Die Reise ans Ende der Welt

Man hatte meinem Wunsch nach einem Fensterplatz in der Raucher­zone der DC 10 entsprochen. Hier oben in über zehn­tausend Meter Höhe sah ich auf die Wolken hinunter. Der Aufenthalt in Madrid war angenehm kurz gewe­sen, es hatte gerade für ein kleines Glas Bier gereicht. Draußen über dem Atlantik wurde es Nacht. Sieben­einhalb Stunden bis Santo Domingo! Kolum­bus hatte damals rund drei Monate benötigt. Immerhin hatte der jedoch mehr Auslauf als ich.

Ursprünglich wollte ich ja nach Mexiko, das hatte ich in angenehmer Erinnerung, obwohl schon weit über zwanzig Jahre vergangen waren seit damals. Leider gab es aber im Moment keinen schnellen Flieger dorthin. Na, jedenfalls flog ich in die gleiche Richtung, und Spanisch sprechen sie auch dort, in der República Dominicana. Mein Reisebüro hatte zwei Desti­nationen in diesem Land, auf einem der Prospekte hatte ein Schelm fol­gen­den Satz vermerkt: „Wenn Sie ein Hotel suchen mit Animateuren etc., dann wählen Sie besser etwas anderes!“ Dieser Satz gefiel mir. Eigentlich war er der Grund, warum ich mir Las Terrenas, ein kleines Fischerdorf aus­­­gesucht hatte, in dem es kaum Touristen geben sollte, da es vom inter­nationalen Flughafen in Santo Domingo über drei Autostunden entfernt sei. „Punta Bonita,“ so verkündete der kopierte Prospekt, sei direkt am Strand gelegen und biete Ruhe und Erholung für den gestreßten Gast. Ich war schon mächtig neugierig, denn ein Stück Papier ist eine Sache und die Realität sehr oft eine andere. Dies gilt insbesondere in den Ländern der dritten Welt.

Da es sich um einen Linienflug handelte, waren nicht alle Plätze belegt, so daß ich den Vorteil hatte, den Nebensitz mitbenutzen zu können. Nach dem Essen und dem ersten Film verteilten die Stewardessen die Utensilien für die Nacht: eine Decke, Kopfpolster, Pantoffeln und dergleichen Dinge mehr. Eine kleine blaue Schachtel erregte meine Neugier, stand doch mit gelber Schrift deut­lich lesbar „Unisex“ darauf. Ich erschrak zunächst ein wenig und versteckte es erst einmal in die große Tasche meines Vorder­sitzes. Als dann später der Nacht­film lief, verschwand ich mit dem Corpus Delicti in Richtung WC. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß die nationale Fluggesellschaft eines so katholischen Landes wie Spanien den Bedürfnissen ihrer Klienten so erfreulich offen ent­gegenkam. Eine Minute später war die Welt denn auch wieder in Ordnung: Es handelte sich ledig­lich um einen Kamm für das Haupthaar. So ist das eben mit den fremden Sprachen!

Draußen war es sternenklar, vor wenigen Nächten hatten wir Vollmond gehabt. Die mächtige Maschine wurde von seinem geisterhaften Licht erfaßt. Ich erinnerte mich an damals, als ich in der Sahara übernachten muß­te, weil ein Lager meiner Lichtmaschine verglüht war. Stunden vor­her hatte ich einen Sandsturm durchqueren müssen, was zwar gelungen war, doch hatten Sand und Lagerfett eine unheilvolle Mischung gebildet. In dieser Nacht hatte ich zum erstenmal begriffen, daß wir auf einer Kugel leben. Der Horizont rundum war hell, die Erde wurde von unten an­ge­strahlt. Es war wie am Tage, nur die Farben fehlten. Diese Nacht hier war ähnlich, die Turbinen warfen sogar Schatten an die Tragfläche. Draußen mußte eine sibirische Kälte herrschen.

Ich stand auf, ging die paar Meter zur Küche und erstand noch eine Dose Bier. Ich hatte mir rechtzeitig kleine Dollarnoten zugelegt, also fiel das Lächeln der attraktiven Stewardeß entsprechend lieblich aus. Irgendwann wird auch Dein Märchenprinz vorbeikommen, Dich aus dieser Maschine herausholen und über einen kleinen Umweg landest Du an seinem Herd. Ob Du dann auch noch so lächeln wirst? dachte ich. Sie schien Gedanken lesen zu können, denn sie hauchte ein „Muchas Gracias, Señor!“
Je länger die Reise dauerte, desto besser kam ich in Stimmung. Vorbei waren die heißen Wallungen, der Ärger mit dem Gebrauchtwagenhändler etwa, der mich beauf­tragt hatte, nachzuweisen, daß seine Vorfahren einem alten Adelsgeschlecht ent­stammten. Es war denn auch so, wie ich es ihm schon vorher gesagt hatte, es war nichts mit altem Adel, es waren Strauch­diebe, Wegelagerer und Schweinehirten. Doch wenigstens halb­wegs an­stän­­dige Leute, gemessen an ihrem heute lebenden Urenkel. Dieser wollte nämlich, aus Enttäuschung über seine Altvordern, meine vorher fix ausgemachte und von ihm bestätigte Honorarnote nicht zur Gänze be­glei­chen. Nie wieder werde ich mich mit diesen primitiven Neureichen aus­­einan­dersetzen, das habe ich mir geschworen.

Oder dann dieses Mädchen! Was hab ich nicht alles auf mich genommen, nur um sie wieder einmal zu treffen?! Es war längst alles abgesprochen, das Appartement reserviert, sogar neue Winterreifen habe ich montieren lassen. Alles umsonst, sie habe da einen Wahnsinnstypen kennengelernt, der ein ideales Medium auf dem Wege ihrer „Selbstverwirklichung“ sei. Sind Sie bitte mal ehrlich: Ich bin doch wohl nicht ganz dicht, oder?

Man sagt, daß man vor seinen Problemen nicht davonlaufen könne, daß diese einen immer wieder einholen würden - nun, im Moment hatte ich genau das gegenteilige Gefühl und es schien sich mit jedem weiteren Kilo­meter noch zu verstärken.

Es müßte doch langsam der Morgen anbrechen, überlegte ich, es kann doch un­möglich eine so lange Nacht geben. Dann erinnerte ich mich, daß die Landung gegen halb neun Uhr Abends vorgesehen war, was bedeutete, daß wir in Santo Domingo gerade zum Abendessen zurechtkommen wür­den. Wie lange dauerte es denn noch? Ich sah auf meine Uhr: Knapp zwei Stun­den. Na, das sitze ich doch auf einer Backe ab! In die­sem Moment wurde die Beleuchtung eingeschaltet, denn das Frühstück mußte noch serviert werden. Der Kaffee war schwarz und heiß, so wie es die Araber gerne haben. Die Stewardeß lächelte wie immer und fragte, ob ich Zucker möchte. Ich verneinte mit der Bemerkung: „Danke, ich bin selber süß!“ Die kleine Braut fiel fast um vor Lachen. Mir jedoch blieb die Semmel im Halse stecken, dachte ich doch, diese Spanierin spricht Spanisch, viel­leicht noch Eng­lisch, aber doch auf gar keinen Fall Deutsch. Ja, so ist das eben mit den fremden Sprachen!

Kurz darauf überflogen wir ein unendliches Lichtermeer. Diese Stadt muß­­te gewaltige Dimensionen haben. Nach einer engen Linkskehre über den Wassern des karibischen Meeres und gleichzeitigem starkem Höhen­abfall setzte die Maschine tadellos auf. Nie werde ich verstehen, warum es Menschen gibt, die in diesem Moment applaudieren. Es dürfte mit Er­leich­­­­­terung zu tun haben, sicher­lich ein Relikt aus jener Zeit, als wir noch auf den Bäumen hockten. Der Pilot, durch dieses Lob offenbar in seiner Mei­­­nung bestätigt, daß Fliegen doch eine Kunst sei, bedankte sich, in­dem er noch einmal kurz abhob, um sofort da­nach wiederum auf­zu­setzen. Nun brüllte die Meute: „Olé!“ Ich bin im falschen Film, dachte ich im ersten Moment, als die Verzögerung voll einsetzte. Klarer Fall: Der Pilot hatte die Handbremse gezogen, weil durch seine Spielerei die Roll­bahn kürzer geworden war.

Die Mitreisenden dürften alle geschäftlich unterwegs gewesen sein, denn sofort wurden die Handgepäcksfächer geöffnet und geleert. Nach den vie­len Stunden des Wartens setzte nun die altgewohnte Hektik ein. Die Ma­schine war noch nicht einmal zum Stillstand gekommen, da standen sie schon wieder in langen Reihen hintereinander.

„Las Américas“, der internationale Flughafen San­to Domingos ist nicht klimati­siert, daher trifft den Ankommenden die ungewohnte Hitze wie ein Keulenschlag. Die Luftfeuchtigkeit war trotz der fortgeschrittenen Stunde mit der eines Treib­hauses zu vergleichen. Um so erstaunter war ich denn auch über die Polizisten und Militärpersonen, die tadellos gekleidet und mit geschlossenen Knöpfen in ihren bunten Uniformen neugierig die Rei­sen­den betrachteten. Mein Gott: Waren das prächtige Menschen, schoko­ladenbraun, mit ausdrucksvollen Augen und blendend weißen Zähnen! Die Art, wie sie sich bewegten, strahlte eine ungeheure Selbst­sicherheit aus. Ich hatte den Ein­druck, selbst ihr Gang war ein Tanz. Sie legten offen­sichtlich sehr großen Wert auf ihre äußere Erscheinung.

„Bienvenido!“ Mit einem Schlag wurde der Stempel in meinen Paß geknallt. Jetzt mußte ich nur noch meinen Koffer finden, dachte ich. Wie bestellt trat der nächste Beamte auf mich zu, deutete auf die Legitimation an seiner Jacke, nahm mich bei der Hand und führte mich in eine riesige Halle, an deren rechter Seite ein ungeord­neter Haufen von Gepäckstücken darauf wartete, abgeholt zu werden. Ich wies mit dem Fuß auf meinen großen Metallkoffer, den ich immer auf meinen Reisen mitnehme. Mein Begleiter nahm ihn auf und legte ihn etwa sechs Meter weiter auf eine Art Theke. Dann drehte er sich um, streckte seine rechte Hand in meine Rich­tung und meinte wörtlich: „Ten Dollars, Sir!“
Nun bin ich jemand, dem man nachsagt, ein weites Herz zu haben und überhaupt gehe ich nach Möglichkeit irgendwelchen Auseinander­setzun­gen am liebsten aus dem Wege, doch irgendwo ist alles endlich. Ich hielt dem Manne daher einen Dollar unter die Nase - immerhin der Gegenwert einer Dose Bier, dachte ich. Es folgte ein lautes Gezeter in einer Sprache, die mir bis jetzt unbekannt war. Also legte ich noch einen Dollar nach, das Gejammer wurde nur noch lauter. Daraufhin schob ich den Träger sanft beiseite, nahm meinen Koffer vom Tisch und rollte ihn an einigen verdutzten Phantasie­uniformträgern vorbei zum Ausgang. Schließlich mußte ich ja noch den Fahrer treffen, der mich in meine ferne Unterkunft bringen sollte.

Hier draußen, auf der überdachten Rampe, war die Hölle los. Es wimmelte von Menschen und jeder von ihnen fand und findet immer irgendeinen Grund, mit den „Gringos“, wie sie alle weißen Ausländer bezeichnen, in Kontakt zu treten und sich ein paar Pesos zu verdienen. Kaum hatte ich den Koffer draußen hingestellt, wurde er mir ein zweites Mal davon­getragen. Sinnlos, in diesem Lärm irgend­welche Erklärungen abgeben zu wollen. Der gute Mann warf ihn in den Koffer­raum seines Amerikaners, band darauf den Deckel mit einer Schnur zu, öffnete die Beifahrertüre und fragte nach dem Ziel. „Las Terrenas“ sagte ich, „aber gratis!“ Bei dem letzten Wort schaute er mich ganz eigenartig an und machte mir einen Sonderpreis von zweitausend Pesos. Ich kramte in meinen Papieren, fand schließlich mein Reisedokument und konnte den Taxifahrer doch noch davon überzeugen, daß er voreilig gehandelt hatte. Zurück trug ich mei­nen Koffer dann selbst. Der Schweiß lief in kleinen Bächen an mir herun­ter. Wieder auf der Rampe angekommen, setzte ich mich und war­tete auf den Chauffeur. An einem Schild mit dem Namen des Reise­ver­anstalters sollte ich ihn erkennen, so hatte man mir versichert. Doch der ließ auf sich warten.

An seiner Statt näherte sich mir ein unverkennbar weibliches Wesen. Selbst die chinesische Bildersprache hätte nicht ausgereicht, dieses Mäd­chen zu beschrei­ben, daher im folgenden nur ein schwacher Versuch: Eine Haut wie poliertes Mahagoni, langes schwarzes Haar, welches zu vielen Zöpfchen verflochten war, glutvoll strahlende Augen und zwei Reihen perl­­weißer Zähne. Bekleidet war sie mit einem Höschen, das diese Bezeich­nung eigentlich nicht verdiente und das Oberteil war etwas Bun­tes, das im weitesten Sinne an Hosenträger erinnerte. Das Erstaun­lichste an dieser Erscheinung war indessen etwas, das ich hier am aller­wenigsten erwartet hätte: Dieses bezaubernde Wesen trug nämlich hohe weiße Pelzstiefel, die so gar nicht zur übrigen Ausstattung paßten.

Zu meinem größten Entsetzen schien diese Prinzessin nur auf mich ge­war­tet zu haben, denn sie näherte sich mit einem gewinnenden Lächeln und einem Hüft­schwung, dessen Betrachtung alleine eine eigene Beichte Wert gewesen wäre. Schnell schaute ich nach links und rechts, ob es viel­leicht jemanden gab, der mich möglicherweise kannte. Das war zwar nicht der Fall, doch blieb ein beklem­mendes Gefühl, Teil meiner christ­lichen Er­zie­hung, die abzulegen eine Genera­tion nicht ausreicht. In meiner Ver­klem­­mung jedenfalls hatte ich einen Ausweg aus dieser Situa­tion gefun­den: Mit der Rechten deutete ich auf ihre Stiefel und setzte gleichzeitig ein Fragezeichen in meine Mimik. Daraufhin blickte sie mich an, wie jeman­den, der so daneben ist, daß er eigentlich bevormundet gehört, hob eines ihrer grazilen Beinchen in die Höhe und meinte augenrollend: "Claro, es Invierno!“ Was über­setzt soviel bedeu­tet, wie, es sei klarerweise Win­ter!

Ich hatte Mühe, nicht vom Koffer zu kippen und dachte, wie dieses Mäd­chen wohl unseren Winter in Europa nennen würde. In diesem Moment allerdings wurde unser kleines Tête à Tête rüde unterbrochen. Es näherte sich nämlich ein dunkelblauer Chevrolet, dessen Baujahr irgendwann in den frühen 50-er Jahren gewesen sein mußte, genau genommen war es nur mehr der Rest eines Automobils: So fehlten beispielsweise die Motorhaube und das Dach. Der hintere Deckel jedoch war noch vorhanden, er war mit einer Schnur an einem der rückwärtigen Fenster­rahmen hochgebunden. Der so frei gelegte Kofferraum wurde von zwei riesigen Lautsprechern ge­füllt und was aus diesen Lautsprechern dröhnte, würde ein ungeschultes Ohr lediglich als unerträglichen Lärm bezeichnen.

Der Ken­ner jedoch weiß: es ist „Merengue“, eine Musikform, deren Ursprung bis heute nicht restlos geklärt werden konnte. Nie zuvor hatte ich eine derartige Musik gehört, in Europa jedenfalls würde so etwas gegen alle Normen verstoßen. Na, dachte ich, bis zum nächsten Ordnungshüter wird es wohl nicht weit sein, und dann ist's aus mit der Ruhestörung! Als hätte ich es geahnt, wur­den die sechs jungen Burschen im nächsten Moment von einem bewaff­neten Polizisten mit brauner Uniform und einem weißen runden Helm ge­stoppt. Nach einem kurzen verbalen Schlagab­tausch stieg ein Beifahrer nach hinten, um dem Exekutivbeamten Platz zu machen. Mit hervorquel­lenden Augen sah ich, wie der Fahrer dem neuen Fahrgast zur Begrüßung eine halb geleerte Flasche Rum entgegenstreckte. Dann gab er Gas und der Spuk war verschwunden. Nur das „Dum - Dum - Dum“ der Laut­sprecher lag noch zehn Blocks weiter in der Luft.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mir heimlich in den linken Arm zwickte, nur um sicher zu gehen, daß ich das hier nicht alles nur träumte. Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit. Plötzlich hielt mir ein baumlanger Kerl einen riesigen Zettel direkt vor die Nase. Mein Instinkt wollte mich gerade vor einer unüberlegten Handlung warnen, als ich begriff: das war mein Mann! Ich nickte erleichtert mit dem Kopf und erhob mich. Der Riese schüttelte meine Hand und legte ein breites Grinsen auf. Er war ebenfalls froh, mich endlich gefunden zu haben, schließlich waren über zwei Stun­den seit der Landung vergangen. Außer mir gab es noch ein junges Pärchen, das längst im Fond des Kleinbusses lag und schlief. Also setzte ich mich neben den Fahrer und suchte nach dem Gurt. Tony, so hatte der Mann sich vorgestellt, überzeugte sich, daß meine Tür verriegelt war und ab ging die Post. Gurte gibt's hier, wenn überhaupt, offenbar nur gegen Aufpreis und ich saß in der Standard­versi
n. Die Windschutzscheibe war im oberen und im unteren Drittel mit einer Sonnenschutzfolie abgedeckt.

Wir schauten also durch einen Seh­schlitz im Cinemascope - Format. Zu allem Überfluß war die Scheibe ge­sprungen: Um ein kleines Einschuss­loch hatte sich ein Spinnennetz von Bruch­linien gebildet. Ohne diese Folien wären wir wahrscheinlich im Freien gesessen. Ich hatte das ungute Gefühl, daß der Sicherheitsaspekt in Sachen Verkehr unter „ferner liefen“ eingestuft wurde. Wir begegneten den abenteuerlichsten Fort­bewegungs­mitteln. Der gesamte Schrotthaufen Ame­rikas schien hierher verschifft worden zu sein: Wagen mit oder ohne Beleuchtung, mit oder ohne Wind­schutz­­­scheiben, Türen oder Stoßstangen, große Lastwagen mit versetzten Achsen kamen mir zu Gesicht, Busse gar, die in der Mitte durch­ge­bro­chen, doch mit Menschen vollgestopft waren, bewegten sich mit absoluter Selbstverständlichkeit durch den abend­lichen Verkehr.

Mein Chauffeur schien die verloren gegangene Zeit durch über­höhte Geschwin­digkeit aufholen zu wollen. Sein Fahrstil war am ehesten mit Riesen­slalom bei olympischen Winterspielen zu vergleichen. Nach wel­chen Verkehrs­regeln wurde hier eigentlich gefahren? Mir fielen die Ver­kehrs­­­­­­polizisten mit ihren weißen Tropenhelmen auf, die jeweils in der Mitte der Straßenkreu­zungen das Chaos noch verstärkten, indem sie wild mit den Armen ruderten, pausen­los ihre Trillerpfeifen betätigten und gleich­­zeitig Merengue tanzten. An diesen Kreuzungen wurde von Stra­ßen­­­­­­händlern alles an­geboten, was irgendwie käuflich war: Nicht nur kühle Getränke oder gegrillte Hähnchen, nicht nur Zigaret­ten, Obst oder mo­dische Accessoires, nein, selbst so nützliche Sachen für den täglichen Be­darf wie Radzier­kappen oder komplette Fernsehantennen konn­ten hier er­wor­ben werden. Viele dieser Dinge waren vermutlich so frisch gestoh­len, daß ihre Vorbesit­zer ihren Verlust noch gar nicht bemerkt hatten.

Die heruntergelassenen Fenster sorgten für angenehme Frischluft. Dafür nahmen wir gerne das pausenlose Gehupe aller am Verkehr Beteiligten in Kauf. Jahre später habe ich einmal ein Taxi benutzt, welches ständig hupte. Der Lärm konnte nur dadurch abgestellt werden, indem man die Vorrich­tung für die Hupe benutzte, eine Art Umkehrschaltung also!
Um diesen Verkehrslärm zu übertönen, schaltete mein neuer Freund und Weg­gefährte das Kassettengerät ein. Der Wagen mußte zumindest über einen zweiten Generator verfügen, denn was ich nun vernahm, ließ mei­nen Verstand stillstehen. Zumindest ein Drittel des zulässigen Gesamt­­ge­wichts dürften allein die Laut­sprecher für sich in Anspruch genommen ha­ben. Wenn ich den Text des Liedchens richtig verstanden hatte, so wünschte sich jemand Stockfisch zum Essen und ein Kna­benchor wieder­holte ständig diesen per­versen Wunsch. Stellen Sie sich doch bitte einmal vor, Sie sitzen da mit Ihrem Gepäck nach über zwanzig Reisestunden in einer Fahrzeugruine, einem offensichtlich Geistes­ge­störten ausgeliefert und mit ungehinderten zweitausend Watt vernehmen Sie zu allem Über­fluß: „Dame Bacalao!“ Sollte Johnny Weissmüller in Bermudashorts, mit der linken Hand die Liane haltend und mit der rechten sich auf die Brust trommelnd, an der nächsten Straßenkreuzung an meinem Fenster vorüber geschwebt sein, ich hätte es für die normalste Sache der Welt gehalten. Mein hilfloses Lächeln nahm Tony zum Anlaß, die Lautstärke noch um einiges zu erhöhen. Mit gespiel­tem Bedauern deutete ich auf das hinter uns schlafende Paar, worauf er gönnerhaft den Lärm wieder in seine do­mi­­­ni­ka­nische Normalstellung zurückdrehte.

Irgend etwas schien Tony mir mitteilen zu wollen, doch ich schaute ihn nur ratlos an. „Please put in Your right elbow, Sir!“ brach es schließlich aus ihm heraus. Ich verstand noch immer nicht. Da nahm er meinen rech­ten Arm, den ich auf das geöffnete Fenster gelegt hatte, herein und gesti­kulierte mir, daß die Fahrzeuglen­ker hinter uns meinen könnten, daß wir rechts abzubiegen wünschten. Auf diesen Gedanken wäre ich aller­dings wohl nie gekommen, doch langsam wurde mir klar: Hier ist alles anders!

Mittlerweile hatten wir die „Carretera Duarte“, die nördliche Ausfall­stra­ße Santo Domingos erreicht. Zügig ging die Fahrt dahin. Um diese Stunde gab es so gut wie keinen Überlandverkehr mehr. Zur linken bemerkte ich nach einiger Zeit in der Ferne ein großes Gebirge. Das mußten die zen­tra­len Cordilleren sein. Es gibt dort Berge von dreitausend Metern, angeblich die höchsten Punkte in der gesam­ten Karibik. Nach einer Stunde verließen wir die Hauptstraße und bogen rechts ab. Die Route führte durch einige Ort­schaften, deren sämtliche Einwohner auf den Beinen waren. Alles Leben spielte sich an der Straße ab. Sehen und gesehen werden, das dürfte die Parole sein. Kinder, noch keinen Meter groß, tappten durch die tiefen Regenrinnen, welche die Straßen links und rechts begrenzten. Häßliche Köter überquerten die Fahrbahn, ohne nach links oder rechts zu schauen. Sie schienen von ihrem Vorrang überzeugt zu sein. Viele dieser Orte wa­ren noch nicht an das öffentliche Stromnetz ange­schlossen. Die Petro­le­um­lampen waren mir ohnehin sympathischer, sie strahlten mehr Ge­bor­gen­heit aus. Sofort fiel mir ein, wie ungerecht ich eigentlich war: Sollte mei­ne Unter­kunft über keine elektrische Energie verfügen, würde ich mich maßlos aufregen, aber diesen armen Menschen hier am Land wünsch­te ich noch die verklärte Romantik vergangener Zeiten. Hatten sie nicht auch Anspruch auf ein wenig mehr von dem, was wir zu Hause im Überfluß haben? Ich beschloß, diesen Fragen nicht auszuweichen und nahm mir vor, später in aller Ruhe darüber nach­zu­denken.

Wir durchfuhren eine weite Ebene. Ich sah Bäume, deren Äste eine große gleichmäßige Glocke bildeten. So also schaut ein Baum aus, wenn man ihn nur wachsen läßt. Die helle Nacht hatte einen eigentümlichen Reiz. Der Himmel war übersät mit Sternen. Wieso, schoß es mir durch den Kopf, können wir zu Hause einen solch klaren Nachthimmel nicht mehr genie­ßen? Was machen wir denn alles falsch? Oder gibt es ihn am Ende gar nicht mehr?

Ich lehnte mich zurück. Allmählich spürte ich die Strapazen dieser Reise, ich wollte nur mehr schlafen. Wie wohl mein Bett aussähe, überlegte ich. Doch je länger die Fahrt dauerte, desto belangloser wurde diese Frage. Eine Scheune mit Stroh oder eine Hängematte tun's auch. Die Müdigkeit macht anspruchslos.

Das Nächste, was ich bemerkte, war, daß wir standen. Tony hatte den Motor ab­gestellt. Diese Stadt dürfte größer sein als die vielen kleinen Dör­fer, durch die wir gefahren waren. Am Ziel waren wir jedenfalls nicht, das stand fest. Vielleicht wollte Tony nur mal Wasser lassen oder sich kurz die Beine vertreten. Ich fragte ihn also. Der Grund für die Unter­brechung war unangenehmer als ich dachte. „Mácina caputt!“ Damit war alles gesagt. Warum sollten wir es denn auch ein­fach haben? „Du kriegst nicht immer das, was Du willst, doch immer das, was Du brauchst!“ fiel mir Hermann Hesses Steppenwolf ein. Ich verdrängte meine wahren Ge­fühle und versuchte, dieser Situation so etwas wie Humor abzugewin­nen. Doch es kam keine rechte Freude auf.

Unser unfreiwilliger Halt war nicht unbemerkt geblieben. Bald erschienen zwei Burschen mit ihren Motorrädern. Es waren „Moto Conchos“, Taxi­fahrer auf zwei Rädern, die natürlich auch jede Gelegenheit benutzen, um ein paar Pesos zu machen. Tony redete wortgewaltig auf die beiden ein. Dann machten sich diese auf den Weg. Ich solle mir keine Sorgen machen, erklärte Tony, es gäbe keinen Dominikaner ohne Freunde und Freun­­­de sind immer da, wenn man sie braucht. Tatsächlich, nur etwa eine Vier­telstunde später erschien ein Pick Up mit einer Doppelkabine. Es folgte ein Wortschwall, den zu verstehen ich mir keine Mühe gab - ich war sicher, selbst mein Spanischlehrer hätte das Handtuch geworfen. Das Ergeb­nis dieses Palavers war beunruhigend: Der Wagen entfernte sich mit quiet­schenden Reifen. Fragend schaute ich Tony an. „Demasiado Caro!“ - „Zu teuer“ sagte er.
„Moment mal!“ Ich zog eine Handvoll Dollars aus meiner Hosentasche und hielt sie Tony hin. Wir werden doch nicht mitten in der Nacht hier Preisvergleiche ab­halten oder gar zu handeln anfangen, ich wollte nur ins Bett, egal, wieviel Dollars das kostet. Das sei eine innerdominikanische Ange­legenheit, erklärte mir Tony, er wünsche darüber keine Diskussion, son­dern bat um Geduld, Vertrauen und um eine Zigarette. Warum mache ich mir das Leben selbst schwer? dachte ich. Warum kann ich nicht eben­so unbe­rührt von diesen lächerlichen Sachzwängen mich auf die hintere Sitzbank legen und den Herrgott einen guten Mann sein las­sen? Ich hatte schließlich bezahlt, sollten die doch sehen, wie sie mit ihren Pro­blemen fertig werden. Langsam begann ich das schlafende Pärchen zu beneiden.

Doch, was soll's! Man ist wie man ist. Nach einiger Zeit kam einer der beiden Moto Conchos zurück und nach kurzem Wortwechsel wandte sich Tony zu mir. „Momentito, por favor“, meinte er, setzte sich hinten auf die Maschine und ent­schwand meinen Blicken.
Warum, so sinnierte ich, enden fast alle Geschichten mit einem Happy End - und wieso gerade diese nicht? Was würde denn schon passieren, wenn Tony nach Hause fährt und sich einfach in sein Bett legt? Was wußte ich denn schon über Ihn? Nicht einmal seinen Namen.

Wie langsam Zeit vergehen kann, erfährt man am besten, indem man auf etwas wartet, ohne genau zu wissen, auf was. Ich durfte hier auf keinen Fall einschlafen, nahm ich mir vor und ging pausenlos auf und ab. Heute wer­de ich wohl nicht mehr ankommen, schoß es mir durch den Kopf, aber auf eigene Faust weiter? Noch dazu mit dem Riesenkoffer? Ich wußte ja nicht einmal genau die Richtung. Meine Unbeholfenheit machte mich wütend. Ich erkannte, daß ich auf Tony angewiesen war.

Wieviel Zeit vergangen war, konnte ich nicht sagen, als sich ein Wagen mit Pritsche näherte und provokant dicht vor mir stehenblieb. Ein breit grin­sender Tony forderte zum Umladen auf. In weniger als einer Minute hatten wir das Fahrzeug gewechselt. Das kurz aufgeweckte Pärchen mur­melte etwas Unverständ­liches und schlief auf der hinteren Sitzbank sofort wieder ein. Wir hatten nun einen Mann mehr an Bord. Der Besitzer fuhr seinen Wagen selbst, mein Tony saß im Beifahrersitz und ich Trottel zwischen den beiden auf einer kleinen Ablage, den Kopf etwas eingezogen und mit verkrampftem Hintern. Wie heißt es doch so treffend? „Schlecht gefahren ist besser als gut gelaufen!“ Ich pfeife auf diese Sprüche und mußte innerlich doch lachen.

Plötzlich ging es rechtwinklig nach links und dann steil hinauf. Hilflos ru­der­te ich mit meinen Armen in der Luft herum und versuchte, mich ir­gend­wo abzustützen, doch es gab nur das Armaturenbrett. Da - um Gottes Willen: Mit­ten auf der engen und kurvigen Straße waren zwei Pferde ge­rade dabei, Nachwuchs zu zeugen! Der Fahrer zog hörbar die Atemluft ein, machte einen kurzen Schlenker und die Pferde erschienen im Rück­spiegel. Meine unbequeme Haltung war mir egal, vergessen war der ganze Ärger, wir hatten überlebt, das war das Wichtigste!
Tony schien ähnlich empfunden zu haben, er steckte sich eine Zigarette an. Es war das erste Mal, daß er eine eigene benutzte.
Der nächste Ort lag wie ausgestorben. Es brannte kein Licht. Wir ver­lie­ßen die asphaltierte Straße und bogen nach links in eine Lehmgrube. Eine bessere Bezeich­nung hatte dieser Weg nicht verdient. Knietiefe Schlag­­­löcher, die mit einer honigbraunen Schlammbrühe angefüllt waren, so daß man ihre Gefährlich­keit erst entdeckte, wenn die Achse bereits auf­ge­ses­sen war. Das konnte doch unmöglich unser Weg sein! Ich wurde zu­neh­mend nervöser. Sie stecken Dir ein Messer rein, nehmen Deine Dollars und dann ist die Reise zu Ende und Dein Film auch! kam mir in den Sinn.
Wir fuhren mitten durch den Urwald, im Licht der Scheinwerfer waberten Wolken von Moskitos und die Nacht war voller ungewohnter Geräusche. Nach zwei oder drei Kilometern erreichten wir den Strand. Welch ein Anblick!

Majestätisch! Das war meine erste Empfindung. In langen Bahnen rollte das Meer heran. In gleichmäßigen Intervallen spülten die gebrochenen Wel­len über den feinen Sandstrand, der von Kokospalmen gesäumt war und darüber dieser Sternen­himmel! Wie unbedeutend sind doch unsere Be­gier­den, Wünsche und Sehn­süchte angesichts dieses Naturschauspiels, das sich seit Millionen von Jahren wiederholt!
Unser Weg führte direkt am Strand entlang. In der Ferne entdeckte ich vor uns eine beleuchtete Anlage. Das mußte unser Ziel sein: Schneeweiße Bun­galows, von Palmen umgeben; großzügige Restaurants im Kolonial­stil, ausladende Terrassen und dazu diese tropische Landschaft! Ich rieb mir die Augen, das hatte ich nicht erwartet. So ähnlich hatte ich mir im­mer das Paradies vorgestellt.
Der Wagen stoppte vor einer kleinen überdachten Terrasse, die zu einem zwei­geschossigen Häuschen gehörte, Tony nahm meinen Koffer von der Pritsche und stellte ihn vor die Eingangstüre. Aus dem Nichts erschien ein Mann mit einer alter­tümlichen Schrotflinte, grüßte höflich und über­reich­te mir einen Schlüssel. Das mußte ein Irrtum sein, da war ich ganz sicher. Ich hatte immer noch mein Strohlager vor Augen, mit dem ich mich begnügen wollte. Und jetzt dieses Appartementhaus! Wo immer ich mich befand, mit dritter Welt hatte das hier nichts zu tun.

Ich drückte Tony, aus vollem Herzen dankend, ein paar Dollarscheine in die Hand. Er versprach, mich in einigen Tagen zu besuchen, wünschte mir eine gute Nacht und verschwand mit dem Nachtwächter in der Dunkel­heit. Leise öffnete ich die Türe. Ich war nicht sicher, ob ich alleine war. Viel­­leicht schlafen oben Leute, dachte ich. Was mache ich, wenn bei­spiels­­weise ein altes Weib da oben grundlos zu schreien anfängt? Hier im Erdgeschoß befand sich ein Bett, eine kleine Bar mit Kühlschrank und hinter einer Türe das Badezimmer mit Dusche, WC und Waschbecken. Zunächst streckte ich mich auf dem Bett aus. Komisch, dachte ich, Du wünscht Dir seit vielen Stunden ein Bett zum Schlafen und jetzt, wo Du es hast und Dich ausstrecken kannst, ist die Müdigkeit vorbei. Diesen Effekt kannte ich vom Zahnarzt: In seinem Wartezimmer gehen die Zahn­schmer­­­­zen weg.

Ich stand wieder auf, öffnete den Kühlschrank und genoß den erfreulichen An­blick einiger Flaschen Bier sowie anderer Erfrischungen. Nach alle­dem, was ich durchgemacht hatte, könnte ich ein Bier vertragen, als Gute Nacht Schluck sozusagen. Die hölzerne Wendeltreppe, die nach oben führ­te, ließ mir keine Ruhe. Ich mußte wissen, wie es da oben aussah und ob außer mir noch jemand hier wohnte. Folglich zog ich meine Stiefel von den Beinen und schlich auf Wollsocken himmelwärts. Erleichtert stellte ich fest, daß ich wirklich alleine war und beschloß, das große Bett hier oben zu benüt­zen. Die beiden Lämpchen links und rechts sorgten für eine angenehme Atmosphäre. Als die Flasche geleert war, ging ich noch kurz ins Bad und anschließend zu Bett. Ich fiel in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Ich war angekommen.

Verfasser: Pedro de Las Terrenas
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Kapitel 2