Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Uwe im Flieger nach Düsseldorf. In den vergangenen acht Jahren hat er hier wohl mehr erlebt als alle seine Vorfahren der letzten zwanzig Generationen zusammengenommen! „Wir werden alle Millionäre!“ In Siegerpose stand er damals mitten auf der Hauptstraße, mit ausgestreckten Armen und hatte beide Daumen hinaufgestreckt. „Ich hab dreißigtausend Meter Land gekauft. Wenn der Flughafen in Samana fertig wird, ist es locker das fünf- bis zehnfache wert!“
Er kaufte ein Haus nicht weit von mir, heiratete eine Dominikanerin und sprühte vor Geschäftsideen. Er hatte im fernen Deutschland mit Autos gehandelt und so nahm es nicht wunder, daß er seine Geschäftsverbindungen nutzte und die erste Idee realisierte. „Gebrauchte Autoreifen bekomme ich umsonst. Die Leute in der Heimat müssen noch bezahlen, wenn sie ihre alten Gummis loswerden wollen! Die kommen in den großen Container und dann werde ich die hier mit Gewinn verkaufen!“ Das klang zwar gut, doch gehen die Milchmädchenrechnungen in diesem Land in den allermeisten Fällen aus unerklärlichen Gründen nicht auf. „Das Reifengeschäft existiert bereits, Uwe. Die kommen allerdings aus Amerika und das liegt um ein paar Kilometer näher als Europa.“ gab ich noch zu bedenken, doch er war inzwischen von seiner Idee restlos überzeugt. „Die amerikanischen Reifen haben doch lange nicht die Qualität wie die europäischen!“
Doch wenn Dominikaner gebrauchte Reifen kaufen, ist ihnen die Qualität vollkommen egal, hier entscheidet nur der Preis. Dennoch lief der Verkauf im Anfang recht gut; erst als Uwe ins große Geschäft einsteigen wollte und die Einzelhändler belieferte, wurde es eng. Das Geld wurde knapp, die Leute verkauften zwar, zahlten aber nicht. Mit den Worten: „Ich habe gestern einer von diesen Ratten die Pistole an den Schädel gehalten und ihn aufgefordert, seinen ungedeckten Scheck zu fressen!“ lüftete er eines Tages das Geheimnis seines Erfolges.
Reifen-Uwe, wie er ab jetzt von allen genannt wurde, hatte einen geradezu perversen Zugang zum Humor. Seine Witze waren von der Art, die bei jenen Leuten, die ihn nicht näher kannten, mit absoluter Sicherheit Abscheu und Entsetzen auslösten. Wir saßen eines Abends beim Cafe Rosy und schauten auf die Straße, als sich ein Weib an uns vorbeibewegte, dessen Oberweite jenseits von allem Vorstellbarem lag. „Schau Dir doch nur einmal diese Titten an, Uwe!“ machte ich ihn auf dies hier gar nicht so seltene Phänomen aufmerksam. Er sah kurz hin, schluckte einmal und meinte dann grinsend: „Da hätte der Atze Postsäcke draus gemacht!“
Ein anderes Mal - wir saßen wieder beim Cafe Rosy und schauten auf die Straße - kam Meton, ein Knabe von vielleicht acht oder neun Jahren vorbei und versuchte, uns anzuschnorren. Trotz seiner kindhaften Figur hatte er das Gesicht eines Erwachsenen, der schon alles durchgemacht hatte. Er ging nicht zur Schule, sondern stieg in fremde Häuser ein und stahl, was er kriegen konnte. Von professionellen Dieben wurde er oft und gerne in Anspruch genommen, denn man konnte ihn fast durch jedes noch so kleine Fenster schieben. Natürlich hatte der Knabe mit seiner Bettelei bei uns keine Chance, dennoch machte er einen letzten Versuch: „Dame un cigarillo!“ – „Gib mir eine Zigarette!“ Und Uwe holte seine Packung heraus und gab ihm eine. In genau diesem Moment kam ein Touristenpärchen des Wegs. Sie blieben entrüstet stehen und der Mann empörte sich: „Wie können Sie denn dem Kind eine Zigarette geben?! Das ist ja unerhört!“ Uwe lächelte ihn an und meinte: „Wir müssen schauen, daß wir ihn unter die Erde bringen, bevor er sich vermehren kann!“ Damit war wohl alles gesagt und das Pärchen zog weiter.
Auch ich wurde von seinen Derbheiten nicht verschont. Als er bemerkte, daß Mercedes schwanger war, schlug er mir auf die Schulter, gratulierte mir und meinte: „Das ist das Missing Link, Pedro! Damit machen wir unsere erste Million! Das verkaufen wir an den Zoo in Wuppertal!“ Man mußte ihn, wie gesagt, schon wirklich gut kennen, um darauf gelassen zu reagieren.
Im nächsten Container wurde seine zweite Geschäftsidee geliefert: Ein Fiberglasboot und vier oder fünf Schlauchboote, alle mit Außenbordmotoren. Da noch Platz übrig war, hatte Uwe noch ein großes Thermofenster dazu gelegt, welches er zu Hause nicht mehr brauchte.
Die Idee, Bootstouren zu veranstalten, war in der Tat nicht übel und Uwe hatte diesmal wieder so richtig investiert, doch müssen diese Boote und ihre Motoren regelmäßig gewartet und überholt werden und genau hier lag der Hund begraben. Seine beiden Mecanicos hießen Popo und Popito und obwohl sie nicht miteinander verwandt waren, hatten sie doch eines gemeinsam: Beide hatten nämlich keine Ahnung vom Schrauben und so kam es wie es kommen mußte.
Eines Tages hatte Uwe ein Touristenpärchen mit ihrem Sohn überreden können, eine Tour zur Playa Jackson zu machen. Mit meinem Jeep fuhren wir zum Strand. Uwe ging voran, bestieg das Fiberglasboot und zog an der Starterschnur. Nach zwanzig Minuten vergeblichen Bemühens gab er schließlich auf und wollte eines seiner Schlauchboote klarmachen. Der Touristenpapi spielte aber nicht mehr mit: „Ich habe eine achttausend D-Mark teure Kamera dabei und damit steige ich nicht in das kleinere Schlauchboot. Dann machen wir lieber ein anderes Mal den Ausflug.“
Also beauftragte Uwe seinen Popito mit der Reparatur des Bootes und wir fuhren dann ohne Touristen zur Playa Jackson. Als wir am Nachmittag wieder zurückkehrten, war das Fiberglasboot nicht mehr da. „Siehst Du Pedro! Der Bursche hat es zum Laufen gebracht und schippert damit jetzt irgendwo herum.“ Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte: Das Boot lag auf dem Meeresgrund! Und um es wieder herauszuziehen, war Popito mit Uwes Renault ins Wasser gefahren und damit war das Automatikgetriebe für alle Zeiten hin. Der Bursche hatte es also tatsächlich geschafft, das Boot und das Auto an einem einzigen Vormittag zu verschrotten!
Ein anderes Touristenpärchen hatte einst bei Uwe eine Bootsfahrt mit Hochseefischen gebucht. Mit dem Schlauchboot (!) fuhren wir etwa sieben Kilometer weit hinaus. Die Wellen gingen bis zu sechs Meter hoch. Der Mann wurde sehr schweigsam und seine Frau saß mit geschlossenen Augen und dem Rücken zum Bug, fingerte pausenlos an ihrem Rosenkranz herum und hatte sich vermutlich schon aufgegeben. Uwe hingegen gab den Ärmsten zwei dünne Nylonschnüre in die Hände und dermaßen ausgerüstet, sollten sie auf den weißen Hai warten. Der Tourist meinte daraufhin, sie möchten lieber wieder an Land, sie hätten sich offensichtlich überschätzt.
Als die gute Frau endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, fiel sie auf die Knie, küßte wie der Papst den Sand, hob beide Hände himmelwärts und murmelte: „Nie wieder Urlaub!“ Drei Stunden später war sie noch immer nicht in der Lage, sich eine Zigarette anzustecken, so sehr zitterten ihre Hände!
Neben diesen aufreibenden Geschäften betrieb Uwe außerdem noch eine Diskothek an der Hauptstraße von Las Terrenas. Er investierte eine neue Musikanlage, holte sich einen dominikanischen Disk Jockey und los ging's. „Irgendwas stimmt nicht mit dem Sound, Uwe. Man versteht ja kaum die gesungenen Texte. Zeig mir doch mal die Anlage!“ Im Disk - Raum stellte ich dann fest, daß die beiden Equalizer, das sind die Tonhöhenregler, mich anlächelten, das heißt, links und rechts waren sie oben und in der Mitte unten. „Das kann ja wohl nicht wahr sein, Uwe. Dein Jockey ist ein Schöngeist!“ Über eine Stunde habe ich gebraucht, bis die Tonqualität wieder halbwegs stimmte, doch als ich am Abend in die Disco schaute, lächelten mich die Regler wieder an wie früher!
„Komm mit, Pedro! Wir müssen neue Huren einkaufen! Wo gibt es denn eigentlich die meisten?“ – „Vergiß es, Uwe! Schau zu, daß viele Gringos in Deiner Disco sind, dann kommen die Weiber von selbst!“ – „Das Dorf braucht andere Gesichter, Pedro. Laß uns endlich neue Huren suchen!“
Also machten wir uns auf den Weg nach Sosua. Dort im Marinero war damals die Hölle los: Auf jeden Touristen kamen im Schnitt sieben Mädchen. Der Kampf um das nächtliche Kleingeld war gnadenlos. Uwe lud die ganze Nacht ein Mädchen nach dem andern auf einen Cuba Libre ein, führte mit ihnen seine Verhandlungen und grinste dann zufrieden: „Morgen erwarte ich circa zweihundert Huren zum Frühstück!“ Doch der einzige Gast an seinem Frühstückstisch am nächsten Morgen war ich. „Was erwartest Du Dir, Uwe? Die machen ihr Geld hier! Für die ist Las Terrenas das tiefste Campo! Da haben sie recht, denn wir leben ja auch hinter den Bergen. Die kommen nur zu uns, wenn sie hier in der Nacht keine zwanzig Pesos mehr machen!“ Als er das begriffen hatte, holte er dann tatsächlich zwei neue Mädchen. Die kamen allerdings aus El Factor, einem kleinen Provinznest an der Straße von Nagua nach San Francisco de Macoris, einem Ort ohne Touristen.
In der Folge gab es an einigen Abenden auch Live - Musik und dann war seine Disco immer rammelvoll. Uwe wußte genau, daß er damit die italienische Mafia herausforderte, denn die wollten schon immer das Nachtleben von Las Terrenas kontrollieren.
Es gab auch prompt bestellte Raufereien und es ging so richtig rund damals. „An den Haaren habe ich diese italienische Zangengeburt aus meiner Disco gezogen! schäumte er eines Tages „und wenn die mich ärgern, lasse ich meine Russen einfliegen!“
Alles in allem also interessante Zukunftsperspektiven für Las Terrenas, dachte ich damals noch, doch wie das halt so ist: Seine Russen blieben in Rußland, die Mädchen und die Gäste wechselten ins Nuevo Mundo und heute werden von Dominikanern in seiner ehemaligen Disco nur mehr billige Matratzen und Wäsche verkauft.
Als nächstes legte er sich einen gebrauchten Pick Up zu und fuhr zweimal in der Woche damit nach Constanza, um dort günstig Gemüse, Kartoffeln und ähnliches einzukaufen. In Las Terrenas belieferte er dann einige Hotels und Restaurants und so mutierte er schließlich vom Reifen- zum Zwiebel-Uwe! Pausenlos suchte er nach irgendwelchen Partnern, doch die wurden immer seltener. An deren Stelle traten hingegen immer mehr Konkurrenten auf den Plan und ruinierten die Preise, denn einige fuhren schon mit Kühl-Lkws durch die Gegend. Irgendwann baute er dann neben seinem Haus noch ein paar Cabañas, die er hin und wieder an Touristen vermieten konnte und zog sich langsam ins Privatleben zurück.
Er versuchte sogar noch, mit Dominikanern eine Advokatenkanzlei aufzuziehen, doch das scheiterte ebenfalls kläglich. Zuletzt übernahm er aushilfsweise ein vietnamesisches Restaurant, ärgerte sich in der Folge so lange über seine Köchin bis er sie feuerte, schloß den Laden wieder und läßt sich jetzt seine Nierensteine entfernen.
Ob er jemals wiederkommen wird, wissen wir nicht, doch wenn jemand so lange hier gelebt hat, findet er normalerweise nicht mehr in das geordnete und von der Arbeit geregelte Leben in Europa zurück. Mittlerweile ist der Flughafen in Samana fertiggestellt, wird aber aus technischen Gründen - so heißt es wenigstens von offizieller Seite - von den großen Maschinen nicht angeflogen und Uwe sucht bis heute jemanden, der ihm seine dreißigtausend Meter Land und sein Haus abkauft, doch es findet sich niemand.
Übrigens ließ er das Thermofenster noch in seine Terrasse einbauen. Es waren Dominikaner und die bauten es so, daß es vom Garten aus zu öffnen ist, was natürlich den kommenden Einbrechergenerationen zum Vorteil gereicht!
Pedro.
Verfasser: Pedro de Las Terrenas