mir Juan schmunzelnd mit. Perfekte Täuschung und das zwischen den harmlosen Touristen hier in Las Terrenas, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen.
Ich nahm einen kräftigen Schluck. Aus den Lautsprechern dröhnte Bachata, eine Musik, die sich auf dem Lande großer Beliebtheit erfreut und deren Texte sich ausschließlich dem Thema Nummer Eins widmen - und das eindeutig. Es war mir schon beim Merengue nicht ganz geheuer gewesen. Fast alle verwendeten Texte konnten zweideutig interpretiert werden und das ist auch die Absicht. Dem Normaltouristen bleiben diese Dinge verborgen - Gott sei Dank! Sollte je
and auf die wahnsinnige Idee kommen, diese Texte zu übersetzen und im Deutschen Rundfunk auszustrahlen, würde er damit wahrscheinlich eine Regierungskrise auslösen. Viele Mädchen kannten mich aber auch noch nicht und so ergab sich ein ständiges Kommen und Gehen. Juan nannte mir anschließend ihre Namen, Alter und Geburtsort. Das ist nicht unwichtig, denn viele dieser „Chicas“, so nennt man hier die Mädchen, kamen aus verschiedenen Teilen des Landes, zum Teil auch aus Santo Domingo. Sie alle versprechen sich hier das schnelle Geld. Ich habe im Laufe der Zeit viele solcher Mädchen kennengelernt. Die meisten von ihnen haben mit vierzehn oder fünfzehn ihr erstes Baby bekommen und wurden danach alleine gelassen. Es gibt unglaublich viele Kinder hier, doch fehlen in den allermeisten Fällen die Väter. Wenn eine junge Frau nicht in der Lage ist, ihren Mann zu halten, und immer, wenn etwas auseinander geht, ist es IHRE Schuld, genießt sie auch nicht mehr den Schutz ihrer elterlichen Familie. Wenn eine solche junge Frau und Mutter nun Arbeit sucht, bekommt sie etwa hundert Dollar im Monat. Dafür arbeitet sie zehn Stunden am Tag und das jeden Tag. Sollte sie einen Arzt brauchen, so muß sie das von ihrem Geld bestreiten. Im Normalfall wird sie von ihrem Dienstgeber natürlich auch noch sexuell mißbraucht. Geht sie dagegen gleich auf den Strich, macht sie dasselbe Geld in drei oder vier Tagen. Die Versuchung ist einfach viel zu groß. Im Idealfall hat sie ein paar Stammtouristen, die ihr einmal im Jahr zwei unbeschwerte Wochen schenken.
In Santo Domingo gibt es Stadtteile, in denen bis zu sechzigtausend (!) Menschen auf einem Quadratkilometer leben. Ihre Hütten wurden aus Kartons und Abfällen errichtet. Selbstverständlich werden für diese Rattenlöcher auch noch Mieten verlangt. Falls es länger regnet, schwimmt ihre Behausung den Rio Ozama hinunter. Wenn ein Paar intim werden möchte, steigt es in diesen Drecksfluß, um nicht beobachtet zu werden. Wen wundert es daher, daß hier Kinder schon mit Syphilis zur Welt kommen? Alles, was für diese Menschen anders ist, ist besser als das, was sie haben!
Begreifen Sie allmählich, warum wir Gringos so überaus attraktiv sind? Alles, was diese Mädchen möchten, ist ein wenig Sicherheit. Ob Sie ein herzeigbarer Mitvierziger sind mit Matura und Beamtenlaufbahn, das interessiert hier niemanden. Für sie sind wir alle Millionäre!
Wenn es mir gut ging und ich es mir leisten konnte, habe ich ihnen sogar etwas Geld geschenkt. Hin und wieder kam es auch vor, daß ich die eine oder andere mit zu mir nahm. Sie hatten keinen Freier gefunden diese Nacht und ihr Zuhause war weit weg, in El Limon oder El Naranjito beispielsweise. Diese Nächte verliefen nicht immer so, wie der Papst es gerne gesehen hätte, Jesus Christus jedoch wahrscheinlich schon. In meinen schlechten Zeiten und die gab es auch, waren SIE es, die mir zu essen gaben und mir weiterhalfen und nicht meine europäischen Freunde.
In der Disco jedoch lassen sie alle Schattenseiten des Lebens draußen. Hier versprühen sie beste Laune und tanzen nach den heißen Rhythmen. Ich habe Mädchen gesehen, die auf den Stuhllehnen Merengue tanzten. Ein junges Paar bewegte sich einmal vollkommen schwerelos nach den Klängen eines Salsa. Sie hielten sich an den Händen, schlüpften unter ihren Armen hindurch und drehten sich in- und umeinander. Das ganze vollführten sie allerdings auf sechs leeren Bierflaschen, die sie vorher auf die Tanzfläche deponiert hatten und das geschah um zwei Uhr in der Nacht, als niemand mehr nüchtern war.
Es war Hochsaison und viele Touristen besuchten die Diskotheken und die Bars. Überall im Dorf war etwas los und so beschlossen wir, eine kleine Rundreise anzutreten.
Die nächste Station nannte sich: „El Mambo“ und war eine kleine Bar hinter meiner Urmutter rechts vom Friedhof, auf der Straße nach Portillo und El Limon. Hier machten sechs Burschen Live-Musik. Sie spielten brasilianische Sambas, deren wilde Rhythmen sofort ein allergisches Zucken der unteren Extremitäten auslösten. Der kleine Garten war ebenso gut besucht wie das Innere des Lokals. Die Gäste und auch die Mädchen haben ein höheres Niveau. Etwas salopp formuliert, handelt es sich hier um eine akademische Partnervermittlung. In dieser Nacht fiel - wie so oft - das Licht aus und es wurden Kerzen verteilt. Die Musikanten mußten daher ohne Mikrophone und Verstärker weiterspielen. Sie beherrschten ihre Instrumente bravourös und bald tanzte ich ekstatisch nach den vibrierenden Klängen der Rasseln und der Bongos. Ich war wie in Trance. Eine junge blonde Frau drehte sich zu mir, schleuderte ihre Schuhe von den Füßen, warf anschließend ihre Bolerojacke in Richtung des Tisches, von dem sie aufgestanden war und jetzt ließen wir unserer Phantasie freien Lauf. Die sechs jungen Männer kamen von ihrer kleinen Bühne herunter und gruppierten sich um uns. Sie heizten uns gewaltig ein. Mein Denkvermögen war längst ausgeschaltet, es ging nur mehr darum, diese wahnsinnige Musik in Bewegung umzusetzen.
Vergessen Sie alle Tanzschulen! Wenn Sie tanzen lernen wollen, kommen Sie hierher, trinken Sie eine Flasche Rum, suchen sie sich ein Mädchen und legen Sie los!
Man soll die Feste verlassen, wenn sie am schönsten sind. Die nächste Station war das „Rock-Cafe.“ Ab drei Uhr früh trudeln hier alle Singles ein, allerdings nicht, um sich gegenseitig zu bejammern, sondern vielmehr, um diesem unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten. Hier spielen sie Blues, Rock und Country. Hin und wieder möchten wir auch mal was anderes hören als pausenlos Merengue und Bachata.
Juan war immer noch damit beschäftigt, mir die Namen der Chicas zu nennen, die da kamen, ihren Drink nahmen und wieder gingen. Jedesmal fügte er ihren Beruf an: „Puta!“
Irgendwann platzte mir schließlich der Kragen. „Sag mal, Juan! Gibt es in diesem gottverdammten Nest noch Mädchen, die KEINE Huren sind?“ Er machte eine lange Pause und dachte angestrengt nach. Den Satz, der nun folgte, werde ich wohl nie vergessen: „Doch, Pedro, die gibt es. Es sind nicht viele - nur ein paar. Wenn Du eine möchtest, mußt Du als Gringo allerdings mit vierhundert Pesos rechnen, ich als Dominikaner zahle nur hundertfünfzig.“
Eigentlich hatte er ja recht. Wo ist denn wirklich die Grenze? Haben wir denn nicht alle unseren Preis? Es hatte zu regnen begonnen, als wir uns endlich auf den Heimweg machten.
Wie so oft setzte ich mich trotz der späten Stunde noch in den mir lieb gewordenen Schaukelstuhl auf meine Terrasse. Ich hatte mir angewöhnt, vor dem Schlafengehen noch ein Gläschen Rum zu gönnen. Wie jede Nacht drehte auch diesmal wieder der Nachtwächter seine Runden. Sie arbeiteten in zwei Schichten, die nächtliche Ablöse fand immer um ein Uhr statt. Ich kannte Eladio schon seit meiner ersten Nacht und wie immer fragte er mich auch diesmal wieder, warum ich denn in Gottes Namen jede Nacht alleine wäre. Das sei nicht gut für einen Mann, er selber gehe schon auf die siebzig, doch hätte er neben seiner Ehefrau noch zwei Chicas zusätzlich.
Ich unterhielt mich gerne mit ihm, also schob ich meine Flasche in seine Richtung. Erst blickte er vorsichtig nach links und rechts, dann nahm er einen Schluck. Der Rum schien seinen Verstand zu schärfen, denn nach dem zweiten Schluck sah er mich treuherzig an und zog nun einen kühnen Schluß: Die einzige Erklärung für mein ungewöhnliches Verhalten sei meine Homosexualität! Danach bedankte er sich brav und begann seinen nächsten Rundgang.
„Na Prost!“ sagte ich laut zu mir: „Weit hast Du es gebracht!“ Mich überkamen schon Selbstzweifel. Vielleicht war wirklich nicht alles in Ordnung mit mir? Ich kippte den Rest der Flasche in mich hinein und ging schlafen.
Am folgenden Morgen wurde ich durch ein lautes Rumpeln an der Türe geweckt. Einer ersten Eingebung folgend stellte ich mich zunächst einmal taub. Schließlich bin ich ja nicht verpflichtet, aufzuwachen, nur weil irgendwer irgendwas von mir will.
„Policia - abrir la Puerta, por favor!“ Sofort war ich stocknüchtern. Was wollte die Polizei von mir? Ich rappelte mich hoch, griff nach dem nächsten Tuch und - notdürftig meine Peinlichkeiten bedeckend - öffnete ich die Türe um einen kleinen Spalt. Das gleißende Tageslicht blendete mich, so daß ich zuerst einmal gar nichts sah. Dann konnte ich im Gegenlicht einige Gestalten ausmachen. Ich kniff meine Augen zusammen und hob die rechte Hand an die Stirne. Im nächsten Moment brüllte die Horde los vor Lachen, stand ich Unglückswurm doch jetzt splitternackt in der Türe.
„Momentito!“ krächzte ich, schloß den Türspalt und kramte meine Badehose hinter der Theke hervor. Hatte ich mich getäuscht oder standen da tatsächlich einige Mädchen auf meiner Terrasse? Ich versuchte, mich zu konzentrieren, doch brachte ich das Geschehen nicht in Zusammenhang. Mein Freund Uwe, von dem später noch die Rede sein wird, hätte gemeint, ich bekäme es nicht in die Reihe.
Als ich dann endlich hinaustrat, wurde ich vom Polizeichef persönlich begrüßt. Er drückte mir die Hand und ich deutete auf einen Stuhl. Auf der steinernen Brüstung hatten inzwischen vier Chicas Platz genommen und kicherten. Meine bange Frage nach dem Grund seines unerwarteten Besuches quittierte er mit dem schon bekannten: „No problemo, Pedro!“
Ich öffnete meinen kleinen Kühlschrank und bot ihm und den Mädchen Erfrischungen an. Nach dem ersten Schluck Cola klärte er mich dann auf: „Diese Mädchen wollten Dich besuchen, Pedro. Sie meinten, daß reifere Männer erst in den Morgenstunden in Fahrt kämen. Du weißt schon, was ich meine, oder? Also habe ich sie hierher gebracht. Mach ihnen also die Freude und such Dir jetzt bitte eine aus!“
Ich hab den falschen Raumgleiter erwischt und bin aus Versehen auf dem Planeten der Affen gelandet. So oder so ähnlich empfand ich damals. Auf dem Weg zu meinem Refugium stand der Polizei-Jeep mit rotierendem Blaulicht. Das müssen Sie sich doch bitte mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Chef der Polizei bringt Ihnen am heiligen Sonntag vormittag, wenn die braven Bürger bei uns den Kirchgang antreten, vier zuckersüße Freudenmädchen mal eben mit der Bullenschaukel vorbei!
Das mit den Morgenstunden mag ja durchaus stimmen, doch gibt es ein paar Dinge, die müssen sich einfach ergeben, die kann man nicht auf Wunsch oder aus Gefälligkeit anderer mal so nebenbei erledigen. Spontaneität heißt das Zauberwort für Spiele dieser Art. Also selbst, wenn ich gewollt hätte, es wäre nicht gut gegangen. Sicherheitshalber fragte ich den „Capitan“, ob er mich einsperren würde, wenn ich von diesem Angebot keinen Gebrauch machen würde. Er lachte und stand auf.
„Vive Tu Vida, no la Mia!“ meinte er, gab mir die Hand, winkte den Mädchen zu und kurz darauf war der Spuk verschwunden.
„Lebe Dein Leben, aber nicht meines!“ Diese Weisheit hatte ich schon irgendwo gelesen. Es dürfte auf der Windschutzscheibe eines Wagens gewesen sein. Ich dachte lange Zeit darüber nach. Ich hatte das bestimmte Gefühl, daß es nicht abwertend gemeint war. Es war nichts weiter wie die Aufforderung, meinen Weg zu gehen. Wenn wir zu Hause von Toleranz reden, so meinen wir in erster Linie doch jene Toleranz, die wir von anderen erwarten und nicht die, welche wir zu geben bereit sind. Genau genommen bedeutet Toleranz doch eigentlich, daß ich dem Anderen nicht gleich den Schädel einschlage. Von der Akzeptanz der Andersartigkeit ist das kilometerweit entfernt.
Dieser Spruch hier kam dem schon wesentlich näher. Gedankenverloren hatte ich mich auf den Weg gemacht. Ich ging den gleichen Weg am Strand entlang wie am ersten Morgen. Die Palme, auf der ich damals Platz genommen hatte, lag unverändert an der gleichen Stelle und ich unterbrach meine Wanderung.
Wieviel Zeit war inzwischen vergangen? Ein paar Wochen, die mir wie Jahre erschienen. Das Leben ist intensiver, in drei Tagen können Sie hier mehr erleben als zu Hause in drei Wochen.
Da fällt mir ein, daß ich Ihnen noch die Geschichte des freundlichen, älteren Herrn schuldig geblieben bin, der mir hier begegnet war. Ein paar Tage später trafen wir uns an der Cantina Mexicana. Ich mußte ihn gar nicht unter Alkohol setzen, im Gegenteil. Es war sein letzter Abend und morgen würde er die Heimreise antreten. Also lud er mich ein, seine restlichen Pesos auszugeben. Es gibt Wünsche, denen ich gerne entspreche, man hilft ja schließlich, wo man kann!
Es ist mir unangenehm, Leute auszufragen, also erzählte ich ihm zunächst etwas über mich. Wo man wohnt, was man so treibt und was man schon alles gesehen hat von dieser Welt.
Der Köder war gelegt und der erwünschte Animationseffekt zeigte auch bald darauf Wirkung. Er habe zwar alles, doch er besäße nichts, orakelte er. Ich schaute wohl ein wenig dumm aus der Wäsche, denn er lachte und präzisierte: „Sehen Sie, ich habe in Niederösterreich eine Diskothek. Die hat jede Nacht geöffnet. Zwanzig Meter neben unserem Rathaus habe ich ein gutbürgerliches Restaurant. Das hat jeden Tag geöffnet. Umsätze machen ist kein Problem, doch Gewinne, das ist schon ein wenig schwieriger. Damit das Finanzamt mir nicht alles wieder abnimmt, habe ich mich von meiner Frau scheiden lassen und ihr alles überschrieben. Dann hat sie mich in meinem eigenen Restaurant als Kellner angestellt. Laut Vertrag bezog ich damals sechzigtausend Schilling. Diesen stolzen Betrag konnte sie sich nur für drei Monate leisten, dann wurde ich gekündigt. In diesem Jahr war sie buchhalterisch von der Einkommenssteuer befreit und ich stellte den Antrag auf Arbeitslosenunterstützung. Den Rest der achtzig Prozent meines letzten Gehaltes verjubeln wir gerade. - Prost!“ Er flog zweimal im Jahr in die Karibik. „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ beendete der frustrierte Zeitgenosse seine Geschichte.
Ich hatte zwar keine Bildungsreise gebucht, doch man lernt auch so nie aus. Übrigens wurde dieser nette Herr von einem jungen Deutschen noch übertroffen. Dieser lebte nämlich von der Kinderbeihilfe. Wo er allerdings seinen Nachwuchs gezeugt hatte, das konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Kapitel 6